Alexander Van der Bellen und FPÖ-Kandidat Norbert Hofer ringen um den Einzug in die Hofburg.

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Hofburg
11/20/2016

Stichwahl: Erstes TV-Duell ging an Hofer

Obwohl Van der Bellen angriffiger war, konnte FPÖ-Mann Hofer bei Zusehern punkten.

von Bernhard Gaul, Raffaela Lindorfer

Sonntagabend wurde zum bereits vierten Mal die Intensivphase des Hofburg-Wahlkampfes eingeläutet. Auf Puls4 mussten sich bei der TV-Konfrontation "Wer wird Präsident? Das Duell" der Freiheitliche Norbert Hofer und Alexander Van der Bellen, Ex-Chef der Grünen, einmal mehr beweisen. Das Fernsehen sei dafür die "mit Abstand beste Bühne", findet OGM-Meinungsforscher Wolfgang Bachmayer (Analyse siehe unten). Denn nach fast elf Monaten Wahlkampf dürften die Standpunkte der beiden Kandidaten, die nicht gegensätzlicher sein könnten, hinlänglich bekannt sein. Im Fernsehen bilden sie bloß noch die Rahmenhandlung.

Der KURIER hat live getickert, hier zum Nachlesen.

"TV-Debatten bestätigen die jeweiligen Lager, sie drehen niemanden um. Jetzt geht es darum, die jeweiligen Anhänger zu mobilisieren – das wird wahlentscheidend sein", erklärt Bachmayer.

Sanfter Start

Vielleicht war es der langen Pause seit dem letzten Duell am 19. Mai geschuldet, aber es dauerte fast eine Stunde, bis die Kontrahenten ihr Profil mit allen Ecken und Kanten zeigten und ihr Gegenüber angriffen. Anfangs wurde über Van der Bellens Trachtensakkos gesprochen, und ob Hofer "morgens, mittags, abends nur Kreide" zu sich nehme. Van der Bellen betonte einmal mehr, warum die FPÖ und damit Norbert Hofer gefährlich für das Land "und jeden zweiten Arbeitsplatz" sei, weil sie mit einem EU-Austritt Österreichs liebäugle. Hofer konterte, dass das gar nicht sein Plan sei und er eine "Öxit"-Volksabstimmung nur befürworte, wenn die EU zentralistischer wird und die Türkei der EU beitritt. Trockener Konter des Ex-Grünen: "Tatsache ist doch, dass die FPÖ noch im Jänner dieses Jahres einen Antrag zu einer Volksabstimmung über den Austritt aus der EU eingebracht hat."

Hofer hat sich in der Diskussion lange zurückgehalten, wohl um nicht als aggressiv zu gelten. Van der Bellen war dafür viel angriffiger, als erwartet. Doch spätestens bei den großen emotionalen Themen unserer Zeit – etwa die Haltung gegenüber der Türkei unter Präsident Erdoğan, Dschihadismus oder die Flüchtlingskrise – wurde die TV-Debatte schärfer und härter.

Ist Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel wirklich die "gefährlichste Frau Europas", wie das FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache meinte, wollte Puls-4-Moderatorin Corinna Milborn von Hofer wissen? Er sei vom Time-Magazin auch schon als "gefährlichster Politiker Europas" bezeichnet worden, begann Hofer. Er sehe Merkel in einigen Bereichen positiv, doch mit ihrem "Wir schaffen das" habe sie nur Menschen angelockt. Ihre Entscheidung habe Österreichs Steuerzahlern massiven Schaden zugefügt. Allein die Flüchtlinge von 2015 würden 20 Milliarden Euro kosten: "Ich sage, wir schaffen das nicht."

Van der Bellen konterte, dass Merkel für ihn die wichtigste Politikerin Europas sei. Ihr Satz sei von Zuversicht getragen gewesen, und das sei gut. Und nicht zuletzt habe Europa eine Verpflichtung, "wenn wir uns schon christliches Abendland nennen, den Menschen zu helfen". Um schließlich noch anzumerken: "Irgendwo gibt es natürlich auch Grenzen."

Und wie würden die beiden ihre Rolle als "Präsident für alle" anlegen, wollte Milborn noch wissen? "Der Sieger muss ein guter Sieger sein, der Verlierer ein guter Verlierer", sagte Hofer. Van der Bellen überlegt lange und meint dann: "Ja, es sind zwei Hälften in Österreich – aber wir machen gemeinsam dieses Österreich aus. Wir sollten mehr miteinander reden als übereinander. Wir werden schon zusammenkommen."

49 Prozent fanden den FPÖ-Kandidaten überzeugender

Drei Fragen hat das Meinungsforschungsinstitut OGM am Sonntag 500 Zusehern des TV-Duells auf Puls4 in einer repräsentativen Umfrage gestellt – und bei zwei davon hat Alexander Van der Bellen gewonnen: Wer wäre der bessere Vermittler und Verbinder in Österreich? Wer würde Österreichs Interessen in der Welt besser vertreten?

Bei der dritten und wesentlichsten Frage ging allerdings Norbert Hofer als Sieger hervor: 49 Prozent meinten, der FPÖ-Kandidat habe sie im TV-Duell insgesamt mehr überzeugt; nur 41 stimmten für Alexander Van der Bellen. Die Diskrepanz erkläre sich dadurch, dass einige Fragen – bei denen wohl Hofer vorne gelegen wäre – nicht abgefragt wurden, erklärt OGM-Chef Wolfgang Bachmayer. Er schließt sich dem Ergebnis an: „Hofer hat insgesamt besser abgeschnitten.“

Rollentausch

Erstaunlich findet der Meinungsforscher den Rollentausch: „Hofer war schaumgebremst und vorsichtig, im Gegensatz zu einem sehr provozierenden Van der Bellen. Er hat immer wieder versucht, seinen Gegner aus der Bahn zu werfen.“ Das „professorale, großväterliche Image“ habe er also kurzfristig ad acta gelegt, trotzdem sahen ihn 52 Prozent der Befragten als „Verbinder“ – was zeige, dass sich dieses Image in den Köpfen der Wähler gut manifestiert habe, erklärt Bachmayer.

In Sachen Repräsentation liegen Van der Bellen und Hofer mit 49 zu 46 fast gleichauf. Bei einer früheren OGM-Umfrage war der Freiheitliche in diesem Punkt wesentlich weiter hinten. „Hofer hat durch seine Kontaktpflege in den östlichen Nachbarländern und seine positiven Aussagen zu Trump in den USA aufholen können“, meint der OGM-Chef. Beide Kandidaten scheinen im Wahlkampf aber noch nicht auf Betriebstemperatur zu sein, Bachmayer erwartet bei den kommenden Debatten (am 27.11. auf ATV, am 1.12. im ORF) heftigere Gefechte.