Politik | Inland
17.05.2018

Nationalrat beschließt umstrittene Deutschförderklassen

Wien wehrt sich weiterhin gegen das Gesetz und richtet 100 offene Fragen an Bildungsminister Faßmann

Deutsch vor Schuleintritt gilt als zentraler Bestandteil des türkis-blauen Regierungsprogramms. Was an sich kein Streitthema ist, ließ zuletzt dennoch die Wogen hochgehen. Denn der Weg, den die Regierung in dieser Angelegenheit gehen will, gilt als höchst umstritten.

Im Zentrum der Schulreform steht nämlich die Einführung der Deutschförderklassen. Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP) ließ sich, trotz geringfügiger Änderungen am ursprünglichen Gesetzesentwurf, nicht von dieser Idee abbringen.

Heute wurde das neue Schulorganisationsgesetz im Nationalrat - unter Beifall der ÖVP- und FPÖ-Abgeprdneten - beschlossen, jetzt muss nur noch der Bundesrat zustimmen. Bereits ab dem kommenden Schuljahr werden die Deutschförderklassen bundesweit eingeführt.

Wissenschaft kritisiert Segregation der Kinder

Konkret sollen Kinder, deren Deutschkenntnisse bei Schuleintritt als nicht ausreichend erachtet werden, in separaten Klassen unterrichtet werden. Bis zu zwei Jahre könnten die betroffenen Kinder dort verbringen, spätestens dann soll der Wechsel in die „Regelklasse“ erfolgen. Für den Unterricht in den Deutschförderklassen sollen eigene Lehrpläne entwickelt werden, in einzelnen Fächern, wie etwa Turnen, ist ein gemeinsamer Unterricht mit der Regelklasse möglich.

Kritik an der Maßnahme kam aus nahezu allen Richtungen: der Wissenschaft, der Lehrerschaft, aus den Ländern und nicht zuletzt von der Opposition.

Einer der Hauptkritikpunkte lautet, dass durch die Deutschförderklassen eine Ausgrenzung der Kinder betrieben werde. Die Wissenschaft ist sich mehr oder weniger einig, dass eine Zweitsprache am besten im Umgang mit gleichaltrigen, muttersprachlichen Kindern gelernt wird. Der Bildungsminister argumentiert, dass es sich bei den Deutschklassen lediglich um einen „Crashkurs“ handle, keine Segregation. Heute im Nationalrat bekräftigte er noch einmal, dass es ähnliche Modelle bereits in Skandinavien oder den Niederlanden gebe. Die Deutschförderklassen würden "nicht alle Probleme lösen können", seien aber "Teil eines größeren Programms", so Faßmann.

SPÖ-Bildungssprecherin Sonja Hammerschmid kritisierte, dass sogar der von der ÖVP im Ausschuss nominierte Experte eine andere Meinung als der Bildungsminister vertrete. Maßnahmen, die sie in ihrer Zeit als Bildungsministerin gesetzt habe, würden ohne Evaluierung abgeschafft und als schlecht abgestempelt. Neos-Parteichef Matthias Strolz sieht hinter den Deutschförderklassen "reine Symbolpolitik". Dass die Regierung nicht bereits bei der Deutschförderung im Kindergarten ansetze, sei für ihn unverständlich.

Stadt Wien sieht noch 100 Unklarheiten

Am Vormittag unternahm der Wiener Bildungsstadtrat Jürgen Czernohorszky (SPÖ) via Aussendung noch einmal einen letzten Versuch, Unterrichtsminister Faßmann umzustimmen. Wien steht den Deutschförderklassen besonders kritisch gegenüber, zum einen wohl, um die eigene Stellung als Gegenpol zu türkis-blau zu untermauern, vor allem aber, da die Bundeshauptstadt von der Maßnahme am stärksten betroffen wäre. Der hohe Anteil an potenziellen Kandidaten für die Deutschförderklassen stellt die Wiener Schulen vor große Herausforderungen.

Deshalb übermittelte Czernohorszky noch einmal „100 offene Fragen“ an den Bildungsminister und rief selbigen auf, „alles noch einmal zu überdenken“ und zuerst das Gespräch mit den Betroffenen vor Ort zu suchen.

 

Bei den Fragen geht es vor allem um Organisatorisches. Die Deutschförderklassen seien nicht als Klassen im eigentlichen Sinn geplant, so Czernohorszky. Dies werfe etwa die Frage auf, ob es dennoch einen Klassenvorstand geben solle, wobei die personelle Situation ohnehin noch gänzlich unklar sei.

Czernohorszky beanstandete zudem, dass noch nichts über die Unterrichtsmaterialien bekannt sei, die in den Deutschförderklassen verwendet werden sollen. Zudem sei nach wie vor unklar, „wie die künftigen Deutschklassen-Lehrkräfte geschult und unterstützt werden“.

Im neuen Schulgesetz enthalten ist außerdem die Regelung zum verschärften Vorgehen gegen das Schulschwänzen. Bei vier Tagen unentschuldigtem Fehlen – über die gesamte Pflichtschulzeit gesehen – soll es künftig verpflichtend zu einer Anzeige kommen. Die Mindeststrafe beträgt dann 110 Euro.

- Alexander W. Huber