© bk bericht

Politik Inland
06/16/2020

Bilder zeigen Gudenus bei mutmaßlichem Drogenkonsum: War er erpressbar?

Dem KURIER wurde der 378 Seiten starke Zwischenbericht der SOKO Ibiza zugespielt, die Hintermänner hatten weiteres Belastungsmaterial gegen Johann Gudenus.

von Dominik Schreiber, Kid Möchel

Aufgrund des öffentlichen Interesses stellen wir wesentliche Informationen in diesem Artikel kostenfrei zur Verfügung. Weitere Hintergründe und Bildmaterial in der zweiten Hälfte bleiben auf KURIER.at unseren Digital-Abonnenten vorbehalten. 

Es war eine kleine Handy-Speicherkarte in der Steckdose einer Wohnung eines Feuerwehrmanns in Wiener Neustadt, auf der weit brisanteres Material gefunden worden ist, als bisher bekannt war. Denn die Hintermänner des Ibiza-Videos haben die komplette Vorgeschichte mit unzähligen Videos und Audio-Dateien dokumentiert. Im Vorfeld wurden offenbar verschiedene Firmenkonstruktionen besprochen, um den Deal mit der angeblichen Oligarchen abzuschließen. Der spätere FPÖ-Klubobmann Johann Gudenus wurde außerdem mutmaßlich laut Soko-Ibiza beim zweimaligen Kokainkonsum gefilmt. Womit er auch erpressbar gewesen sein dürfte.

Das alles hält der 378 Seiten starke Bericht der SOKO Ibiza/Tape fest, der dem KURIER vorliegt, und der erst vor rund zwei Wochen erstellt worden ist.

Gudenus ließ eine KURIER-Anfrage zu seinem mutmaßlichen Drogenkonsum unbeantwortet. Sein Anwalt Heinz-Dietmar Schimanko meinte dazu aber: „Selbst wenn es so wäre, wäre das sein höchstpersönlicher Lebensbereich. Dazu gibt es nichts weiter zu sagen, er hat sich auch regelmäßig auf Drogen testen lassen, weil es entsprechende Gerüchte gab. Gudenus hat stets festgestellt, dass er kein Kokain konsumiert.“ Gegenüber der Krone räumte Gudenus einen möglichen Eigengebrauch ein, bezeichnete die Sache aber als "Schnee von gestern".

Nicht das ganze Video

Das Dokument wird auch innerhalb des Untersuchungsausschusses im Parlament für Diskussionen sorgen, ist in dem Papier doch zu finden, dass die SOKO offenbar nicht das gesamte Material des Hauptvideos sichergestellt hat. Das bedeutet, dass der Süddeutschen Zeitung und dem Spiegel Teile des Videos vorliegen, die Österreichs Justiz nicht in Händen hat.

Dafür ist der SOKO ein Erfolg gelungen, indem sich nun weitere Treffen im Vorfeld des Ibiza-Videos dokumentieren lassen. Allein 19 Videoaufnahmen und mehrere Audiodateien gibt es von diesen Meetings. Was dort im Detail besprochen worden ist, ist unklar, der Bericht hält aber zumindest die ersten groben Details fest.

So wurde offenbar besprochen, welche Firmen der Lockvogel einrichten sollte, um ins Geschäft zu kommen.

Offenbar gab es zuvor auch schon einen frühen Versuch mit Heinz-Christian Strache in Kontakt zu treten. Eine Videofalle in einem Hotel in Wien war bereits installiert, der FPÖ-Chef blieb dem Treffen aber kurzfristig dann doch fern. Wäre er damals erschienen, wäre es nicht auf Ibiza, sondern schon in Wien zu einem Video gekommen.

Am 13. April 2017, also drei Monate vor dem Ibiza-Dreh, kam es in einer Privatwohnung in Wien-Landstraße zu einem Treffen zwischen Gudenus, dem Videohersteller und Detektiv Julian H. sowie einer Immobilienhändlerin. Dabei wurden offenbar vier kurze Videos erstellt, bei dem es laut dem SOKO Bericht zu Vertragsverhandlungen zwischen dem Lockvogel und Gudenus gekommen ist.

Knapp zwei Wochen später traf man sich in einem Lokal am Südtiroler Platz. Dazu gibt es ein 36-minütiges Video. Laut SOKO hat Detektiv H. dazu „eine Knopfkamera innerhalb seiner Oberbekleidung (...) angebracht. „Die Gebrüder Gudenus erscheinen und das Gespräch wird in den hinteren Bereich des Lokals verlegt. Neuerlich werden „Vertragsmodalitäten“ besprochen“, hält die Kripo fest.

Fotos, die Ex-FPÖ-Klubobmann Johann Gudenus zeigen, wie er mutmaßlich Drogen konsumiert: Hat es Relevanz, diese zu zeigen, wo er doch alle Ämter und Funktionen zurückgelegt hat? Die KURIER-Redaktion hat sich die Antwort nicht leicht gemacht und doch entschieden, die Bilder zu veröffentlichen. Erstens, weil das Video zu einem Zeitpunkt gedreht worden ist, als Gudenus als hoher FPÖ-Politiker im Sinne seiner Partei gegen Drogenkonsum öffentlich gewettert hat. Zweitens, weil er nach einer Hausdurchsuchung bei ihm über seinen Anwalt erklären ließ, nie Drogen konsumiert zu haben. Und drittens, weil diese Szenen für die Aufklärung der Ibiza-Affäre noch entscheidend sein können.
 

