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Politik Inland
07/31/2020

"Der Babyelefant lebt!" - Anschober appelliert an den Hausverstand

Man solle sich nicht nur dann richtig verhalten, "wenn es der Staat verordnet", so Anschober. Aktuell sind kaum noch ältere Menschen erkrankt - er appelliert vor allem an junge.

von Raffaela Lindorfer

Die Regelung zum Mindestabstand ist in der Nacht von Donnerstag auf Freitag aus der Covid-19-Verordnung von Gesundheitsminister Rudolf Anschober (teilweise) gestrichen worden. So gesehen wurde der Babyelefant begraben - es wird nicht mehr gestraft.

Bei einer Pressekonferenz am Freitag appellierte Anschober mit zwei Experten an die Vernunft der Bevölkerung. Der Sukkus: Es brauche keine staatlichen Vorgaben, um sich vernünftig  zu verhalten. 

Zur Begrüßung betonte seine Sprecherin: Der Babyelefant sei keineswegs "gekillt" worden. Das wäre bei einem Ministerium, das auch für Tierschutz zuständig ist, ja auch "absurd". Deshalb, so die einleitenden Worte, sei er jetzt reanimiert worden. 

Anschober bringt gleich den Beweis - in Form eines Pappaufstellers, der vor seinem Rednerpult platziert wurde: "Er lebt!" 

Er sei zwar nicht durch Strafsanktionen vorgeschrieben, "aber wir leben ihn. Wir haben uns an ihn gewöhnt, er tut uns gut." 

Reproduktionsfaktor ist stabil

Wie immer beginnt der Gesundheitsminister zu Beginn seiner Pressekonferenz aktuelle Zahlen - und erinnert daran, dass die Pandemie längst noch nicht überstanden sei. Die weltweite Entwicklung sei noch immer dramatisch, in den USA, Brasilien und Indien steigen die Zahlen am meisten. 

Wie steht Österreich da?

Obwohl die Infektionszahlen an sich steigen, liege der Reproduktionsfaktor relativ stabil bei 1,07. "Wir waren Mitte Juli schon etwas niedriger, in den letzten Tagen sinkt er aber wieder deutlich."

Getestet wird derzeit vor allem in den Tourismusgebieten, auch das Screening (also das Testen ohne Anlass) in Risikobereichen wie in Gesundheitsberufen wird fortgesetzt. Das dürfte sich auszahlen: Es stellte sich heraus, dass 26 Prozent der positiv getesteten Personen keine Symptome hatten. 

Kaum noch ältere Menschen erkrankt

Freilich durfte auch diesmal nicht die Grafik - ausgedruckt auf einem A4-Zettel - fehlen. Und diese Grafik zeigte folgendes: In der Startphase bis zum 15. März gab es viele Betroffene jüngeren bis mittleren Alters. Dadurch gab es relativ wenige schwer Erkrankte.

Dann ging die Alterskurve steil bergauf: Zwischen 16. März und 11. April waren immer mehr Ältere betroffen. Der größte Balken, den Anschober herzeigt, betrifft Menschen ab 50 Jahren. 

Ab 12. April ist der Anteil an Älteren geblieben, die zweitgrößte Gruppe waren dann aber die Jüngeren.

Jetzt, und sei "überhaupt das tollste", sagt Anschober, gebe es kaum noch ältere Betroffene, sondern hauptsächlich jüngere. "Toll" ist das deshalb, weil die Erkrankung - wie wir wissen - bei Jüngeren milder bzw. ganz symptomfrei verläuft. 

Auch in St. Wolfgang, wo sich jüngst ein Cluster gebildet hat, waren bis auf einen Gast nur Praktikanten oder junge Mitarbeiter der Hotellerie betroffen. 

Das sollte jüngeren Menschen zu denken geben, betont Anschober: Auch sie können am Coronavirus erkranken. An sie appelliert er, sie sollten sich nicht nur dann richtig verhalten, "wenn es der Staat verordnet". 

So solle der Mindestabstand, der Babyelefant, gelebt werden. "Ich weiß selbst, es ist nicht immer einfach, daran zu denken", sagt Anschober, und er pocht auch auf den Mund-Nasen-Schutz. Es sei mittlerweile "völlig klar in der Wissenschaft", dass sie nützlich sei. 

"Das sagt einem der Hausverstand"

Als nächste war Hygienikerin Miranda Suchomel mit ihrem Appell an der Reihe. Händewaschen, das jetzt in der Corona-Krise ganz besonders empfohlen wird, sei "Basishygiene", ebenso selbstverständlich sei der Rat, Menschenmengen zu vermeiden. 

"Es braucht kein Verbot von uns, geht da nicht hin. Das sagt einem der Hausverstand", sagt Suchomel. 

Um Tröpfcheninfektionen zu vermeiden, soll man sich auch daran erinnern, das man als Kind gelernt hat: "Hand vorhalten! Man niest oder hustet keine anderen Menschen an." Jetzt, in der Corona-Zeit, wird allerdings die Ellenbeuge empfohlen. 

Suchomel gibt zu, dass sie selbst anfangs "nicht rasend begeistert war" von der Maskenpflicht. Sie hatte die Sorge, dass die Menschen durch den falschen Umgang eher noch mehr Risiko eingehen. 

