Politik | Inland
02.07.2017

Zwei Stunden lang Selfies "mit dem Sebastian"

Auf dem Linzer Parteitag wurde aus der ÖVP die "Neue Volkspartei" des Sebastian Kurz. Neben der "Bewegung" inszenierte man auch den Hype um den Spitzenkandidaten.

Linz war in den letzten Wochen Schauplatz bundespolitischer Weichenstellungen. Am 25. Juni trafen sich die Grünen hier zum Bundeskongress, nur eine Woche später hielt die ÖVP im Linzer Design Center ihren 38. Parteitag ab, um Sebastian Kurz mit 98,7 Prozent Zustimmung zum neuen Bundesparteiobmann zu wählen.

Dabei waren, anders als bei den Grünen und Peter Pilz, politische Erdbeben von vornherein ausgeschlossen. Dennoch wollte die Partei signalisieren: Alles wird neu und gerät in Bewegung.

Aufbruch im Containerdorf

Vor einer Art Containerdorf schwor Sebastian Kurz die Partei auf seinen Kurs ein. Die türkisfarbenen Transport-Container sollen für Aufbruch stehen, für Bewegung und Öffnung. "Wegen Umbau geöffnet", gab Generalsekretärin Elisabeth Köstinger als Motto aus.

Die Inszenierung des Parteitags setzt die Kurzschen Botschaften konsequent um. In eingeblendeten Videosequenzen wird zwar am Rande auf die ältere Parteigeschichte und somit auf die staatstragende Historie der ÖVP verwiesen. Ansonsten ist hier aber alles auf neu getrimmt: Die Buchstaben ÖVP sind nirgends in der weitläufigen Halle zu finden. Viele Teilnehmer im Design Center tragen türkise Krawatten. Auch manche Teilnehmerin hat ihre Garderobe an die neue Parteifarbe - oder besser: Bewegungsfarbe – angepasst.

Eines darf bei einem ÖVP-Parteitag trotz des Mottos "Zeit für Neues" nicht fehlen: Blasmusik. Diesmal nicht in Tracht, sondern in (Superman-)T-Shirts gekleidet, spielt das Ensemble "New Or Linz" zu Beginn die Bundeshymne.

Aufbruch mit Eppinger

Selbst das Ende des Parteitags wird als Aufbruch inszeniert: In einer Art Prozession folgen die Delegierten Kurz und der bunten Blechbläsertruppe nach draußen, wo mit rund 5.000 angemeldeten Gästen ein "Sommerfest" gefeiert wird.

Als sichtlich euphorisierter Einpeitscher kann sich "die Stimme der Bewegung", Peter L. Eppinger, einen Scherz über den Stargast, Ex-Boxer Vitali Klitschko, nicht verkneifen: "Das einzige, wo er heute zuschlagen wird, ist das Buffet."

Als die Türen aufgehen, kommentiert der Ex-Ö3-Mann: "Wir lüften einmal durch". Womit auch das Thema Öffnung inszenatorisch abgefangen ist.

Vor dem Design Center herrscht bereits Volksfeststimmung. Aufgeboten werden Kinderhüpfburg, Showbühne, Bier und Würstel, Knödel und Spätzle. Natürlich gehören zu einer neuen Bewegung auch Pulled Pork und Burger.

Selfies mit Tür und "dem Sebastian"

Eppinger ist damit beschäftigt, Schlangen von Interessenten mit sich selbst vor einer Tür zu fotografieren. Auf der - selbstverständlich türkisfarbenen - Tür steht: "Offen. Für dich."

Dem ehemaligen Ö3-Star ist ein fast messianischer Eifer anzusehen, die Leute für "die Bewegung", wie er sagt, zu gewinnen. Offenbar soll er seinen neuen Arbeitgeber auch insofern entlasten, indem er als Promi das Selfie-Bedürfnis der Bewegten wenigstens ein bisschen befriedigt.

Zu tun gibt es in diesem Bereich aber noch mehr als genug für "den Sebastian", wie der neue Parteichef von den jüngeren Fans genannt wird, die sich um Foto mit dem Polit-Star bemühen. Rasch bildet sich eine große Menschenmenge um Kurz, als dieser ein zweites Mal beim "Sommerfest" erscheint. "Gebt ihm ein Wasser, sonst kippt er noch um", sagt eine Festbesucherin.

