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Begegnung
12/05/2021

„Ein riesiger Rückschritt“: Philosoph Bazon Brock zur Gegenwart

Der Vordenker der Kunstwelt über Wittgenstein, denkfaules Publikum und sein Unbehagen mit Identitätspolitik und Kollektiven

von Michael Huber

„Ich schaue in den Himmel, um mich zu erden“ heißt die Publikation des Konzeptkünstlers Hofstetter Kurt, zu deren Präsentation Bazon Brock kurz vor dem Lockdown nach Wien angereist ist.

Bodenkontakt zu halten ist gar nicht so einfach, wenn der 85-jährige Theoretiker – emeritierter Professor für Ästhetik an der Universität Wuppertal und lange einer der einflussreichsten Denker des deutschen Kunstbetriebs – aus dem Stand zu intellektuellen Höhenflügen ansetzt: Von der „Logik der Erscheinung“ geht es zur Erotik, zu Denknotwendigkeiten, Kulturkämpfen und zur Politik.

Auch wenn der Monolog Brocks sich hier aus Platzgründen nur in Fragmenten nachzeichnen lässt, so markiert er einen Kipppunkt. „Der Westen ist verloren“, wird Brock sagen, und es wird offenbleiben, ob es Thomas Bernhardsche Übertreibung, Provokation oder Klarsicht auf einen tief empfundenen Verlust ist. Alle Register weiß der „Denker im Dienst und Künstler ohne Werk“ , als der Brock sich selbst bezeichnet, zweifellos zu bedienen.

Von Wittgenstein aus

Hofstetter sei mit seinen analytischen Kunstwerken (siehe Kasten) „einer der großen Söhne Wiens“, sagt Brock. Den Katalog zur aktuellen Wittgenstein-Ausstellung im Leopold Museum hält er dabei unterm Arm, denn es gebe eine geistesgeschichtliche Verwandtschaft – „in der Vorgabe, dass künstlerisches Arbeiten nicht mehr aus der Nachahmungstradition stammt, sondern genuin aufgebaut wird aus menschlichen Fähigkeiten, deren Vorgabe die Beherrschung der Grammatik ist“.

Brock spricht nicht von Bildern, sondern von „theoretischen Objekten“, wenn er auf die Wand der Galerie weist. „Eine Gesellschaft können Sie ja auch nicht sehen, Sie können die Universalia der Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit nicht sehen“, erklärt er. „Das können Sie nur denken. Und das Entscheidende ist, dass Sie Kunst auch nicht sehen können.“

Denken zuerst

Das Primat des Denkens bestimmte immer wieder Brocks Handeln im Kunstfeld: Er gilt als Erfinder des „Action-Teachings“ und mit den „Besucherschulen“, die er ab 1968 auf der Weltkunstschau documenta abhielt, als ein Vorreiter zeitgenössischer Kunstvermittlung. „Hier leisten Sie als Betrachter das Entscheidende, Sie delegieren das nicht an den Künstler und lassen sich als Affe dressieren“, erklärt er. „Sie werden als Betrachter zum wesentlichen Theoretiker, denn Theorie hieß im alten Griechenland immer: Die Tätigkeit eines Zuschauers. Wer im Theater saß, wurde Theoretiker genannt.“

Dass Kunst in weiten Gesellschaftsteilen nicht als Erkenntnisinstrument, sondern eher als Luxus gilt, sei der Faulheit geschuldet, insistiert Brock: „Die Leute wollen die anstrengende Operation des Denkens möglichst vermeiden, und das nimmt ihnen die Propaganda und die Werbung ab. Die Propaganda für die Kunst ist heute der Kunstmarkt. Da wird nur mehr auf die Bestimmbarkeit als Geldwert abgehoben, das hat mit der Kunst nichts zu tun.“

Aufnahmebereit

Kunstvermittlung solle den geistigen Hintergrund liefern, vor dem das in Museen und Ausstellungen Gezeigte erscheint: „Alles, was an der Wand hängt und als relevante Kunst behauptet wird, ist nur im Hinblick auf das bedeutsam, was nicht gezeigt wird“, sagt Brock.

Die Frage, wie sich gemeinsame Bedeutungsvorräte herstellen lassen, macht den Vermittlungsabteilungen der Kunsthäuser heute aber Kopfzerbrechen. Denn man will diverses Publikum aus anderen Kulturkreisen als dem westlichen abholen, der verbindliche Bildungskanon ist auch im Westen zerfranst.

