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Politik von innen
02/08/2021

"Schau, Günther": Wie der Bund Tirol vor einem zweiten Desaster bewahren will

Nach Ischgl droht Tirol als Hotspot der Südafrika-Variante Schlagzeilen zu machen. Doch die Landespolitik will das Risiko nicht wahrhaben

von Daniela Kittner

Am Sonntag am Abend griff der Kanzler zum Telefon. „Schau, Günther...“

Sebastian Kurz kann mit dem Tiroler Landeshauptmann Günther Platter grundsätzlich gut reden, seit Tagen waren jedoch die Fronten festgefahren.

Der KURIER recherchierte Szenen eines Streits - und eines brüchigen Friedens:

Die Tiroler hatten sich in den vergangenen Tagen immer mehr in Wut geredet und die Gefahr durch die südafrikanische Corona-Mutante in ihrem Land kleingeredet. Das ging so weit, dass Landespolitiker mit Top-Virologen über deren wissenschaftliche Messergebnisse stritten. Thema war der Anteil von Mutanten an den Tiroler Infiziertenzahlen. Sagte die Virologin Dorothee von Laer in internen Sitzungen „15 Prozent“, konterte Platter mit „2,5 Prozent“. Als ob das Verhandlungssache wäre.

Bund deckte echte Zahlen auf

Als der Bund  in amtlichen Landes-Labordaten Nachschau hielt,  wer recht hat, stellte sich heraus, dass dort mehr als 300 Südafrika-Mutanten verzeichnet waren –  fast doppelt so viele, wie das Land zuvor gebetsmühlenartig behauptet hatte. Zögerlich bestätigten dann auch die zuständigen Experten des Landes Tirol die  Mutantenfallzahlen.

Bund warnt wegen Sommersaison

„Schau, Günter“: Was Kurz dem Tiroler Landeshauptmann in dem Vier-Ohren-Telefonat am Sonntagabend gesagt hat, ist nicht wörtlich überliefert.

Sinngemäß aber schon. Es ging um den Imageschaden für Tirol, wenn das Land zum international bekannten Hotspot der Südafrika-Mutante würde. Das deutsche Robert-Koch-Institut hat die Kategorie „Mutationsgebiet“ in seinen Warnstufen eingeführt. Würde das RKI Tirol zum Mutationsgebiet erklären, würden die damit verbundenen Reisewarnungen und der Imageschaden auch die kommende Sommersaison gefährden.

Tirol könnte überdies zum Testgebiet für die Pharmafirmen werden, um zu schauen, ob und wie die Impfstoffe gegen die Mutanten wirken - mit entsprechender Berichterstattung in internationalen Medien. Auch kein Renommee für ein Tourismusland.

Ganz abgesehen vom Schaden für den Tourismus ist die Verbreitung der Südafrika-Mutante für die Tiroler Bevölkerung ein Risiko: Wenn der Astra Zeneca-Impfstoff, von dem sehr viel bestellt ist, nicht richtig wirkt, kommt zu allem noch ein Impfproblem hinzu.

Gemeinsam getextet

So weit die Warnungen aus Wien. Anschließend an das Telefonat haben Gesundheitsministerium, Kanzleramt und Tirol den Text für den Maßnahmenmix des Landes gemeinsam verfasst. Der Text war am Sonntag um Mitternacht fertig, bis drei Uhr früh wurden noch Feinheiten abgestimmt. Auch dass der Bund auf die tags darauf verkündeten Tiroler Maßnahmen eine Reisewarnung draufsetzen würde, war unter allen Beteiligten abgestimmt.

Kurz an Anschobers Seite

Kanzler Kurz und Gesundheitsminister Rudolf Anschober arbeiteten in der Causa Tirol nicht gegeneinander, sondern miteinander. Gemeinsam versuchten sie dem Land klar zu machen, dass es hier nicht um „Bund gegen Tirol“ geht, sondern um „alle gegen das Virus“.

Im zweiten Quartal – und das beginnt in ein paar Wochen – sind große Lieferungen an Impfstoff zu erwarten. Es wäre jammerschade, wenn auf den letzten Kilometern der Akutphase der Pandemie noch ein Supergau wie in Portugal oder Irland passieren würde – mit einem rasanten Wachstum von gefährlichen Mutanten, noch mehr Toten und noch härteren Maßnahmen, um das Gesundheitssystem nicht überlasten. Österreich hat gerade Patienten aus Portugal aufgenommen. In Spanien ist die brasilianische Variante angekommen.

Zeitachse strecken

Man wird die Mutationen nicht aufhalten können. Aber man kann deren Wachstum verzögern, bis nennenswerte Personengruppen geimpft sind: die Ärzte, das Pflegepersonal, die Über-60-Jährigen, die Vorerkrankten. Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel hält ihr Land seit Wochen im strengen Lockdown, um genau das zu erreichen: die Zeitachse strecken.

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