Politik | Inland
17.01.2018

"Spiegel" zu "Anschluss"-Titel: "Tut uns leid"

Deutsche Medien widmen sich ausführlich dem Antrittsbesuch von Sebastian Kurz bei Angela Merkel in Berlin. Dabei griff der "Spiegel" zu einem gewagten Wortspiel. Eine kommentierte Presseschau.

Im Vorfeld des Berlin-Besuchs von Bundeskanzler Sebastian Kurz ( ÖVP) sorgte eine Schlagzeile aus Deutschland kurzfristig für Aufregung in den sozialen Netzwerken. "Kurz sucht Anschluss", war da am Mittwochmorgen zu lesen. Es handelte sich dabei nicht etwa um das Satire-Magazin Titanic und eine Fortsetzung von deren "Baby-Hitler"-Späßen (siehe unten), sondern um die Online-Ausgabe des Spiegel.

"Beschweren sich über 'konzentriert', aber machen selbst Wortspiele über den 'Anschluss'", schrieb da etwa ein empörter Twitter-User. "Die hämische Verwendung des Wortes ’Anschluss’ in Zusammenhang mit Österreich steht ja einem deutschen Medium besonders gut an", lautete ein anderer Kommentar.

Dass die Formulierung eventuell unglücklich gewählt war, wie viele Nutzer anmerkten, und zu eindeutig auf den sogenannten "Anschluss" Österreichs an Hitler-Deutschland im Jahr 1938 anspielte, erkannte dann auch die Redaktion bei Spiegel.de und änderte den Titel in das unverfängliche Wortspiel: "Kurz mal nach Berlin".

"Spiegel": "Tut uns leid"

Wien-Korrespondent Hasnaim Kazim wollte die ursprüngliche Formulierung nicht kommentieren, die Titel-Entscheidung sei in der Hamburger Redaktion gefallen. Dort erklärt man auf KURIER-Anfrage knapp: "Wir haben die Überschrift geändert. Die erste Version, die in der Redaktion entstand, war daneben, das tut uns leid."

Voraussichtlich nicht entschuldigen wird sich das berüchtigte Magazin Titanic für ihre aktuelle Satire-Meldung zum Thema "Baby-Hitler", die noch schnell vor der Berlin-Reise Sebastian Kurz' abgesetzt wurde.

Schwierige Beziehung Kurz-Merkel

Doch zurück zu den außenpolitischen Analysen in den deutschen Medien.

Der österreichische Kanzler wolle in Berlin "gut Wetter machen" um ein Zeichen für die "pro-europäische Ausrichtung" zu setzen, heißt es in dem zuuvor erwähnten Spiegel-Text. Aber leicht werde das nicht für Kurz. Als Hauptgründe dafür werden Misstöne beim Flüchtlingsthema und Uneinigkeit in der Russland-Politik angeführt.

Die Welt schreibt: "Als Außenminister Österreichs gehörte Sebastian Kurz zu den Kritikern der Bundeskanzlerin. Nun ist der 31-Jährige selbst Kanzler – und zum Antrittsbesuch bei Angela Merkel in Berlin." Man widmete dem Empfang bei der deutschen Kanzlerin einen Livestream, der vom Partner-Nachrichtensender N24 übernommen wurde. Bei der Übertragung des Empfangs mit militärischen Ehren sagte der Kommentator unter anderem: "Küsschen fiel flach".

Auch die Süddeutsche Zeitung berichtet in ihrer Online-Ausgabe prominent und ausführlich über den Antrittsbesuch: "Wie geschmeidig dieser Sebastian Kurz sein kann. Seit er zum Kanzler Österreichs gewählt wurde, verwendet er zum Thema Angela Merkel nur noch sehr freundliche Worte", schreibt die SZ. "Nun wäre das alles nicht überraschend, wenn die Beziehungen zwischen Wien und Berlin wirklich gut wären. Freundschaftlich gar und geprägt von engster Zusammenarbeit. Tatsächlich aber gibt es derzeit in der EU kaum einen Regierungschef, der es sich mit der Kanzlerin in den vergangenen zwei Jahren so verscherzt hat."

Auf FAZ.net war zwischendurch noch prominenter die Nachricht platziert, "mit wem Mörtel Lugner diesmal zum Opernball geht". Etwas darunter dann ein Kurz-Interview mit dem etwas süffisanten Titel: "Ich wünsche mir eine stabile Regierung in Berlin." Im Text klingt das dann doch wesentlich diplomatischer: "Es stimmt, meine erste bilaterale Reise hat mich nach Frankreich geführt, weil ich der Meinung bin, dass es Veränderungen in der Europäischen Union braucht und Präsident Emmanuel Macron jemand ist, der den starken Willen hat, diese Veränderungen einzuleiten. Das ändert nichts daran, dass Deutschland unser wichtigster Nachbar und Partner ist."

Bild.de berichtet über "Ösi-Kanzler"

In der gedruckten Ausgabe der Bild-Zeitung war am Mittwoch über ein "Milch-Gesicht", das "Merkel stürzen" will, zu lesen. Damit ist der deutsche Jungsozialisten-Chef und GroKo-Gegner Kevin Kühnert gemeint. Der Kurz-Besuch fand in der Mittwoch-Ausgabe noch keinen Niederschlag. In der Online-Ausgabe aber wird unter dem Titel "Ösi-Kanzler bringt Merkel neuen Flüchtlingsplan mit" berichtet: "Es treffen zwar zwei unterschiedliche Generationen aufeinander – aber nicht mehr zwei Welten."

Im Hause Springer, aus dem die Bild-Zeitung stammt, wurde Kurz Mittwochabend zu einem "hochkarätigen Abendessen" mit zahlreichen Wirtschaftsbossen und der deutschen Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) erwartet.

Um 23 Uhr ist dann in der ARD das am Nachmittag aufgezeichnete Kurz-Interview bei Sandra Maischberger zu sehen. Zu Gast ist auch der ehemalige deutsche Bundesminister Jürgen Trittin von den Grünen, der in der Sendungsankündigung als "Kritiker der österreichischen Flüchtlingspolitik" vorgestellt wird.