Am Samstag protestierten Zehntausende gegen die Corona-Maßnahmen der Regierung.

© Kurier/Gilbert Novy

Politik Inland
11/22/2021

Impfskepsis: Warum haben viele ein Problem mit der Wissenschaft?

Die Impfdebatte spiegelt die politische und mentale Verfasstheit des Landes wider.

von Rudolf Mitlöhner

Mit dem neuerlichen Lockdown wurde gleichsam bestätigt, was sich schon, spätestens seit Ende des Sommers immer deutlicher abzeichnete: dass die Pandemie auch für die Geimpften nicht vorbei ist. Gleichwohl ist unbestreitbar, dass Geimpfte deutlich besser geschützt sind als Ungeimpfte – die Inzidenz bei Letzteren ist viermal so hoch – und daher eine möglichst hohe Impfquote ein entscheidender Beitrag zur Bekämpfung der Pandemie ist.

Österreich rangiert hier mit rund 65 Prozent im schlechten europäischen Mittelfeld. Hat das mentalitätsmäßige Gründe, hängt es mit einer generellen Wissenschaftsskepsis oder gar -feindlichkeit zusammen?

Der ÖVP-Abgeordnete und Mathematiker Rudolf Taschner hat das Thema in einer Rede bei der letzten Nationalratssitzung aufgegriffen und von einem „Riesenproblem“ gesprochen. Österreich sei um die vorletzte Jahrhundertwende das „Land der Wissenschaft schlechthin“ gewesen, sagt Taschner im Gespräch mit dem KURIER; damit sei es 1938 ff. infolge der Vertreibung bzw. Ermordung der jüdischen Intelligenz vorbei gewesen. Heute zähle „Ideologie mehr als Wissenschaft“. Die mangelnde Impfbereitschaft sieht er auch in diesem Zusammenhang.

Es brauchte eine „Aura der Wissenschaftlichkeit“, diese gelte es bereits in den Schulen grundzulegen – man müsse das „in die Köpfe der jungen Menschen bringen“. Der Mathematiker ruft in Erinnerung, was Wissenschaft und Forschung für unseren heutigen Lebensstandard geleistet hätten.

An Taschner anknüpfend kann man hier die Frage stellen, ob nicht gerade in Europa – und innerhalb Europas gerade in Österreich und Deutschland – dieses historisch einmalige Ausmaß an Wohlstand, Freiheit und Sicherheit sukzessive diskreditiert wurde. Dazu beigetragen haben große Teile von Politik, Medien und Bildungseinrichtungen durch eine allzu einseitige, negativ-kritische Betrachtung der europäischen Geschichte und Tradition sowie eine antikapitalistische/anti-amerikanische Grundhaltung, welcher Gewinnstreben und Wettbewerb tendenziell als verdächtig gelten.

„Elitenfeindlichkeit“

Bei etlichen dieser Themen gibt es übrigens – wie so oft – Berührungspunkte zwischen dem rechten und dem linken politischen Rand. Auch bei der Impfgegnerschaft dürfte es durchaus linksalternativ-esoterische Motive geben. Parteipolitisch federführend ist hier aber zweifellos die FPÖ. Bei deren deklarierten Anhängern gebe es nur eine Minderheit, die pro Impfung eingestellt sei – während die Impfbefürworter unter den deklarierten Anhängern aller anderen Parteien klar in der Mehrheit seien, erläutert Politikwissenschafter Peter Filzmaier dem KURIER.

Für Filzmaier fügt sich das in ein Gesamtbild der FPÖ ein, welches er mit dem Begriff „Elitenfeindlichkeit“ (ausgenommen sportliche Eliten) beschreibt. Dazu gehöre das spätestens seit Jörg Haider bekannte „Kampagnisieren gegen ‚die da oben‘“. Der Antisemitismus – traditionell ja stark „elitenfeindlich“ grundiert – sei im Zuge des Wandels der FPÖ in andere „Anti“-Haltungen diffundiert.

Auf dem  mit Haider begonnenen Weg von der Klein- zur Mittelpartei hätten zunehmend die akademischen Kreise der FPÖ – früher „Honoratioren“ genannt (Anwälte, Ärzte etc.) – an Bedeutung verloren.

Eine Impfpflicht könnte die Hardcore-Gegner noch stärker an die FPÖ binden. Sollte sich indes der Erfolg der Impfpflicht als Ultima Ratio nicht einstellen, könnte die FPÖ über diesen harten Kern hinaus noch jede Menge an Enttäuschten für sich gewinnen, mutmaßt Filzmaier.

Offensichtlich lässt die Impfdebatte exemplarisch einige Grundzüge der geistig-politischen Verfasstheit dieses Landes erkennen.

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