© Kurier/Franz Gruber

Doppel-Interview
09/12/2020

Melisa Erkurt: "Diese Kinder brauchen Vorbilder"

Erkurt im Gespräch mit Lehrer-Bildnerin Marlene Walter: Wie lernen Kinder aus Migrantenfamilien besser Deutsch?

von Ute Brühl

Zwei Drittel der Kinder aus Migrantenfamilien schaffen die Bildungsstandards im Fach Deutsch nicht. Der Befund des Integrationsberichts ist nicht neu. Was heißt das jetzt für das Bildungswesen – was muss sich ändern? Darüber sprechen im KURIER die Journalistin und ehemalige Lehrerin Melisa Erkurt und Marlene Walter, die 44 Jahre lang unterrichtete.

KURIER: Sind die Ergebnisse eine Bankrotterklärung für unser Schulsystem?

Melisa Erkurt: Sicher, aber das ist nichts Neues. Als ich noch Lehrerin war, hat ein Großteil meiner Schüler noch nie ein Buch besessen.

KURIER: Frau Walter, Sie standen 44 Jahre in der Klasse – sind die Lehrer schuld, dass die Kinder nicht lesen können?

Marlene Walter: Ich hoffe nicht. Ich möchte das relativieren, weil es doch sehr auf den Zugang des Lehrers ankommt, ob er Kinder zum Lesen motivieren kann – und es kommt auch auf die Zusammensetzung der Klasse an. Ich traue mir nicht zu, 25 Kindern, die nicht deutsch sprechen, die Sprache innerhalb von vier Jahren beizubringen. Wenn ich zwölf hätte, kann ich das schaffen. Besser wäre, wenn ich genügend deutsch sprechende Kinder in der Klasse hätte – diese beeinflussen dann die anderen. Wenn ich in einer durchmischten Klasse Kinder anhalte, im Unterricht viel zu sprechen, selber zu schreiben und mit eigenen Worten auszudrücken, was sie sagen wollen, wenn ich sie dabei bestärke und sie wertschätze, habe ich am Ende der vierten Klasse Kinder, die wirklich gut Deutsch können.

Frau Erkurt, wie kann man Eltern motivieren, ihre Kinder in eine Klasse mit vielen Migranten zu geben?

Erkurt: Die fehlende Durchmischung ist zum einen die Folge der Wohnpolitik, zum anderen sind ganze Schulen, wo Migrantenkinder hingehen, nicht die Idealschulen. Da wollen bessergestellte Eltern ihre Kinder nicht hingeben. Wenn man diese Schulen attraktiver gestalten würde, sodass auch bürgerliche Eltern, die sich auch auskennen, ihre Kinder in diese Schulen geben würden, würde Durchmischung automatisch stattfinden. So haben wir die billigste Version der Schulen für Migrantenkinder, und deren Eltern nehmen das hin, weil sie nicht wissen, wo es bessere Schulen gibt. Würde man diese Schulen stärken, würden auch andere hinwollen.

In Wien sprechen 60 Prozent der Volksschüler eine andere Muttersprache als Deutsch – da ist eine Durchmischung schwierig. Die Lösung?

Walter: Mein Ansatz: Kinder ganz viel reden und miteinander besprechen lassen. Es gibt im Übrigen sehr viele Kinder mit Migrationshintergrund, die die Schule gut schaffen. Aber ich muss auch immer wieder die Eltern bitten, die Kinder in der Freizeit auf den Spielplatz zu lassen, wo auch deutschsprachige Kinder sind, sodass sie mit ihnen spielen, auch Meinungsverschiedenheiten austragen können. Dort, wo Reden notwendig ist und auch angewendet wird, werden die Kinder immer flüssiger die deutsche Sprache sprechen können.

Liegt es also auch an Migranten, wenn die Kinder nicht gut Deutsch sprechen?

Erkurt: Da können die Kinder nichts dafür, wenn die Eltern nicht dahinter sind – daher bin ich für Ganztagsschulen, denn dann wäre es automatisch auch in der Freizeit so, dass Kinder durchmischt werden. Ganztagsschule kostenlos und für alle. Jetzt ist es so, dass man sich auf die Eltern verlässt, und sagt: "Am Nachmittag müsst ihr euch darum kümmern." Aber das können oder wollen manche Eltern nicht – dafür dürfen wir die Schüler nicht bestrafen.

Ganztagsschulen sind wohl nicht so schnell durchzusetzen. Was wären Alternativen?

Walter: Ich möchte nicht Eltern bestrafen, sondern von ihnen gewissen Dinge fordern. Wir müssen ihnen klar machen, wie wichtig die Schule ist und dürfen da nicht lockerlassen, in dieser Hinsicht einiges zu tun. Wir müssen sie bitten, den Wert der Schule den Kindern gegenüber hochzuhalten, interessiert zu sein an dem, was die Kinder in der Schule gelernt haben, vielleicht auch mitzulernen, und die Kinder am Nachmittag mit deutschsprachigen Kindern spielen zu lassen.

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