© Kurier/Franz Gruber

Reportage
09/12/2020

Dreißig Sprachen, eine Schule: Wie kann das gehen?

KURIER-Lokalaugenschein in einer Brennpunktschule: Wie der Alltag trotz unterschiedlicher Deutsch-Defizite der Schüler funktioniert.

von Elisabeth Hofer

Kraftwerk, Fliese oder Leiste – manchmal steht Andrea Walach vor einer Klasse, und es dauert etwas, bis ihr klar wird, dass ihr die Schüler nicht folgen können, weil sie bestimmte Begriffe nicht verstehen.

Die 63-Jährige ist Direktorin der Mittelschule Gassergasse im 5. Wiener Gemeindebezirk, wo 98 Prozent der 250 Schüler nicht Deutsch als Muttersprache haben. Das macht die Schule per Definition zur Brennpunktschule.

Um 7.45 Uhr am Morgen hat sich vor dem Eingang eine größere Traube an Schülern und Eltern gebildet. Deutsche Worte sind nur vereinzelt zu hören, stattdessen ein bunter Mix aus Arabisch, Türkisch, Russisch und Bosnisch/Kroatisch/Serbisch.

"Unter den Schülern gibt es mehr als 30 unterschiedliche Muttersprachen", erzählt Walach. Manche von ihnen sprechen perfekt Deutsch, andere verfügen nur über rudimentäre Sprachkenntnisse.

Wie kann bei einem solchen Kultur- und Sprachengemisch ein Schulalltag funktionieren?

Zunächst habe man die Probleme erkennen müssen: Eine Zusammenarbeit mit den Eltern war schwierig bis unmöglich; die Klassen waren zu heterogen; und den Kindern fiel wegen sprachlicher Defizite das eigenständige Lernen schwer. Aber: "Das sind unsere Kinder, unsere Familien, und wir lassen uns darauf ein", sagt Walach.

Die Schule hat maßgeschneiderte Lösungen für die Probleme entwickelt: Für die Kommunikation mit den Eltern gibt es nun das digitale Mitteilungsheft. Dabei handelt es sich um eine Handy-App, die Mitteilungen der Lehrenden in verschiedene Sprachen und Schriften übersetzt, auf dem umgekehrten Weg können die Eltern in ihrer Sprache antworten.

Aus drei Klassen hat man an der MS Gassergasse sechs Kleingruppen mit 12 bis 15 Schülern gemacht, die auf einem ähnlichen Niveau sind. "Eine Gruppe lernt das kleine Einmaleins, eine andere spiegelt Dreiecke, obwohl alle gleich alt sind", sagt Walach. So bekomme jedes Kind die Unterstützung, die es braucht.

Eine Frage der Höflichkeit

Großen Wert legt die Schule auf gute Umgangsformen. "Wir bringen den Kindern bei, dass, wenn es vielleicht bei der Sprache mangelt, sie mit Höflichkeit punkten können", sagt die Direktorin.

Eine der Besten in der Schule ist die 14-jährige Sophia. Das große blonde Mädchen ist erst vor zwei Jahren aus Russland nach Österreich gekommen, spricht aber bereits fließend und grammatikalisch vollkommen korrekt Deutsch. Für den gleichaltrigen Valentin ist es schwieriger. Er kommt aus Serbien, längere Sätze auf Deutsch zu bilden, fällt ihm nicht leicht. Seine Mutter ist Alleinerzieherin, arbeitet in einem Supermarkt und hat kaum Zeit, die schulischen Fortschritte ihres Sohnes zu überwachen. Oft vergisst der quirlige Jugendliche, der nun einmal viel lieber Sport macht als zu lernen, die Hausübung oder kommt zu spät. "Hier braucht es viele Gespräche, auch mit der Schulsozialarbeiterin", sagt Walach.

Die Direktorin sieht sich nicht als "Opfer" einer gescheiterten Integrationspolitik. Stattdessen sei es wichtig, Gestaltungsfreiheiten bestmöglich zu nutzen. Und: "Man muss wegkommen von dem Gedanken, das sind die und das sind wir, weil wir gehören alle zusammen", sagt Walach.

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