Kurz gegen Kern: Finale ohne Freundlichkei­ten

ORF, Diskussion zwischen Christian Kern und Sebast…
Foto: Kurier/Juerg Christandl Moderatorin Claudia Reiterer mit Christian Kern und Sebastian Kurz

Das zweite TV-Duell zwischen Kanzler Christian Kern und ÖVP-Chef Sebastian Kurz verlief erneut sehr konfrontativ. Einer der Gründe: Der SPÖ-Chef setzte auf Attacke.


Es war ihr zweiter direkter Schlagabtausch, das letzte Duell im TV-Wahlkampf überhaupt. Und wie am Sonntag, bei ihrer harten Diskussion auf Puls4, blieben Christian Kern und Sebastian Kurz einander auch Mittwochabend nichts schuldig.

Der Beginn blieb noch vergleichsweise sanft. Was muss ein Kanzler können?, lautete die Einstiegsfrage.

"Er braucht den Willen, die Kraft und die Entschlossenheit, Dinge umzusetzen", antwortete der ÖVP-Chef. "Kraft" und "Wille", diese Worte sollten von Kurz noch öfter kommen an diesem Abend. "Er spielte mit starken Begriffen – und das ist in einer Fernseh-Diskussion ein gutes Stilmittel", sagt Medientrainer Gerald Groß.

Gemeinsam mit OGM-Chef Wolfgang Bachmayer analysiert der frühere ZIB-Moderator auch dieses Duell für den KURIER. Und in einem sind sich die Experten einig: Zu Beginn, eben bei der Eingangsfrage, hatte Christian Kern einen seiner stärksten Momente. Denn auf die Frage nach den Fähigkeiten eines Kanzlers antwortet der SPÖ-Chef mit einem Sager, der hängen bleibt. "Ich bin durch Kreisky und Vranitzky geprägt, die auf wirtschaftlichen Erfolg geachtet haben – aber auch auf die soziale Balance." Demgegenüber sei Kurz "durch Schüssel geprägt", und der sei dafür bekannt, dass er "die Wirtschaft entfesselte, aber Sozialabbau und Pensionsabbau betrieb".

Die Angst vor Schwarz-Blau, eine das Sozialsystem zerstörende ÖVP-FPÖ-Regierung als Schreckgespenst: Das ist es, womit Kern an diesem Abend an vielen Stellen arbeitet.

Persönliche Attacken

Kurz kontert: "Die SPÖ versucht ständig, mich in ein Eck zu rücken, in dem ich nicht bin. Ich komme aus einem Arbeiterbezirk, meine ist Mutter Lehrerin, mein Vater HTL-Ingenieur, meine Großeltern waren kleine Bauern." Und außerdem hätten die Schweiz und andere Staaten eine niedrigere Steuerquote und "trotzdem Spitäler".

Das Schema aber bleibt: Hier der Angreifer Kern; da der Verteidiger Kurz.

"Der Kanzler hat einen Rollenwechsel vorgenommen", sagt OGM-Chef Bachmayer. "Er agierte bei den Duellen mit Kurz offensiv und attackierte ihn auf der persönlichen Ebene – etwa, indem er ihm vorgeworfen hat, nie ein Unternehmen geführt zu haben." Das sieht auch Trainer Groß sehr ähnlich: "Im Ton war Kern nicht so aufgekratzt wie beim ersten Duell. Was die Inhalte angeht, blieb er aber angriffig."

Leitartikel: Die TV-Duelle waren Kerns letzte Chance

Steht das einem Bundeskanzler? Eher nicht, meinen Groß und Bachmayer unisono. "Es war bemerkenswert, dass es eher an Kurz lag, Gemeinsamkeiten offen anzusprechen." Im Unterschied dazu habe Kern stellenweise sogar ein wenig herablassend argumentiert, sagt Groß.

Was die Themen angeht, blieben der inhaltliche Horizont aber ohnehin überschaubar.

Großen Raum nahm die Frage des Sozialen bzw. des Sozialabbaus ein. Hier sagte Kern, er wolle die 700 Millionen, die man in der Gesundheitsverwaltung einsparen könne, "nicht aus dem System rausziehen, um damit Geschenke an Konzerne zu finanzieren". Das Geld müsse bei den Patienten bleiben. Kurz kontert: "Wir geben Rekordsummen für das Gesundheitssystem aus, aber das Geld kommt bei den Patienten nicht an."

Silberstein fehlte

Bemerkenswertes Detail: Die Affäre Silberstein spielte beim Duell de facto keine Rolle. Nur einmal, als Kern ihn scharf attackierte, antwortete Kurz mit dem Satz: "Der Silberstein sitzt im Gefängnis, aber das Dirty Campaigning geht weiter."

Experte Bachmayer irritiert das: "Die Frage, ob er beim zweiten Platz zurücktreten würde, wurde Kurz gestellt, Kern aber nicht. Zudem wurde die Affäre Silberstein von der Moderation nicht mit einem Wort aktiv angesprochen. Das ist befremdlich."

Fazit der Experten: "Kern hat sich thematisch auf seine Kern-Klientel konzentriert – also auf das Thema Soziales", sagt Groß. Demgegenüber habe Kurz sich bemüht, "ruhig und gelassen" zu agieren, sagt Bachmayer: "Er wollte offensichtlich sein kanzler-mäßiges Verhalten beibehalten."

Zitiert

Die besten Sager des TV-Duells

"Der Unterschied zwischen uns ist: Ich will eingespartes Geld nicht aus dem Gesundheitssystem herausziehen, um es an Großunternehmer zu verschenken."

"Sie sind gegen ein Glyphosat-Verbot, weil Sie einen Großkonzern schützen."

Christian Kern ätzt über Kurz

"Also, die ÖVP ist gegen Spitäler und für Krebs auf dem Teller. Tal Silberstein sitzt zwar im Gefängnis, aber das Dirty Campaigning der SPÖ hört nicht auf."

Sebastian Kurz ätzt zurück

"Ich habe von Schwarz-Blau ein kaputtes Unternehmen übernommen und daraus eines mit 200 Millionen Euro Gewinn gemacht."

Kern über seine ÖBB-Karriere

"Sie haben in einem Milliarden-Zuschuss-Betrieb lediglich ein paar Millionen weniger ausgegeben."

Kurz über Kerns ÖBB-Leistung

"In der Politik geht es nie um Liebesheirat, sondern um Vernunftehen."

Kern zur Koalitionsfrage

Hinter den Kulissen

KURIER-Fotograf Jürg Christandl blickte hinter Kulissen des wichtigsten TV-Duells des Wahlkampfs.

          Wie immer bei den ORF-Konfrontationen dabei: Erstwähler: Diesmal Schulklassen aus dem Kollegium Kalksburg und eine Klasse aus Tullnerbach.            

(kurier) Erstellt am
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