© Kurier/Jeff Mangione

Politik Inland
12/08/2021

Impfen? "Weil Christen an einen Gott des Lebens glauben"

Der Umgang mit der Pandemie spaltet auch Religionsgemeinschaften. Wie können wir in der Krise zuversichtlich bleiben?

von Barbara Beer

Melanie Wolfers, 1971 in Lübeck geboren, ist Philosophin, Theologin, Autorin und Ordensfrau. Mit dem KURIER sprach sie über Zuversicht in der Krise und das Konfliktpotenzial des Impfens im Stephansdom.

KURIER: Warum haben Sie ein Buch über Zuversicht geschrieben?

Melanie Wolfers: Ich bin in der Seelsorge tätig. In den vergangenen zwei Jahren haben viele Leute das Gespräch mit mir gesucht, weil sie in einer großen Krise steckten. Da ist mir deutlich geworden, dass Zuversicht zu unseren wichtigsten seelischen Widerstandskräften gehört.

Haben Sie selbst schon einmal die Zuversicht verloren?

Selbstverständlich. Wer nicht zwischendurch die Zuversicht verliert oder ängstlich und traurig ist, der verweigert sich der Wirklichkeit. Der ist vorsätzlich blind oder naiv.

Hilft Glaube der Zuversicht?

Ich ziehe Zuversicht nicht religiös auf. Sie ist eine innere Haltung, um die wir uns immer wieder bemühen können – egal, ob man sich als spirituell oder als nicht-religiös versteht.

Wie bleibt man zuversichtlich angesichts der täglichen Schreckensmeldungen?

Die Frage ist, wie oft und wann wir uns damit beschäftigen. Ich kenne Leute, die in der Früh als erstes die aktuellen Corona-Zahlen suchen und das als letztes tun, bevor sie schlafen gehen. Das hilft nicht. Der Einstieg in den Tag und der Tagesausklang sind bedeutend für die Qualität des Tages und dafür, ob wir unsere Zuversicht stärken oder schwächen. Es ist sinnvoller, den Tag gut ausklingen zu lassen – etwa mit Musik – anstatt mit Schreckensmeldungen. Oder auf den Tag zurückschauen: Gab es da etwas, das meine Zuversicht gestärkt hat? Ein Gespräch, ein Kinderlachen? Gerade in Krisen sollten wir die Sensibilität für das Schöne schärfen.

Es gibt allerdings negative Dinge, die wir nicht übersehen können. Sie betonen ja selbst, dass es einen Unterschied zwischen naivem Optimismus und Zuversicht gibt.

Es geht nicht darum, das Dunkle auszublenden! Jeder fühlt sich manchmal ängstlich und hilflos. Aber es gibt eine Negativneigung des Gehirns, die durch Studien bestätigt ist. Das Gehirn ist evolutionsbedingt gefahrensensibel, weshalb wir stärker auf das Negative als auf das positive Drumherum schauen. Wie man damit umgehen kann: Sich den Schwierigkeiten stellen, aber dabei das Gute nicht ausblenden. Und in Gesprächen nicht einfach nur rumsudern, sondern sich auch ermutigende Geschichten erzählen.

Sie schreiben auch über Ungeduld. Immer, wenn Politiker von persönlichen Eigenschaften sprechen, dann erlauben sie sich eine einzige schlechte: Ungeduld. So, als wäre das eine versteckte Tugend, denn sie steht dafür, etwas weiterbringen zu wollen. Bei Ihnen kommt die Ungeduld gar nicht so gut weg.

Geduld hat kein gutes Image. Geduldigen Menschen sagt man nach, sie würden mit angezogener Handbremse leben. Doch Ungeduld ist Gewalt auf der Ebene der Zeit. Als ob das Gras schneller wachsen würde, wenn man daran zieht. Ich lege ein Plädoyer für Geduld ab. Viele Entwicklungen und Wachstumsprozesse brauchen Zeit. Etwa, bis Liebeskummer oder Trauer vergehen. Oder jetzt in der Corona-Zeit. Dabei ist es sensationell, dass wir so schnell einen Impfstoff bekommen haben.

Im Stephansdom wird geimpft. Ein Konfliktpotenzial für die Kirche?

Man kann sich an drei Fingern ausrechnen, dass es da Konflikte gibt. Aber ich muss mich glücklicherweise nicht damit beschäftigen . Ich persönlich finde es großartig! Die außergewöhnlich hohe Impfquote zeigt, dass dieser Raum Vertrauen schafft und Menschen ermutigt. Und weil Christen an einen Gott des Lebens glauben, ist es wunderbar, wenn in einem Kirchenraum an Leib und Seele für den Menschen Sorge getragen wird.

Das Thema Impfung spaltet extrem. Wie kommen wir da raus?

Es ist schrecklich, welche Sprachlosigkeit sich da auch in Familien auftut. Aber so groß der Graben auch scheint: Wenn wir es wagen, nicht mit zugeklapptem Visier am Anderen vorbeizugehen, dann kann es zu einem neuen Blickkontakt kommen. Helfen kann die Erinnerung, dass wir doch eigentlich einmal gut miteinander waren.

Machen Sie sich Sorgen um unsere Gesellschaft?

Ja!

Viele, die sich gegen die Impfung aussprechen, argumentieren mit Freiheit. Ein Missverständnis?

Ja. Denn Freiheit wird zunehmend verstanden als „ich kann tun und lassen, was ich will“. Aber wir leben nicht wie Robinson Crusoe allein auf der Insel, sondern in sozialen Netzen. Mein Verhalten hat Auswirkungen auf andere. Freiheit heißt immer gemeinsame Freiheit. Sonst ist keiner mehr frei. Das bedeutet, ich muss schauen, welche Konsequenzen mein Verhalten für andere hat.

