"Regime Change" im Iran? Die wahre Arbeit beginnt nach dem Umsturz

US-Interventionen brachten nur selten Stabilität. Im Nahen Osten verbrannten sich die USA damit grundsätzlich die Finger.
FILE PHOTO: U.S. President Donald Trump addresses the Knesset in Jerusalem

Durch die Ruinen des „Tausendjährigen Reichs“ streifen sowjetische Soldaten, Adolf Hitler ist längst tot. Seine Leiche wurde – wie befohlen – im Garten der Reichskanzlei verbrannt. Es ist der 8. Mai 1945 – in wenigen Stunden wird auch Hitlers Regime Geschichte sein.

Nur Tage später beginnen die Siegermächte ein beispielloses politisches Experiment: Sie unterteilen Deutschland und Österreich in Besatzungszonen, lösen NS-Institutionen auf, stellen Kriegsverbrecher vor Gericht und beginnen, ein neues politisches System aufzubauen. Die Amerikaner nennen das „Nation Building“.

Vier Monate und zwei Atombombenabwürfe später beginnt auf der anderen Seite der Welt ein ähnlicher Prozess: Auch Japan kapituliert, unter General Douglas MacArthur übernimmt die US-Besatzungsmacht die Kontrolle über das Land. Mit dem erklärten Ziel, „das Land aus seinem beklagenswerten Zustand in eine Position der Würde zu erheben“.

Regime Change im Iran?

Vor allem in den USA wird das Kriegsende 1945 häufig als Idealbild eines Regime Change gesehen. Einen solchen versprechen US-Präsident Donald Trump und Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu als Endresultat ihres aktuellen Krieges gegen die Mullahs im Iran.

Dort greifen die USA und Israel zwar militärische Ziele an, doch der Einsatz von Bodentruppen oder gar eine Besatzung des Landes sei nicht geplant, heißt es. Stattdessen soll das Regime durch anhaltende Luftangriffe so stark geschwächt werden, dass es irgendwann von der eigenen Zivilbevölkerung gestürzt werden kann. „Wenn wir fertig sind, übernehmt eure Regierung, sie wird euch gehören“, richtete sich Trump bei seiner Rede zu Kriegsbeginn an das iranische Volk.

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Japan, 1945: General MacArthur und Kaiser Hirohito.

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Iran, 1953: Der gestürzte Premierminister Mossadegh.

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Panama, 1989: Diktator Manuel Noriega in US-Haft.

DAS JAHR 1945 IN TIROL

Österreich, 1945: US-Besatzungssoldaten in Tirol. Sie 
blieben zehn Jahre im Land.

Allein: Die Geschichte kennt kein Beispiel für einen vom Krieg zerrütteten Staat, der sich von selbst wieder aufrichtet und ein stabiles, demokratisches System etabliert.

Die "vier D's"

Die Neugestaltung Deutschlands, Japans und Österreichs war lange vorbereitet: Spätestens seit 1943 erarbeiteten die Alliierten die „vier D’s“: Demilitarisierung, Denazifizierung, Demokratisierung und Dezentralisierung. Später setzten die Siegermächte demokratische Verfassungen durch: Deutschland wurde 1949 geteilt und militärisch langfristig eingeschränkt, Japan ab 1952 ebenso, Österreich ab 1955 zur Neutralität verpflichtet. Der Aufwand war enorm: Besatzungstruppen blieben jahrelang vor Ort, über den Marshallplan investierten die USA Milliarden – und sicherten sich so nachhaltigen politischen und wirtschaftlichen Einfluss.

Seither gibt es zahlreiche Beispiele für amerikanische Versuche eines Regime Change, die scheiterten – meist, weil der anschließende Nation-Building-Prozess schlecht oder gar nicht vorbereitet war.

Vom Irak bis Venezuela

So erzwangen die USA schon einmal einen Machtwechsel im Iran: 1953 organisierten die CIA und der britische MI6 in der Operation „Ajax“ den Sturz des Premiers Mohammad Mossadegh. Dieser hatte zuvor die anglo-persische Ölkompanie verstaatlicht. Mithilfe der CIA ebneten Oppositionelle und Teile des Militärs dem Schah den Weg zurück an die Macht. In Washington galt „Ajax“ zunächst als Erfolg. Langfristig entwickelte sich die Operation aber zu einem politischen Trauma: Je mehr Details über den orchestrierten Coup ans Licht kamen, desto mehr wurde er für viele Iraner zum Symbol westlicher Einmischung – und trug so indirekt zur Islamischen Revolution von 1979 bei.

Im Nahen Osten verbrannten sich die USA mit ihren Interventionen grundsätzlich die Finger. Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 stürzte das US-Militär in Afghanistan das Taliban-Regime binnen weniger Monate, scheiterte anschließend jedoch daran, ein stabiles System zu errichten. Ähnlich lief es 2003 im Irak, wo der militärische Sieg über Saddam Hussein der einfachste Teil der Mission war.

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Irak, 2003: US-Soldaten fassen Diktator Saddam Hussein.

File photo of Libya's leader Gaddafi looking on during a news conference in Rome

Libyen, 2011: Gaddafi fällt, das Land bleibt instabil. 

Trump and administration members monitor pre-dawn capture of Venezuelan leader

Venezuela, 2026: Maduro an Bord eines US-Kriegsschiffs. 

Beide Staaten blieben auch Jahre später vom Krieg gezeichnet. Bewaffnete Gruppen bekämpften einander ebenso wie die US-Soldaten vor Ort, Terrormilizen wie der IS und die Taliban fanden Zulauf. Dennoch griffen die USA 2011 unter Barack Obama auch noch in den Bürgerkrieg in Libyen ein, wo sich während des Arabischen Frühlings massiver Widerstand gegen Muammar al-Gaddafi geformt hatte. Der Diktator wurde von Rebellen gelyncht, doch Libyen hat bis heute nicht zur Ruhe gefunden.

Eine der wenigen US-Interventionen, die ein bis heute vergleichsweise stabiles Land zurückließen, gelang durch den Sturz des einstigen linken Machthabers Manuel Noriega 1989 in Panama – einem kleinen Staat in relativer Nähe zum US-Festland. Ob die Entführung des venezolanischen Diktators Nicolás Maduro im Jänner ein ähnliches Ergebnis bringen wird, ist fraglich.

Aller Anfang ist leicht

Mit Blick auf den Iran wirkt die Debatte wie das Echo einer vergangenen Zeit: Das Land ist gewaltig, ethnisch vielfältig und verfügt mit den Revolutionsgarden über eine hochgerüstete Armee, die das Gewaltmonopol im Staat hält. Wären sie zerschlagen, könnten Milizen, Warlords oder Terroristen das Machtvakuum füllen – wie in vielen anderen Ländern zuvor.

Der Sturz eines Regimes ist fast immer der einfache Teil. Die USA verfügen über eine militärische Macht, mit der sich Regierungen in kurzer Zeit zerstören lassen; selbst jene des Iran. Entscheidend ist, was danach kommt.

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