SOS-Kinderdorf-Skandal: Endet das lange Schweigen dieses Mal wirklich?
Volle Transparenz.
Mit diesem Versprechen hat sich am Mittwoch der neue, nun von Friedrich Santner geführte Aufsichtsrat von SOS-Kinderdorf Österreich der Öffentlichkeit präsentiert (siehe unten). Die 1949 von Hermann Gmeiner in Tirol gegründete Organisation steckt in der tiefsten Krise ihrer Geschichte, seit im Herbst sukzessive Vorwürfe von Gewalt und sexuellem Missbrauch bekannt wurden.
Die neue Führung verweist darauf, dass sich viele nun bekannt gewordene Fälle vor Jahrzehnten ereignet haben. Das stimmt. Und ist doch nur die halbe Wahrheit.
Bekannt wurde manches erst jetzt, weil Führungskräfte zuvor stets den Mantel des Schweigens darüber gebreitet hatten – etwa, was den sexuellen Missbrauch durch Gründer Gmeiner selbst betrifft. Zudem waren Kinder bis in die 2020er-Jahre Gewalt ausgesetzt. Diesbezügliche Studien zu den Standorten Moosburg und Imst wurden ebenfalls unter Verschluss gehalten.
Omertà
Die jetzige Ankündigung der SOS-Spitze darf man mit einiger Skepsis betrachten. Es ist nicht der erste Anlauf der Organisation, sich vermeintlich „voll transparent“ einer Aufklärung zu stellen.
2014 etwa tönte Elisabeth Hauser, damals pädagogische Leiterin und von 2019 bis 2024 Co-Geschäftsführerin, es lasse sich „nicht immer verhindern, dass etwas passiert. Aber wir dürfen nichts vertuschen.“ Damals wollte die Organisation vermeintlich mit sich selbst abrechnen. Man hatte den Tiroler Historiker Horst Schreiber – bekannt durch die Aufdeckung zahlreicher Heimskandale der Nachkriegszeit – mit einer Studie zur Aufarbeitung der Erziehungspraktiken seit der Gründung der Kinderdörfer beauftragt. Schreiber stieß dabei auf Fälle sexuellen Missbrauchs und dessen Vertuschung in einem Tiroler Kinderdorf. Seine Ergebnisse veröffentlichte er unter dem vielsagenden Titel „Dem Schweigen verpflichtet“.
2014 – zu dem Zeitpunkt war in der Organisation bereits bekannt, dass ein Großspender Kinder in Nepal sexuell missbraucht und im Kinderdorf in Altmünster Kinder betatscht haben soll. Bei der Staatsanwaltschaft wurde der Großspender erst Ende 2021 angezeigt, als eine Whistleblowerin die Causa aufzeigte. Die Entschädigungszahlungen für Gmeiners Opfer waren spätestens seit 2013 intern bekannt und wurden erst heuer, 2025, von der Geschäftsführung eingestanden.
Es ist, als sei der Organisation eine Omertà – ein Gesetz des Schweigens – in die DNA eingeschrieben: Dorfvater, Kinderdorfmutter, die Kinder, aber auch die Organisation als Ganzes, sollen eine große Familie sein. Was innerhalb dieser Familie vorfällt, soll auch innerhalb dieser geregelt werden. Nach außen wird der schöne Schein gewahrt.
Nach Gmeiner ist Kutin ab 1985 das „Familienoberhaupt“. Er sitzt jahrzehntelang an allen Schalthebeln der Macht – im Landesverein in Österreich, im Dachverband und im finanzstärksten Förderverein, dem Hermann-Gmeiner-Fonds (heute SOS Kinderdörfer weltweit). Innerhalb der Organisation, die mehr als 100 Landesvereine hat, wächst der Widerstand gegen diese Machtkonzentration über die Jahre. Und so kommt es Ende 2020 zu einem Bruch der Omertà.
Vertraulich
Acht Vereine unter der Federführung von Norwegen beauftragen die Anwaltskanzlei Wiersholm mit Untersuchungen und übergeben ihre Dokumente zu Vorwürfen des Kindesmissbrauchs, der wirtschaftlichen Vergehen und zu Problemen in den Bereichen Compliance und Governance in fünf Ländern (Österreich ist nicht dabei).
Es ist kein leichtes Unterfangen, wie die Autoren in ihrem 339-seitigen Bericht mit dem Titel „Duty to act“ („Pflicht zum Handeln“) und unter dem Siegel „privat und vertraulich“ schildern. Der damalige Dachverbandspräsident Siddhartha Kaul sieht die „Privatermittlungen“ als „Attacke gegen die Föderation“. Der Gründerverein Österreich warnt vor einem „massiven Schaden für die Marke“ und drohte Norwegen mit dem Entzug der Markennutzungsrechte.
Die Organisation versucht unterdessen, sich gegen Informationsflüsse abzudichten: Mitarbeiter hätten Verschwiegenheitsklauseln in ihren Arbeitsverträgen, eine anonyme Whistleblower-Plattform sei mit ihren Computern nicht erreichbar, und wer sich dennoch an Wiersholm wendet, fürchte sich vor „Vergeltung“, heißt es in dem Report.
Verrat
Im Ergebnis hätten sich die Vorwürfe „größtenteils bestätigt“, so das Fazit. Der Dachverband habe „trotz Benachrichtigungen mehr als ein Mal nicht interveniert oder in einer effektiven Art und Weise dafür gesorgt, Missbrauch zu stoppen und präventiv zu agieren“. Wissen und Details über Täter seien nicht mit Behörden geteilt, sondern geheim gehalten worden – „mit beschränktem Zugang nur für Schlüsselfiguren in der Föderation“ –, was „angeblich in erster Linie dem Schutz der Marke diente“.
Festgehalten wird zudem: „Die Tatsache, dass die Kinder von denjenigen im Stich gelassen wurden, die von Regierungen, Gemeinden, Familien und Spendern mit der Betreuung solch schutzbedürftiger Menschen beauftragt wurden, macht diesen Verrat umso schmerzlicher und schwerwiegender.“
Ironie
Der Wiersholm-Report, finalisiert im April 2021, bringt eine Lawine ins Rollen. Laut Insidern war genau das die Absicht. Präsident Kaul dankt ab, der Senat – das höchste SOS-Gremium – wird neu aufgestellt und setzt eine Untersuchungskommission ein: die „Independent Special Commission“ (ISC). Österreich reagiert mit einer eigenen Kommission, der „Independent Childcare Commission“ (ICC). Erneut verspricht Hauser – da bereits als Co-Geschäftsführerin – eine „schonungslose und transparente Aufarbeitung“.
Beide Kommissionen legen 2023 ihre Berichte vor, jener der ICC wirkt im Nachhinein betrachtet weichgespült. Die 991-seitige Langfassung des ISC kommt unter Verschluss und ging erst jetzt, nachdem der KURIER berichtete, an die Staatsanwaltschaft.
Nun gibt es erneut eine Kommission, die Vorfälle aufarbeiten und Reformvorschläge machen soll. Geschäftsführerin Annemarie Schlack verspricht: „Die Unkultur des Schweigens hat ein Ende.“ Dass sie selbst bis vor Kurzem einer Verschwiegenheitsklausel unterworfen war, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Jetzt sollte der Aufklärung nichts mehr im Wege stehen. Oder?
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