Brock wird, darauf angesprochen, fast zum Hardliner. „Wenn es um Kunst geht, geht es nur um die Kulturen, die den Kunstbegriff hervorgebracht haben“, sagt er. „Und da sieht man weltgeschichtlich nichts Anderes als die letzten 600 Jahre in Europa. Im alten Ägypten gab’s keinen Kunstbegriff, im alten Griechenland, im alten Rom, im frühen Christentum gibt es keinen, bei den Hethitern nicht, bei den Persern nicht, bei den Babyloniern, den Chinesen nicht.“

Kunst und Wissenschaft, so wird klar, sind in Brocks Denken messerscharf abgegrenzt von „Kultur“, die er als gemeinsame Gebräuche und Hervorbringungen in Gesellschaften begreift. Zwar sei jeder ein kulturell geprägtes Wesen, so Brock, aber: „Wenn ich Chemie betreibe, kann ich das nicht mit meiner kulturellen Herkunft tun, sondern nur als Chemiker. Ich muss meine kulturelle Herkunft völlig vergessen und mich aus der Kultur ausklinken.“

Jenseits der Identität

Im akademischen und künstlerischen Feld wird gegenwärtig aber genau jene Trennwand – das Stichwort lautet „Identitätspolitik“ – torpediert. Forscher trachten danach, zu zeigen, wie auch Natur- und Geisteswissenschaften von (meist weiß-männlichen) Denkmustern geformt wurden – und die Kunst sowieso. Für Brock ist das „ein riesiger Rückschritt“: „Die tatsächliche Begründung der Universalität des Modernen heißt: Jenseits von kultureller Distinktion, von kultureller Festlegung, religiöser Überzeugung oder was auch immer zu arbeiten.“

Brock gerät einigermaßen in Rage, wenn man ihn darauf anspricht, dass immer häufiger „Kollektive“ statt Einzelpersonen Kunst produzieren oder – wie im Fall des „ruangrupa“-Kollektivs aus Jakarta bei der anstehenden documenta 2022 – die Leitung wichtiger Institutionen übernehmen. „Die wollen sich aufblasen und sagen: ,Wir, die im Namen einer Kultur sprechen, die vom Westen imperialistisch unterdrückt worden ist, können nun wirklich mal sagen, was Kunst und Wissenschaft ist‘“, wettert er. „Dieses Programm, eine Gruppe zu berufen, die kulturalistisch eine Kunstausstellung machen will, ist per se nichts anderes als der Terror der Xis und Erdoğans über die Freiheit der Kunst.“

Individuum vs. Gruppe

In Brocks Denken ist es eben das Individuum, das – unabhängig von kollektiven Kräften wie Parteien, Kirchen, Regierungen – Neues denkt. Einen Künstler definiert er als eine Person, die „Autorität durch Autorschaft“ erzeugt. „Seit 600 Jahren weiß die Menschheit: Was einzelne Individuen können – die nennen wir Künstler und Wissenschaftler –, ist viel bedeutsamer als das, was die Kollektive können. Dann haben die Kulturen beschlossen: Das übernehmen wir, denn dahinter steht ja keine andere Autorität als die Autorschaft, es kann uns also nicht gefährlich werden.“

„Kulturalismus“ aber sei der Tod, sagt Brock, denn „Kollektiv heißt immer dumm. Die Dummheit erhebt die letzte Autorität über jene Fähigkeit, die einzelne Menschen haben, im Denken etwas anderes als kulturelle Selbstbestätigung zu finden – nämlich das, was man Abweichung, neue Perspektiven, andere Blickwinkel nennt.“ Es fällt der Satz, dass der Westen verloren sei: „Er hat keine Kraft mehr, seine eigenen Bestimmtheiten vernünftig zu vertreten.“

Man könnte noch einhaken, diskutieren, weiterfragen. Aber auch innehalten, um auf die Bilder von Hofstetter Kurt zu schauen, die den Sonnenstand zeigen – aus der Perspektive von Kameras, die in 12 Zeitzonen verteilt sind und so Sonnenuntergang und Sonnenaufgang gleichzeitig zeigen können: Ein weiteres Anschauungsobjekt für die Frage, wo wir uns befinden, am Anfang oder am Ende.

Wer das Wiener U-Bahn-Netz kennt, kennt Hofstetter Kurt: Seit 1993 ist seine  Arbeit „Planet der Pendler mit den drei Zeitmonden“ in der U3-Station Landstraße installiert und damit das älteste noch aktive  Computerkunstwerk  im öffentlichen Raum in Österreich. Im  alten Wiener Südbahnhof begrüßte seine Installation „Ein Augenblick Zeit“ Reisende von 1994 bis zum Abriss 2009 mit zwei   Bildschirmen, die blinzelnde Augen zeigten.

Der 1959 in Linz geborene Künstler, der auch Mathematik und Musik studierte, arbeitete aber unablässig weiter, um Phänomene  an der Grenzen des Rational-Regelmäßigen zu erkunden und Zeit und Raum kurzzuschließen. So kam er auf ein mathematisches Prinzip, nicht-periodische Muster zu produzieren, und setzte es in einer  patentierten  Webstruktur für Textilien um.  Das Prinzip liegt aber auch Musikstücken  zugrunde. Ab 1997 installierte Hofstetter, 2020 mit dem Staatspreis für Medienkunst geehrt, Kameras rund um die Welt. Sie lieferten auch  Material für seine jüngste  Schau in der Wiener Galerie Konzett.

Die Ausstellung ist vom Lockdown betroffen und bis 11. 12. nur professionellen Besuchern gegen Anmeldung zugänglich. Im Handel erhältlich ist  die Monografie „Ich schaue in den Himmel um mich zu erden“, u. a. mit einem Essay von Bazon Brock (Verlag für moderne Kunst, 300 S., 36,20 €).

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