Zwei Stunden

Schon während seiner Österreich-Tour hat der Außenminister zum Teil einstündige Selfie-Marathons absolviert. Beim "Sommerfest" in Linz soll die Fotosession laut dem Umfeld Kurz' an die zwei Stunden gedauert haben.

Kurz versucht bei all dem Hype, am Boden zu bleiben. In Interviews am Rande des Fests bedankt er sich höflich "für den Vertrauensvorschuss". Nicht zuletzt durch die Statutenänderungen sehe er jetzt "die Möglichkeit, die Partei zu öffnen und heute eine breite Bewegung zu starten".

"Fühle mich nicht als Alleinherrscher"

Ob er sich jetzt nicht als "Alleinherrscher" fühle, wird er von einer jungen Fernsehjournalistin gefragt.

Kurz bleibt ruhig: "Ich respektiere Ihre Frage. Aber ich bin nicht der Meinung, dass ich ein Alleinherrscher bin. Sondern ich habe die Möglichkeit zu führen. Ich glaube, dass das auch notwendig ist. Wenn jemand Verantwortung übernehmen soll, dann muss er auch entscheiden können."

Kurz bleibt stets sachlich und höflich. Und so soll auch der gesamte Wahlkampf der türkisen Volkspartei ablaufen. In einem der Workshops am Parteitag wurden Inhalte zum "Wahlkampfstil" vermittelt. Die Partei wolle sich nicht an Schmutzkübelkampagnen beteiligen und Angriffe nur mit Sachargumenten kontern, berichtet eine Teilnehmerin.

Auch Klubchef Lopatka beschäftigte sich mit politischen Stilfragen:

Jubelstimmung

Bei aller Sachlichkeit zeigten sich manche Parteidelegierte dennoch in Feierlaune: "Wir sind nur zum Jubeln hergekommen", sagt einer.

Wie die Stimmung sei?

"In Richtung 40 Prozent", ruft ein anderer ÖVP-Mann im Vorbeigehen herüber. Freilich meint er damit die Nationalratswahl, und nicht Kurz' Kür zum ÖVP-Chef.

Ein Ruck soll durch die Partei gehen. "Ein Ruck, den man schon seit mehreren Wochen spürt", sagt Innenminister Wolfgang Sobotka beim Eintreffen. Er wünscht sich vom Parteitag "ein klares Signal, dass es nach vorne geht".

Erinnerung an Django-Hype

Am 8. November 2014 ging ebenfalls ein Ruck durch die Partei, als Reinhold Mitterlehner seinen Vorgänger Michael Spindelegger als Parteichef ablöste. Der "Django-Effekt", der Mitterlehner damals mit 99,1 Prozent Zustimmung ein Rekordergebnis in der jüngeren Parteigeschichte brachte, nutzte sich aber bald ab. Rasch wurde in der ÖVP Sebastian Kurz als Kronprinz ins Spiel gebracht. Nicht zuletzt Mitterlehner erinnerte am Parteitag an die Vergänglichkeit überwältigender Zustimmung.

Der Hype werde diesmal nicht so kurzfristig sein, sagt Oberösterreichs Landeshauptmann Thomas Stelzer.

Was ist jetzt anders?

Wir haben gerade überall einen Generationswechsel, es entsteht ein neuer Politik-Stil. Jetzt hängt es von uns ab, was wir daraus machen." Kurz verkörpere diesen "neuen Politikertypus". Er werde auf seinem Weg "viele mitnehmen, man spürt das", sagt Stelzer.

Unter die allseitige Begeisterung mischt sich dann aber doch eine vorsichtige Stimme.

"Vorsicht mit diesem Hype. Es wäre ein bisschen mehr Demut angebracht," sagt Helmut Mödlhammer, Ex-Präsident des Gemeindebunds. Der stv. ÖVP-Obmann in Salzburg spricht das aus, was in der Euphorie des Parteitages etwas untergeht: "Kritische Stimmen sind mir persönlich lieber. Mir ist lieber, die Menschen da draußen jubeln, und nicht die Funktionäre. Bei den Delegierten kann sich die Stimmung sehr schnell drehen, wie wir ja wissen."