Stimmen aus dem Iran: "Wer rausgeht, wird erschossen"
Von Franziska Trautmann
„Hallo Bruder, wie geht es dir?“, schreibt der 24-jährige Reza. Er sitzt zu Hause in Karadsch, rund 40 Kilometer von der iranischen Hauptstadt Teheran entfernt. Nur mit Mühe hat er kurz Internet und kann seinem Freund Diako, der in Wien lebt, schreiben. Reza sagt, es gehe ihm gut, sein Haus sei noch von Bomben verschont geblieben. Trotzdem hat er Angst.
Die spürt Diako in den wenigen Nachrichten, die er von seinem Freund aus dem Iran über Instagram bekommt. So wie alle Betroffenen in diesem Text, wollten die beiden aus Angst vor dem Regime anonym bleiben – auf Wunsch wurden alle Namen geändert.
Derzeit ist es für viele Menschen im Iran fast unmöglich, mit ihrer Familie im Ausland in Kontakt zu treten. Anrufe kommen selten durch, Internet bekommen die Menschen im Kriegsgebiet nur über einen VPN-Zugang. Dieser kostet aber sehr viel und ist nur mit vorinstallierten Apps abrufbar – nicht jeder hat Zugriff, nur wenige funktionieren überhaupt. Für einen guten zahlen sie rund 40 bis 50 Millionen Rial (26 bis 32 Euro), er reicht aber nur für vier bis fünf Tage Internet. Leisten kann sich das nicht jeder, für die meisten Menschen ist das ein guter Teil ihres Lohns.
Screenshot einer Nachricht aus dem Iran.
Angst um Familie
Diakos Mutter lebt auch in Karadesch, vor wenigen Tagen rief sie ihren Sohn in Wien an. Ihr gehe es gut, er müsse sich keine Sorgen machen, sagte sie da. Ihm geht es trotzdem schlecht: „Ich habe Angst um meine Familie und Freunde“, sagt Diako. Seine Mutter erzählte ihm, sie verlasse das Haus nicht mehr, lenke sich mit Zeitung lesen ab, bis der Krieg vorüber sei. Wann das sein soll, weiß niemand.
Der 44-jährige Saeed lebt in Teheran, auch er versucht, mit seiner Familie in Wien Kontakt zu halten. Kurz hatte er Internet und schrieb: „Macht euch keine Sorgen.“ Er bleibt wie viele Iraner in seiner Wohnung in Teheran, vor allem bei Luftangriffen. Die Bomben hört er in der Ferne, alle zwei bis drei Stunden schlagen sie ein. Ein Warnsystem gibt es nicht, sagte er, auch keine Luftschutzkeller.
„Die Menschen verbarrikadieren sich zu Hause, aber wenn eine Bombe in der Nähe einschlägt, spürt man es trotzdem“, sagt auch Ava. Sie lebt mit ihren Eltern und ihrem Bruder in Wien, ihre restliche Familie ist in Sanandadsch, einer kurdischen Provinz im Iran. Schwere Luftangriffe überzogen am Montag die Stadt. „Wir waren sehr besorgt.“
Ihr Tante hat sie dann telefonisch erreicht. „Wir haben die Angst aus ihrer Stimme gehört, daneben war aber auch Freude, dass endlich etwas gegen das Regime passiert.“ Auf mehreren Videos, die Ava aus dem Iran geschickt wurden, seien schreiende Menschen zu sehen, sagt sie: „Schießt nochmal!“, sei dort zu hören. Nicht aus Kriegsbegeisterung, sagt sie, sondern weil sie darin eine Chance auf politische Veränderung sehen.
„Ich bin sehr stolz auf meine Nationalität und auf die Menschen im Iran, die weiter für ihre Freiheit kämpfen“, sagt sie darum. Proteste auf der Straße gebe es aber keine. Dort drehe die Revolutionsgarde ihre Runden, schreie „Traut euch, kommt jetzt raus“ über Lautsprecher. „Meine Familie weiß, wenn sie auf die Straße gehen, werden sie erschossen“, erzählt Ava.
Gespräche in Codes
Das hat die seit mehreren Jahren in Wien lebende Farah auch von ihrem Bruder gehört. Er lebt in Teheran. Kurz konnte sie mit ihm telefonieren. „Nur er kann mich anrufen“, sagt Farah, Anrufe aus dem Ausland gehen nicht durch. Dann sagt er meist nur: „Wir sind alle zu Hause, uns geht es gut.“ Offen sprechen können sie nicht – aus Angst, dass Gespräche vom Regime abgehört werden. Viele verwenden deshalb Codewörter, um heikle Themen zu umschreiben. Welche das sind, verraten sie nicht – aus Angst.
Screenshot einer Nachricht aus dem Iran.
Laut Farahs Bruder sind fast alle Menschen in Teheran derzeit zu Hause, viele gehen nicht arbeiten, Schulen und Universitäten sind zu. Viele davon warten auf eine Nachricht von Reza Pahlavi, den Sohn des ehemaligen iranischen Schahs. Für einen Teil der Bevölkerung ist er durch die Proteste Anfang des Jahres und den jetzigen Krieg zur Symbolfigur geworden, jemand, der für ein Ende des islamischen Regimes steht – sein Zuspruch gibt ihnen Hoffnung.
Großer Basar geschlossen
Jetzt bleiben die Straßen aber noch leer, vor allem im Süden der Hauptstadt. Dort ist sogar der Große Basar geschlossen – wegen der Luftangriffe weigern sich die Händler zu öffnen. Im Nahen Osten ist der Basar gesellschaftlicher Treffpunkt und ausschlaggebend für die heimische Wirtschaft zugleich. Weltweit ist der in Teheran der größte seinesgleichen und beherbergt Banken, Moscheen und Gästehäuser. Wenn er geschlossen hat, steht das Leben still.
Im Norden von Teheran soll es sicherer sein. Dort lebt auch die über 80-jährige Mutter von Peyman, er selbst ist in Wien. „Sie traut sich nicht rauszugehen, will aber auch nicht woanders hin und ihr Haus zurücklassen“, sagt er. Dort seien zu viele kostbare Erinnerungen für sie. Stetigen Kontakt hat er nicht zu ihr, seine Schwester erfährt aber über ihre Freunde, die in der Nähe leben, wie es ihrer Mutter geht.
Viele Familien und Bekannte machen das so. Wenn einer im Bekanntenkreis Kontakt ins Ausland hat, werden gleich mehrere Familien darüber informiert, wie es Angehörigen im Iran geht. So hilft man sich gegenseitig weiter.
Wie lange diese Ungewissheit noch anhalten wird, ist unklar. Fest steht aber: am 20. März ist das persische Neujahrsfest Nouruz, ein wichtiger Termin für alle Iraner. Für viele könnte es dieses Jahr aber hinter verschlossenen Türen stattfinden – ohne Besuche, ohne Feierlichkeiten und ohne Kontakt zur Familie im Ausland.
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