Tag 9: Ein Hauch von Apokalypse über Teheran

Nach heftigen Luftangriffen stand nahe der iranischen Hauptstadt ein Öldepot in Flammen. Die Golfstaaten bezeichneten die Angriffe des Irans als "strategischen Fehler".
Rauch über der Ölraffinerie  Shahran bei Teheran: In der Nacht auf Sonntag haben die USA und Israel die Anlagen bombardiert.

Kohlrabenschwarze Wolken hängen über Teheran, mitten am Tag: Nach massiven Angriffen der USA und Israels in der Nacht auf die Ölraffinerie Shahran im Nordwesten von Teheran hatte die Anlage Feuer gefangen; die Lager brannten auch noch am Sonntag. Auch Lkw-Tanker und die lokalen Strommasten wurden zerstört.

Das Öldepot ist wesentlich für die Kraftstoffversorgung der Stadt, täglich fließen acht Millionen Liter Benzin durch die Tanks. Die Umweltfolgen sind noch nicht absehbar, die staatliche Nachrichtenagentur Tasnim warnte vor gesundheitlichen Schäden durch Schwefel- und Stickoxide in der Atmosphäre, die in Verbindung mit Regen gefährlich werden könnten.

Die Ölraffinerie Shahran in der Nacht auf Sonntag in Flammen.

Die Ölraffinerie Shahran in der Nacht auf Sonntag in Flammen.

Auch der iranische Rote Halbmond warnte vor Schadstoffen. Laut dem Iranischen Roten Halbmond sind zudem landesweit rund 10.000 zivile Gebäude beschädigt. Nach Möglichkeit sollte die Bevölkerung zuhause bleiben, so die NGO und Vertreter des Mullah-Regimes. Am Sonntagnachmittag waren abermals heftige Explosionen in der Hauptstadt zu hören.

Ähnliche Warnungen gab es vom US-Zentralkommando, allerdings aus einem anderen Grund: Die iranischen Streitkräfte sollen dicht besiedelte Gebiete für den Start von Drohnen und Raketen nutzen und dabei das Leben der eigenen Bevölkerung riskieren.

Israel wiederum behauptet, Angriffe hätten das Hauptquartier der Weltraumstreitkräfte der Revolutionsgarde "zerlegt". Das israelische Militär teilt mit, dass Raketen aus dem Iran auf israelisches Territorium abgefeuert wurden und dass die Luftverteidigungssysteme daran arbeiten, sie abzufangen. Die iranischen Revolutionsgarden gaben bekannt, in den vergangenen 24 Stunden vier Radarsysteme in der Region zerstört zu haben, die mit dem US-amerikanischen THAAD-Raketenabwehrsystem verbunden waren.

Israel verlegt in Tel Aviv Patienten und medizinisches Personal in eine umgebaute Tiefgarage.

Israel verlegt in Tel Aviv Patienten und medizinisches Personal in eine umgebaute Tiefgarage.

Kritische Infrastruktur im Visier?

Entgegen der Ankündigung des iranischen Präsidenten Masoud Pezeshkian hat der Iran weiter US-Militärbasen in den Golfstaaten bombardiert – der iranische Außenminister Abbas Araghchi sprach von einem "legalen Akt der Selbstverteidigung". Allein die VAE sprechen von mehr als 1.400 ballistischen Raketen und Drohnen, die der Iran gegen Infrastruktur und zivile Einrichtungen abgefeuert habe. Seit Kriegsbeginn wurden dort vier Menschen getötet. Bei einem Angriff auf ein Wohngebäude in Saudi-Arabien sind am Sonntag mindestens zwei Menschen getötet und ein Dutzend weitere verletzt worden.

