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Viskurs
05/22/2015

Ampel-Stereotype: Frauen tragen Röcke, Männer Hosen

Mediensoziologin Eva Flicker: "Wer sagt, dass die Ampelfigur, die einen Rock anhat, eine Frau sein muss?"

von Jürgen Klatzer

Hetero- und homosexuelle Ampelpärchen lassen Österreichs Gesellschaft viel toleranter erstrahlen. Genau, erstrahlen. Darüber lässt sich diskutieren. Eines ist jedoch klar: die Ampelfiguren dominierten in den vergangenen Tagen die heimischen und internationalen Medien.

Im KURIER-Gespräch erklärt die Mediensoziologin Eva Flicker, wie wir mittels Symbole kommunizieren und Stereotype, die sich auch in den Ampelpärchen wiederfinden, infrage stellen können.

Frau Flicker, haben Sie schon eines der Ampelpärchen gesehen?

Ja. Aber man muss schon sehr bewusst durch die Straßen gehen, um diese kleinen Ampelfiguren wahrzunehmen. Wenn die Medien darüber nicht ausführlich berichtet hätten, wären die hetero- und homosexuellen Pärchen wohl vielen gar nicht erst aufgefallen.

Die Ampelpärchen sind im Rahmen des Eurovision Song Contests an 49 Stellen in Wien installiert worden …

Die Ampeln wurden vermutlich an zentralen Stellen platziert. Man kann sozusagen von einem Aufmerksamkeits-Gag in Verbindung mit dem Song Contest sprechen. Das heißt, nicht jeder kann die Ampelpärchen sehen, aber jeder hat die Chance, an diesem Viskurs – visueller Diskurs – teilzunehmen. Das sieht man unter anderem auch daran, dass über die Darstellung von Homosexualität im öffentlichen Raum diskutiert wird.

Können die Ampelfiguren zu einer Sensibilisierung von sexuellen Orientierungen, die nicht dem Mainstream entsprechen, beitragen?

Dieser Meinung bin ich schon. Doch der Glaube, die Gesellschaft werde auf Anhieb eine neue Toleranzebene erreichen, ist schon ziemlich naiv. Die mediale Aufmerksamkeit kann jedoch dabei helfen, bestimmte Themen zu enttabuisieren und gesellschaftsfähiger zu machen. Im Fall der Ampelpärchen bedeutet es, dass Personen, die einer diskriminierten Gruppe angehören, in die Gesellschaft integriert werden können. Das kann für die betroffene Person extrem wichtig sein.

Viele von den besagten Betroffenen sehen die Ampeln sicher auch skeptisch, oder?

Natürlich. Diese Art von Visualisierung kann für viele Menschen, die sich ausgeschlossen fühlen, ein gutes Signal sein. Gleichzeitig können sich Personen aus derselben Gruppe nicht ernstgenommen fühlen, weil man auf eine etwas exotische Form dargestellt wird. Sie wollen einfach als 'normal' angesehen werden. Deswegen kann ich mir schon vorstellen, dass Schwule oder Lesben diese Maßnahme als nicht geeignet wahrnehmen.

Die positiven Reaktionen scheinen zu überwiegen.

Das hat auch mit der medialen Verbreitung zu tun. In Sozialen Medien wird debattiert und internationale Medien berichten über die Ampelfiguren. Es erreicht eine relativ große Aufmerksamkeit. Selbstverständlich gibt es auch das Risiko von großen Polarisierungen und polemischen Kommentaren. Aggressive Rückmeldungen sind ein typischer Bestandteil der Mediengesellschaft. Vor allem Symbole und Bilder sind für uns sehr emotional, weil sie uns unmittelbar erreichen und in einer Weise konfrontieren, die vorsprachlich oder sprachunabhängig ist.

Sprachunabhängig? Man kommuniziert demnach ohne Sprache?

Ganz klar, die Ampeln sind von jeder Person, egal welche Sprache sie spricht, lesbar. Wir leben in einer zunehmend visualisierten Gesellschaft, die sehr viel mit Bildern kommuniziert. Für Digitale Natives ist die Bildsprache selbstverständlich. Sie kommunizieren mit Emoticons, Icons und Likes. Mit einem einzelnen Symbol soll ganz viel ausgedrückt werden. Dieses Phänomen kann man anhand der Ampelpärchen sehr gut sehen. Wer ist dabei? Wer nicht? Exklusion oder Inklusion? Das sind wichtige Fragen, die die Gesellschaft beschäftigen.

Während die Sprache aber konkret etwas benennt, kürzen Bilder und Symbole ab. Läuft man nicht Gefahr, bereits bestehende Stereotype zu verfestigen?

Die Ampelpärchen beziehen sich ganz klar auf Stereotype. Frauen tragen Kleider und Männer Hosen. Das ist der Nachteil der vereinfachten Bildkommunikation. Aber wer sagt, dass die Figur, die einen Rock anhat, eine Frau sein muss? Es besteht durchaus die Möglichkeit die Symbole als ein Medium zu nutzen, um Geschlechterrollen neu zu diskutieren. Gerade jetzt, rund um den Song Contest und die Figur von Conchita Wurst wird klar, dass die sehr einfach gestrickten Stereotype nicht unbedingt gelten müssen.

Die Ampeln sind politisch motiviert. Soziologisch gesehen: Versucht die Politik das Verhalten der Gesellschaft mithilfe von Symbolen zu beeinflussen?

Davon gehe ich aus. Da müssten Sie eigentlich die Wiener Grünen oder Stadträtin Maria Vassilakou fragen.

Stimmt, aber was glauben Sie als Mediensoziologin?

Sagen wir es so: Es ist sicher wichtig, dass die Politik aktiv Themen aufgreift. Es ist auch eine Frage des Selbstbildes von Politikern und Politikerinnen. Wie und mit welchen Themen präsentiert man sich? Die Ampeln sind ein gutes Beispiel, wie man ohne Verbot und Befehle versucht, etwas aktiv zu thematisieren.

Auf diversen Online-Plattformen werden auch andere Ampelfiguren gefordert. Eine Person im Rollstuhl zum Beispiel.

Jetzt steht die Genderdebatte im Vordergrund. Aber wenn Bürger und Bürgerinnen vorschlagen, es sollten auch Menschen im Rollstuhl abgebildet werden, dann kann es durchaus sein, dass künftig auch eine andere Personengruppe thematisiert wird. Es ist auch Aufgabe der Politik, dafür zu sorgen, dass soziale Differenzen sichtbar gemacht werden.

Hält der Hype der Ampelpärchen auch nach dem Song Contest?

Nein, der Hype wird natürlich abflauen. Das ist eben die Logik der Medienwelt. Nach dem Song Contest werden die Ampelpärchen nur noch eine kleine Rolle spielen.

Zur Person:

Eva Flicker ist Professorin am Institut für Soziologie an der Universität Wien. Zu ihren Fachgebieten gehören die Visual Studies (auch Bildwissenschaften genannt), die Genderforschung sowie die Film- und Mediensozologie. Derzeit untersucht Flicker die Bildkommunikation von politischen Eliten, z.B. das Gruppenfoto am G20- oder G7-Gipfel (19 schwarze Anzüge und ein roter Blazer).

Ampelpärchen in Wien und bald in Salzburg, mehr dazu hier.

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