Vor ihr am Rednerpult liegt übrigens zusammengeknüllt eine Maske - das sei "eigentlich ungustiös", sagt Suchomel. "Wie ein benutztes Taschentuch."

Noch einmal zum Tipp Nummer eins: Händewaschen. Die Hygienikerin meint, sie findet es "fast peinlich", dass es erst eine Pandemie braucht, damit Menschen lernen, wie man Hände wäscht. "Es gibt Menschen, die halten die Hände nur kurz unters Wasser und wischen sich dann an der Hose ab." 

Es gehe bei den Empfehlungen nicht darum, jemanden zu quälen, sondern darum, den Menschen etwas mitzugeben, das auch nach der Pandemie für ihr Leben nützlich ist.

Maske als "Kinnschutz" sinnlos 

Nach diesen durchaus humorigen Ansagen spricht Florian Thalhammer, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Infektiologie, über die Maskenpflicht. 

Auch er war anfangs kein Freund der Maske. Und er ist übrigens auch kein Freund des Wiener Donaukanals - wo junge Menschen "liegen wie die Ölsardinen". Man dürfe sich nicht wundern, so Thalhammer, wenn dann unter den Jungen die Erkrankungszahlen steigen. 

Aber zurück zu den Masken: Thalhammer warnt, dass es nicht die höchste Klasse des Mund-Nasen-Schutzes braucht - dieser müsse für medizinisches Personal reserviert sein. Das Geschirrtuch als Notlösung sei unterste Kategorie, reicht aber auch. 

Eine Textilmaske sei für den täglichen Bereich optimal. Das Infektionsrisiko könne damit deutlich reduziert werden. Sofern man sie richtig trägt: "Viele benutzen ihn ja auch als Kinnschutz, damit das Kinn nicht herunterfällt", kritisiert Thalhammer die Gewohnheit vieler, die Maske unters Kinn zu ziehen. 

Und auch Thalhammer streicht hervor, dass das Abstandhalten weiterhin wichtig sei. "Es braucht dafür kein Gesetz."

Labors in Grenznähe

Nun zu den Fragen der anwesenden Journalisten: Der Wiener Gesundheitsstadtrat Peter Hacker hat vorgeschlagen, dass Corona-Teststationen an den Grenzen eingerichtet werden, um Reiserückkehrer sofort zu testen." 

Was er davon hält? "Nur weil es der Peter vorgeschlagen hat, heißt es nicht, dass das sinnvoll ist", sagt Gesundheitsminister Anschober. Er habe vorhin mit ihm telefoniert und das besprochen. 

Er würde Testmöglichkeiten, "vielleicht nicht direkt an der Grenze, aber in Grenznähe begrüßen". Das sei grundsätzlich gut, die Frage sei nur, "wie schnell und flächendeckend" man das machen könne.

"Wir gehen jetzt den Weg, dass wir Reiserückkehrer sehr offensiv informieren, wo das nächste Labor ist." Ob das nun direkt an der Grenze sei oder 20 Kilometer weiter, sei nicht wesentlich.

Fest steht, dass Rückkehrer aus den 32 Risikoländern (darunter der Westbalkan) binnen 48 Stunden nach Einreise einen Negativ-Test vorlegen müssen. Das sei in der neuen Verordnung "punktgenau" geregelt. 

 

Keine Registrierungspflicht in Tourismusgebieten

Auch zur Frage, ob Gastronomie- und Hotellerie-Betriebe in den Tourismusgebieten verpflichtend die Kontaktdaten ihrer Gäste einholen sollen (einige tun das freiwillig), ist Anschober eher ablehnend.

Die Regierung setzt weiterhin auf freiwillige Testungen - mit dieser Sicherheit für seine Gäste könne ein Unternehmen auch werben. 

Derzeit werde im parlamentarischen Prozess geprüft, ob Menschen bei Veranstaltungen registriert werden sollen. Viele hätten damit persönlich kein Problem - das Einvernehmen muss aus datenschutzrechtlichen Gründen eingeholt werden. 

Als Optionen gäbe es die Verpflichtung für den einzelnen Betroffenen, dass er seine Daten abgeben muss, andererseits die Verpflichtung für den Veranstalter, dass er die Daten von den Betroffenen einsammelt. 

Und auch keine Maskenpflicht in Bädern

Und die Maskenpflicht in den Bädern, die jüngst der Kärntner Bädersprecher gefordert hat? Ist die sinnvoll? Hygienikerin Suchomel empfiehlt die Maske weniger im Freien. 

Wenn man in der Wiese liegt, sei eine Maske "fehl am Platz", beim Kommen und Gehen, wenn am Eingang zum Bad mehrere Menschen stehen, sei sie schon eher sinnvoll, ebenso in geschlossenen Bädern wie Thermenlandschaften. 

Anschober ergänzt: In den Freibädern wurde der Abstand empfohlen, es sei auch politisch keine Maskenpflicht geplant. Es sei denn natürlich, es bilden sich in den Bädern Cluster. "Dann müssen wir noch einmal darüber reden."