Apropos Konsequenzen: Manche sagen, wer nicht geimpft ist und schwer an Covid erkrankt, soll auf sein Bett auf der Intensivstation verzichten. Wie sehen Sie das?

Wenn nicht mehr alle schwer Erkrankten auf der Intensivstation behandelt werden können, stehen Ärztinnen vor der fürchterlichen Frage, wer auf die Intensiv kommt und wer nicht. Das zentrale Entscheidungskriterium ist die Überlebenschance. Es wird also gefragt: Wie groß sind die Überlebenschancen der Personen, die um ein Intensivbett konkurrieren? Soziale Kriterien wie Geschlecht, Alter oder Weltanschauung dürfen in diesem Abwägen keine Rolle spielen. Die Entscheidung, sich nicht impfen zu lassen, wird hier eingeordnet. Doch ich frage mich: Ist die Entscheidung gegen eine Impfung wirklich nur ein „soziales Merkmal“ oder nicht auch ein medizinischer Faktor? Denn Ungeimpfte, die an Corona erkranken, haben deutlich geringere Überlebenschancen. Könnte und sollte dieser Faktor nicht als ein Faktor unter anderen in die Priorisierung mit einbezogen werden? In dieser Frage bin ich mit meinem Nachdenken noch nicht am Ende.

Kommen wir beim Thema Freiheit mit dem Wort Nächstenliebe weiter?

Man könnte auch bei dem noch Einfacheren ansetzen: „Was du nicht willst, das man dir tut, das füg auch keinem anderen zu.“ Konkret kann das bedeuten: Bring andere nicht in Gefahr, so wie auch du willst, dass sie dich nicht gefährden. Dieser ethische Grundsatz spricht aus meiner Sicht ganz klar dafür, sich impfen zu lassen, wenn es einem denn möglich ist.

Ist das vereinbar mit dem Beharren auf den individuellen Rechten?

Im Wort „Beharren“ steckt, dass hier ein Teilaspekt von Freiheit absolut gesetzt wird: nämlich die individuelle Freiheit auf Kosten des Gemeinwohls. Doch wir leben gemeinsam mit anderen, und unser Verhalten hat Folgen für die anderen. Daher enden meine individuellen Rechte dort, wo ich andere möglicherweise schädige. Wenn ich mich grundsätzlich nicht impfen lassen will, trage ich durch das deutlich erhöhte Infektions- und Ansteckungsrisiko Verantwortung für die mögliche Schädigung anderer. Ich glaube, vor dreißig Jahren hätten sich die meisten Leute impfen lassen. Doch seither hat sich das gesellschaftliche Verständnis von Freiheit verengt.

Wie ist zu dieser Verengung des Freiheitsbegriffs gekommen?

Gott sei Dank kam es in unserer Gesellschaft zu einem großen Freiheitsschub. Viele äußere Zwänge wurden abgeschüttelt. Man kann sich heute seinen Beruf aussuchen, seinen Familienstand, seinen Lebensentwurf. Und das ist etwas Großes! Doch heute müssen wir das Verständnis von Freiheit weiterführen. Freiheit heißt nicht bloß, frei von äußeren Zwängen zu sein. Freiheit bedeutet vor allem, dass ich frei bin, das zu leben, worauf es mir ankommt. Das erlebe ich auch als Ordensfrau so: Das ist jene Lebensform, in der ich am besten das leben kann, worauf es mir innerlich ankommt. Deshalb fühle ich mich frei.

Hat Zuversicht auch mit Spiritualität zu tun?

Forschungen zeigen, dass gelebte Spiritualität eine zentrale Quelle von Zuversicht ist. Gerade in Krisenzeiten. Das kann auch relevant sein für Menschen, die sich keiner Religion zugehörig fühlen. Wenn in Krisen das ängstigende Gedankenkino rotiert, hilft es, in die Gegenwart zu kommen. Etwa den Duft eines geliebten Menschen einatmen oder am Teich stehen und den Enten zuschauen. Manchmal stellt sich dann ein Ahnen ein, dass man in etwas Großem und Ganzen geborgen ist. Das über unser begrenztes Leben hinausgeht. Als Christin glaube ich, dass der Zusammenhang, in den wir eingebettet sind, ein göttlicher ist. In ihr – der göttlichen Liebe – bewegen wir uns, sind wir und leben wir. Wenn ich in Krisen mit meinem Latein am Ende bin, stärkt dieses Vertrauen meine Zuversicht.

Was gefeiert wird
Maria, die Mutter Jesu, ist der einzige Mensch ohne Erbsünde. Nicht erst ab der Geburt, sondern ab dem ersten Moment ihrer Existenz, als ihre Mutter Anna sie empfing.  Daher heißt es  die „unbefleckte Empfängnis“ (lat. Immaculata Conceptio).  

Daran erinnert die katholische Kirche mit einem Hochfest. In Österreich ist der 8. 12. seit 1647 Feiertag – seit 1708 auch in der gesamten  katholischen Kirche  

Jesu Empfängnis  

Am 8. Dezember wird nicht  Jesu Empfängnis gefeiert.  Das ginge sich mit der Geburt drei Wochen später nicht aus. An Jesu Empfängnis erinnert  „Verkündigung des Herrn“ am 25. März (früher „Empfängnis Jesu“, lat. Conceptio Christi). Marias Geburt wird  9 Monate nach der Empfängnis gefeiert (8. September)

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