Martin Kocher

© Kurier / Juerg Christandl

Interview
01/01/2021

IHS-Chef: "Der Optimismus ist aus meiner Sicht begründet“

IHS-Chef Martin Kocher über eingebrochenen Konsum, gestiegene Sparquote und den wirtschaftlichen Aufschwung.

von Johanna Hager

KURIER: Laut einer OGM-Umfrage glauben 50 Prozent, dass 2021 besser wird als 2020. Wie wichtig ist diese Grundstimmung, damit das Jahr tatsächlich besser wird?

Martin Kocher: Die Stimmung wird entscheidend dazu beitragen, wie schnell die Konjunktur wieder Fahrt aufnimmt. Die Sparquote ist 2020 massiv gestiegen, auf an die 15 %, von gut 8 % 2019. Der Konsum ist 2020 historisch eingebrochen; der Grad an Optimismus wird bestimmen, wie viel und wie schnell Konsum, der 2020 nicht getätigt wurde, nachgeholt wird.

Ist der – wenn auch Zweck-Optimismus bei der Hälfte der Befragten für den Ökonomen Kocher begründet?

Ich bin mir nicht sicher, ob es Zweck-Optimismus ist. Irgendwann muss es ein Nachholen von Konsum und von Investitionen geben. Insofern ist der Optimismus aus meiner Sicht begründet. Alles steht und fällt aber mit dem Ende der Akutphase der Pandemie. Wird ein solches erwartet, und gibt es keine großen Rückschläge beim Impfen und bei der Eindämmung der Ausbreitung, wird sich die Stimmung schnell aufhellen und auch wieder zu einem wirtschaftlichen Aufschwung führen.

Österreichs Wirtschaft ist 2020 um acht Prozent geschrumpft. Internationale Konjunkturprognosen sehen für heuer ein marginales und im EU-Vergleich geringeres Wachstum voraus. Wann und wie kann sich Österreich ökonomisch erholen?

Die Antwort ist nicht nur für Ökonomen unbefriedigend: Alles hängt von der Entwicklung der Pandemie ab. Ich erwarte einen relativ starken Aufschwung, sobald ein Großteil der Europäer geimpft ist. Wann das der Fall sein wird, hängt jetzt von den Impfplänen ab, und auch von der Bereitschaft der Bevölkerung sich impfen zu lassen. Wir sehen – wenn die Pläne stimmen – einen starken Aufschwung für Österreich im zweiten Halbjahr. Das Jahresdurchschnittswachstum wird aber, aufgrund eines schwachen ersten Halbjahres 2020, verhalten bleiben. Eine Wintersaison, wie die uns bevorstehende, darf es wirtschaftlich nicht noch einmal geben. Die Verluste für die heimische Wirtschaft sind massiv. Leider sind wir bei der wirtschaftlichen Erholung aber nicht nur auf die richtigen Maßnahmen in Österreich angewiesen, sondern auf ganz Europa.

Der Konsum ist international verhalten, die Sparquote überall gestiegen. Welche Anreize und Aussichten müssen gegeben sein, damit die Menschen wieder mehr konsumieren?

Es muss mehr Sicherheit über die Zukunft geben. Das Ende der Akutphase der Pandemie ist sicher der wichtigste Faktor. Aber es gibt auf dem Weg zum Aufschwung natürlich auch andere Stolpersteine. Schaffen wir es, die Unternehmensinsolvenzen im Rahmen zu halten? Kann die Arbeitslosigkeit reduziert werden? Wie gut gelingt es, das Budgetdefizit 2022 wieder auf ein normales Maß zurückzufahren? Haben Politik und Verwaltung die Kraft, die nötigen strukturellen Anpassungen nach der Kraftanstrengung der Pandemiebekämpfung rasch umzusetzen? Richtige wirtschaftspolitische Antworten auf diese Fragen würden Sicherheit geben und vor allem den heimischen Konsum ankurbeln.

Gernot Blümel

Die Corona-Hilfen sind 50 Milliarden Euro schwer. Viele Wirtschaftshilfen wurden verlängert. Im Vergleich zu Deutschland war Österreich beim Umsatzersatz großzügiger und schneller. Macht das auch wettbewerbsfähiger?

Ehrlich gesagt, ist es noch zu früh, um diese Frage seriös zu beantworten. Ja, die Reaktion der österreichischen öffentlichen Haushalte war großzügiger und in vielen Bereichen auch schneller. Allerdings hat Deutschland auch rasch reagiert, vor allem aber mit Stundungen und Haftungsübernahmen. Österreich kommt dann besser aus der Krise, wenn die Krise bald endet. Kommt es bei der Bekämpfung der Pandemie zu größeren Rückschlägen, wird es für Österreich schwieriger. Insgesamt ist Österreich aufgrund seiner Exportorientierung – Stichwort: Tourismus – und seiner Kleinheit strukturell stärker betroffen als Deutschland. Bisher hat man die Krise wirtschaftlich – grosso modo – gut gemeistert, aber abgerechnet kann erst am Schluss werden.

Derzeit sind 500.000 Menschen ohne Arbeit, 400.000 in Kurzarbeit. Nicht alle werden wieder Vollzeit arbeiten oder umgeschult werden können. Müssen wir mit einer hohen Arbeitslosenrate leben lernen?

Aufgrund der Demografie erwarten wir in fünf bis zehn Jahren sogar Knappheit in vielen Bereichen des Arbeitsmarkts. Das klingt heute fast zynisch, angesichts der Rekordarbeitslosigkeit. Aber sobald die Krise zu Ende ist, werden viele Menschen rasch wieder in Beschäftigung kommen. Unser Problem in Österreich ist, dass nach jeder großen Krise der Sockel an Menschen ohne Arbeit steigt. Das wird auch dieses Mal so sein, es hat wenig mit den Krisen selbst zu tun, sondern vielmehr mit dem wirtschaftlichen Strukturwandel, der zu einem immer größeren Ungleichgewicht in der Qualifikation von Arbeitsangebot und Arbeitsnachfrage führt. Ein Zeichen dafür ist der Fachkräftemangel. Qualifikation auf allen Ebenen muss daher zum zentralen Motto der Arbeitsmarktpolitik werden. Aber sie wirkt natürlich nur mittelfristig. Kurzfristig müssen wir auf klassische aktive Arbeitsmarktpolitik zurückgreifen.

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