In Bahrain wurde eine der essenziellen Meerwasserentsalzungsanlagen beschädigt. Etwa 42 Prozent des Trinkwassers in den VAE stammen aus Entsalzungsanlagen, in Kuwait sind es 90 Prozent, in Oman 86 Prozent, in Saudi-Arabien 70 Prozent. Mehr als 400 Entsalzungsanlagen befinden sich an den Küsten des Arabischen Golfs, sie werden vor allem mit Öl und Gas betrieben. Eine gezielte Zerstörung treffe die Monarchien und ihre Bevölkerungen gravierend und war in der Vergangenheit schon Kriegstaktik: Im Zweiten Golfkrieg, als Saddam Hussein in Kuwait einmarschierte, zerstörten irakische Streitkräfte vorsätzlich den größten Teil der Entsalzungsanlagen.

Sinkende Produktion

Die Arabische Liga, darunter die Golfmonarchien, haben die iranischen Angriffe als "riesigen strategischen Fehler" verurteilt.

Wegen der Angriffe und vor allem der gesperrten Straße von Hormus begannen der Irak, Kuwait und Bahrain bereits, ihre Öl- und Gas-Produktion herunterzufahren, so die Ökonomin Karen E. Young vom Middle East Institute – ein teures und aufwendiges Unterfangen. Beispiel Irak: In den wichtigen südlichen Feldern ist die Produktion um 70 Prozent auf nur noch 1,3 Millionen Barrel pro Tag gefallen. Vor dem Krieg habe die Förderung in diesen Feldern bei rund 4,3 Millionen Barrel pro Tag gelegen.

Saudi-Arabien und die VAE verfügen zwar über Pipelines, die ihre Rohstoffe zu Häfen am Roten Meer transportieren können; allerdings könnten die dortigen Kapazitäten für Speicherung und Beladung die Auswirkungen der Sperre der Straße von Hormus nicht aufwiegen. Wiewohl 90 Prozent des Rohöls und LNG-Gases aus dem Persischen Golf Richtung Asien schippern, der steigende Preis (Sonntagnachmittag: 93,31 US-Dollar pro Barrel Brent) trifft alle gleich.

Eine Drohnenaufnahme zeigt die Schäden an einem Komplex mit Büros und Lagerhäusern des US-Unternehmens Halliburton nach einem Drohnenangriff im Irak.

Eine Drohnenaufnahme zeigt die Schäden an einem Komplex mit Büros und Lagerhäusern des US-Unternehmens Halliburton nach einem Drohnenangriff im Irak.

Folgt Khamenei-Sohn als Oberster Führer nach?

Laut Meldungen der staatlichen Nachrichtenagenturen soll der Iran einen neuen Obersten Führer ernannt haben. Gemäß der Verfassung der Islamischen Republik bestimmen 88 Geistliche das neue Oberhaupt des Staates. Seit der Ermordung von Ayatollah Ali Khamenei gibt es Gerüchte um die Wahl des nächsten Obersten Führers.

Die staatliche Nachrichtenagentur Mehr zitierte am Sonntag Mohammad-Mahdi Mirbagheri, Mitglied des Geistlichen Gremiums, der sagte, ein Mehrheitskonsens wurde erzielt. Noch ist kein Name gefallen; möglich, dass er weiterhin geheim gehalten wird. Das israelische Militär hatte gewarnt,  man werde auch den Nachfolger Khameneis töten. Als aussichtsreichster Kandidat galt der 56-jährige, zweite Sohn Khameneis, Mojtaba Khamenei, erzkonservativ und eng mit den Revolutionsgarden verbunden, gefolgt vom 53-jährigen Hassan Khomeini, Enkel des Revolutionsführers Ruhollah Khomeini. Eine offizielle Bestätigung könnte auch erst nach der Beerdigung von Khamenei folgen, die wiederholt verschoben wurde.

Donald Trump hatte verlangt, bei der Besetzung "mitsprechen" zu wollen. Mojtaba Khamenei hatte der US-Präsident jüngst als "inakzeptabel" bezeichnet. "Wenn er unsere Zustimmung nicht bekommt, wird er nicht lange im Amt bleiben", ließ er am Sonntag gegenüber ABC News wissen.

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