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TV-Tagebuch
02/08/2021

"Na, überhaupsch ned": Tiroler Widerstandsgeist in der "ZiB 2"

Im ORF-Studio war der Tiroler Wirtschaftskammerpräsident Christoph Walser nicht gewillt, eine Meinung außerhalb Tirols gelten zu lassen.

von Peter Temel

*Disclaimer: Das TV-Tagebuch ist eine streng subjektive Zusammenfassung des TV-Abends.*

„Wenn auch nur ansatzweise irgendwo etwas vom Gesundheitsministerium kommen sollte, dann werden’s uns am Montag richtig kennen lernen.“

Ein Satz wie ein Donnerschlag, den der Tiroler Wirtschaftskammerpräsident Christoph Walser am Wochenende abgesetzt hat.

Wenn solche Sätze aus Tirol kommen, dann zeitigen sie in der Minimalvariante ein Verhalten, das mit den Worten „Bisch' koa Tiroler“ beginnt und mit „bisch' a O.…loch“ endet. In der Maximalvariante drohen Auftritte mit Mistgabeln, eine Sperre des Brenners, inklusive landesüblichem Empfang mit Schnapstrinken und den Tiroler Schützen. Seit dem Aufstand von 1809 gegen die bayerischen und französischen Besatzer ist der Widerstandsgeist aus dem Inntal Legende.

Ein Ton, um gehört zu werden

Am Sonntagabend sagt Walser im ORF dazu: „Manchmal muss man offensichtlich einen Ton wählen, damit man gehört wird und das ist uns, glaub ich, geschtern gelungen.“

Das stimmt. So sehr gelungen, dass ihn der Weg in die „ZiB 2“ geführt hat. Und dort zugeschaltet, ist er nicht gewillt, auch nur irgendetwas an der Position zu landesweiten Quarantänemaßnahmen zu ändern.

„Man zeigt seit Monaten mit dem Finger auf Tirol. Wir waren die ersten, die das Land abgesperrt haben, die mit dem Testen angefangen haben, die wirklich aktiv gegen diesen (sic) Virus gekämpft haben und daher haben wir’s einfach satt, dass wir uns ständig im Rampenlicht stehen lassen und verurteilen lassen, dass Tirol nichts macht.“

 „Unverantwortlich“ sei das, „was derzeit aus dem Gesundheitsministerium kommt, dass man mit unterschiedlichen Zahlen agiert. Es gibt überhaupsch keine Transparenz.“

Alles richtig gemacht

In Tirol wird also wieder einmal alles richtig gemacht, wie wir seit der Diskussion um Ischgl im vergangenen März wissen.

„Wir testen, wir testen, wir testen, wir impfen, wir tragen die Masken“, sagt Walser. Die einzige Forderung sei, dass nan Tirol „gleich behandelt wie alle anderen Bundesländer.“

Es sollte aber nicht nur um Tirol gehen, sondern auch darum, was um Tirol herum liegt. Moderator Martin Thür weist darauf hin: „Aber kann man Tirol tatsächlich gleich behandeln, wenn es fast 400 Verdachtsfälle dieser gefährlichen Mutation gibt?“

Walser bestreitet diese Zahl: „Aktiv positiv sind derzeit acht Personen“, da werde „massiv falsch informiert“, und zwar vom Gesundheitsministerium.

In Tirol werde drei Mal so viel sequenziert also anderswo.

Gegenwehr aus Tirol

Thür insistiert: Ob Walser dafür die Verantwortung übernehmen wolle, wenn sich die südafrikanische Variante nun über ganz Österreich ausbreiten sollte, insbesondere nach der Öffnung des Handels.

Man solle zusammenhalten und nicht gegenseitig mit dem Finger aufeinander zeigen, meint Walser.

„Das ist ja keine Frage der Meinung, sondern eine Frage der Fakten“, sagt Thür. Man habe jetzt vielleicht noch die Chance, diese Variante einzukesseln.

Eine Chance, die mit jedem verstrichenen Tag übrigens geringer wird. Und auch Sonntagabend gab es noch kein Ergebnis der Verhandlungen, wie mit der Mutation B.1.351 in Tirol nun zu verfahren sei. „Vielleicht liegt das auch an der Gegenwehr aus Tirol“, merkt Thür an.

Immer wieder Ischgl

Mit dem Testen und den üblichen Quarantänemaßnahmen im Land setze Tirol ausreichend Maßnahmen, um die Sicherheit zu gewährleisten, meint Walser.

Die Frage nach Ischgl sorgt dann für die übliche Tiroler Antwort: "Die Frage ist schon, wie ist das Virus nach Ischgl gekommen?"

Thür weist darauf hin, dass seine Frage eine andere war. In Ischgl habe man nachweislich zu spät gehandelt, was noch immer Gegenstand von staatsanwaltlichen Ermittlungen sei. Ob das nun nicht wieder ein Fall sei, „wo es besser gewesen wäre, früher zu reagieren?“

„Na, überhaupsch ned“, sagt Walser. In Ischgl sei schnell reagiert worden. „Man hat innerhalb von zehn Tagen ganz Tirol leer gemacht. Es muss mir mal jemand zeigen, wie man innerhalb von zehn Tagen 250.000 Gäste aus dem Land bringt.“

Das ist neu. Muss man künftig auf eine Form der Negativquarantäne setzen? Also Leute, die möglicherweise das Virus in sich tragen, möglichst rasch aus einer Region zu bringen um sie, wie schon einmal geschehen, über den halben Kontinent zu verteilen?

Tirol ist nicht Ottakring

Aber die Sorgen, die dort existieren, wo nicht Tirol ist, perlen an Walser ab. Auch der Wiener Bürgermeister sollte sich um Wien-Ottakring kümmern, meint er, „wir kümmern uns um Tirol.“

Mit Blick auf Aussagen des CSU-Generalsekretärs Markus Blume, der unter anderem vor einem „zweiten Ischgl-Effekt für ganz Europa“ warnte, hat Walser gar folgende Antwort parat: „Wenn man dann solche Meldungen aus Deutschland kriegt, wo man wirklich so hingestellt wird, dass wir das Zentrum dieses Virus gewesen wären, muss man irgendwann vielleicht auch die Frage stellen:  Wenn schon keiner mehr einreisen sollte nach Tirol, ob der Transitverkehr in Zukunft nicht durch andere Länder fährt wie durch Tirol.“

Man soll die Wirkungsmacht der Wirtschaftskammer Tirol nicht überschätzen. Aber ihr Chef tut das offenbar schon. Und wenn es gegen Bayern geht, dann wird in Tirol selbst ein Mann der Wirtschaft offenbar zum Transitgegner.

Mander, s’isch Zeit, die Wortgewalt wieder etwas abzurüsten.

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