© REUTERS/ALEX KRAUS

Analyse
11/22/2021

Wie der Nachbar zum Corona-Rebellen wird

Impfgegner werden im Internet mit Verschwörungstheorien und Desinformation gefüttert. Das verstärkt Ängste und schweißt zusammen. Welche Strategie dahintersteckt.

von Raffaela Lindorfer, Marlene Patsalidis

"Immer noch ungeimpft? Du geile Sau, halte durch!"

Facebook-Timelines quellen über mit Postings, mit denen Ungeimpfte einander bestärken, "durchzuhalten" – gerade jetzt, da die Regierung eine Impfpflicht angekündigt hat.

Bei der Corona-Demo am Samstag kursierte auf dem Nachrichtenservice Telegram die Warnung, dass Hubschrauber "flüssiges Pfizer" über Demonstranten sprühen oder Mitarbeiter der Stadt Wien mit Impfspritzen unter Kanaldeckeln lauern würden. In anderen Foren wird behauptet, die Regierung drucke heimlich Schilling, weil bald das System zusammenbreche.

Warum verbreiten Menschen so etwas, und warum fällt sogar der ganz normale Nachbar darauf hinein – die Mama mit Kinderwagen etwa oder der vollbärtige Opa, die bei der Demo mitmarschiert sind? André Wolf beobachtet die Szene und recherchiert Falschinformationen für die Plattform Mimikama (das ganze Interview hier).

Der Faktenchecker unterscheidet zwei Spielarten: Zum einen gibt es Verschwörungstheorien wie jene, dass Bill Gates mit der Impfung Chips implantiere.

Zum anderen werde Desinformation verbreitet. Aktuell liegt der Fokus darauf, die Impfung als unwirksam, die Corona-Maßnahmen als "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" und als "Freiheitsberaubung" darzustellen.

Den Lesern wird mit pseudo-juristischen Ausführungen suggeriert, dass sie mit ihrem Widerstand im Recht seien.

"Pseudo-Juristerei"

So wird der Nürnberger Kodex herangezogen und argumentiert, dass Experimente an Menschen verboten seien (gemeint ist die Impfung). Dieselben Juristen, die früher Anleitung gegeben haben, wie man sich vor der GIS drücken kann, erklären jetzt, wie man sich der für 2022 geplanten Impfpflicht entziehen könne, schildert Fake-Analyst Wolf. "Diese Pseudo-Juristerei klingt für Laien schlüssig. Das reicht vielen als Information."

Zudem gebe es eine starke esoterische Szene, die sich mit germanischer Heilkunde beschäftigt, die Impfung als "Mord" bezeichnet und lieber auf die "eigene Immunabwehr" vertraut. Auf Youtube-Kanälen gibt es eine breite Palette an Talk-Formaten.

"Schock-Studie!"

Die Systematik erklärt Wolf so: Häppchenweise und in irrer Schlagzahl würden Falschmeldungen und Halbwahrheiten auf verschiedenen Kanälen gestreut. "Viele Leser merken, dass das nicht ganz stimmen kann, aber irgendwann sagen sie: 'Da wird ja wohl etwas dran sein.'" Je mehr solche Artikel sie lesen, desto mehr davon werden ihnen auf sozialen Netzwerken vorgeschlagen, während seriöse Quellen zunehmend untergehen – ein Teufelskreis.

Dazu kommt, dass "alternative" Medien auf ihren Online-Plattformen optisch recht seriös daherkommen – aber fast ausschließlich das Corona-Thema bedienen und brachiale Schlagzeilen produzieren.

So schreibt etwa der FPÖ-nahe Wochenblick: "Schock-Studie beweist: Je mehr Impfungen, desto mehr Tote." Ein anderes Medium berichtet über eine junge Frau, die "30 Minuten nach der Spritze qualvoll gestorben" sei.

"Widerstandskämpfer"

Menschen, die sich auf diesen Kanälen informieren und Verschwörungstheorien anhängen, zeichnen sich häufig durch ein starkes Bedürfnis nach Einzigartigkeit aus, erklärt die Sozialpsychologin Pia Lamberty, die an der Uni Mainz Verschwörungsideologien erforscht.

"Man will jemand sein, der wirklich weiß, was vor sich geht, und kein 'Schlafschaf' wie die anderen. Gerade in der Pandemie kann man sich schnell zu einem besonderen Widerstandskämpfer hochstilisieren."

Kontrollverlust vermeiden – laut Lamberty ein zweites zentrales Motiv, wieso Menschen an Verschwörungsgebilde glauben. "Man versucht, Kontrolle zu erlangen, indem man Muster sieht, wo keine sind."

Trifft das in der Pandemie auf immer mehr Menschen zu? Das lässt sich derzeit noch nicht durch solide Daten belegen. "Wenn man sich aber Umfragen von vor der Pandemie ansieht, erkennt man, wie weit der Verschwörungsglaube verbreitet ist", betont Lamberty.

Rund ein Drittel der Menschen in Deutschland und Österreich zeige eine gewisse Affinität zum Verschwörungsglauben. "Mein Eindruck ist, dass bei all jenen, die bisher schon einen Hang dazu hatten, der Handlungsdruck in der Pandemie stärker geworden ist."

Die Gesellschaft reagiert außerdem sensibler auf Verschwörungsideologien: Was früher als Eigenart abgetan wurde, wird nun eher als Verschwörungsglaube erkannt.

Die Schnittmenge zwischen Verschwörungstheoretikern und Impfgegnern sei generell groß: "Der Verschwörungsglaube geht tatsächlich mit einer verstärkten Ablehnung von Impfungen einher. Denn er umfasst das Misstrauen gegenüber Mächtigen und Meinungsmachern. Das macht auch Ärzte und Wissenschafterinnen zu Feindbildern."

Geduld

Stehen Ängste hinter dem Hang zu Verschwörungsthesen, kann man dort ansetzen, gemeinsam recherchieren, vertrauenswürdige Quellen suchen und Informationen einordnen. Menschen, die einer ausgeprägten Verschwörungsideologie nachhängen, lassen sich nur schwer von anderen Wahrheiten überzeugen, weiß Lamberty.

"Die beste Chance, sie zu beeinflussen, hat man, wenn man eine gute Beziehung zu ihnen hat. Eine solche Überzeugungsarbeit ist aber mit großem zeitlichen Aufwand verbunden. Weltsichten bauen sich nicht von einem Tag auf den anderen auf – und auch nicht ab. Mit einem Link wird es in den allermeisten Fällen nicht getan sein."

Trolle

Übrigens: Die Kanaldeckel-Warnung, glaubt Faktenchecker Wolf, dürfte ein bewusster Fake sein: "Immer häufiger mischen sich Trolle in diese Telegram-Gruppen, streuen Blödsinn und verbreiten außerhalb Screenshots davon. Ziel ist, die ganze Bewegung dumm aussehen zu lassen."

Der Nebeneffekt: Ängste werden weiter geschürt – und die impfkritische Gruppierung hält noch stärker zusammen.

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