Das Treffen verlagert sich anschließend in ein Promi-Hotel der Stadt, in die Suite 1608 – dabei wurde ein mehr als sieben Stunden langer Audiomitschnitt angefertigt. Dazu gibt es auch ein kurzes Video, das Gudenus mutmaßlich „beim zweimaligen Suchtgiftkonsum“ zeigt.

Der angebliche Suchtgiftkonsum ist aus mehreren Gründen brisant: Gerade die FPÖ verschrieb sich dem Kampf gegen illegale Drogen, außerdem könnte Gudenus deswegen erpressbar gewesen sein. Er selber hat sich ja später aus der Politik zurückgezogen, weil er befürchtete, dass weiteres kompromittierendes Material vorhanden ist. Schon damals gab es Gerüchte, dass Gudenus beim Koksen gefilmt wurde und er deshalb im Ibiza-Video versucht habe, Strache einzureden, dass es sich nicht um eine Falle handelt.

gudenus_zieht.jpg

"Kein Koks konsumiert"

Gudenus ließ eine Anfrage des KURIER dazu unbeantwortet. Sein Anwalt Heinz-Dietmar Schimanko meinte dazu aber: „Selbst wenn es so wäre, wäre das sein höchstpersönlicher Lebensbereich. Dazu gibt es nichts weiter zu sagen, er hat sich auch regelmäßig auf Drogen testen lassen, weil es entsprechende Gerüchte gab. Gudenus hat stets festgestellt, dass er kein Kokain konsumiert.“

Fest steht, dass die Staatsanwaltschaft Wien die Ermittlungen eingestellt hat – wegen Verjährung. Klar ist aber, dass die Falle durchaus durchschaubar war. So wurde zur Untermauerung der Seriosität der russischen „Oligarchin“ eine Passkopie vorgelegt, in dem das Geschlecht als männlich eingetragen war. Der Pass gehörte tatsächlich einem litauischen Tormann, er wurde offenbar verfälscht. Auch dass Lockvogel Alyona Makarov nicht im Internet zu finden war, störte Gudenus offenbar nicht.

Brisant ist auch, dass es offenbar schon im Vorfeld ausführliche Gespräche über den angeblichen Kauf der Kronenzeitung gegeben hat. Der Bericht hält fest, dass es im Mai bzw. Juni 2017 einen weiteren eineinhalbstündigen Audiomitschnitt gibt. Wörtlich heißt es dazu: „Zeitlich sind angeführte Treffen nach dem Zusammentreffen von Detektiv H. und Gudenus im Flugzeug von Moskau nach Wien einzuordnen, jedoch vor Ibiza selbst. Gesprächsthemen sind mitunter die Funke-Gruppe, die Kronenzeitung, sowie die Geschäfte eines Bauträgers, mit dem Gudenus bekannt ist.“

Damit ist auch klar: Die Aussagen im Ibiza-Video stammen ganz offensichtlich nicht aus einer alkoholbedingten Laune oder wurden durch beigemischte Drogen herbeigeführt, sondern waren vorher schon ein Thema in den Verhandlungen zwischen der FPÖ, dem Detektiv und dem Lockvogel.

Auch, dass mit dem Video Geld verdient werden hätte sollen, zeigen die Berichte der SOKO. So wurden weitere elf sogenannte „Promotion Videos“ hergestellt – offenbar um sie Interessenten vorführen zu können. Auf einem davon ist offenbar auch Anwalt M. zu finden, der sich selbst als Hintermann geoutet hat. Ein Weiteres zeigt den Kokainkonsum.

Kurios sind jedenfalls auch die Dateinamen, die auf der sichergestellten SD-Speicherkarte in Wiener Neustadt zu finden waren. So waren die Videos unter „Roter Platz“ abgespeichert, offenbar wegen der russischen Oligarchin. Die Polizei vermutet, dass das der interne Name der Operation war.

17. Mai 2019: Deutsche Medien veröffentlichen das Ibiza-Video. Darin sind die damaligen FPÖ-Spitzen Heinz-Christian Strache und Johann Gudenus zu sehen, wie sie mit einer angeblichen Oligarchin Postenschacher auf höchster Ebene betreiben.

18. Mai 2019: Das ganze Land wartet auf eine Reaktion der Politik. Heinz-Christian Strache tritt als Vizekanzler zurück. Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) verkündet, dass es Neuwahlen geben wird. Er will die türkis-blaue Koalition nicht mit Herbert Kickl als Vizekanzler fortsetzen.

23. September 2019: Strache ist immer noch Parteimitglied, als die FPÖ publik macht, dass er unrechtmäßig Spesen verrechnet hätte. Er soll bis zu 10.000 Euro Spesen im Monat erhalten haben und damit unter anderem auch Uhren und Schmuck für seine Frau gekauft haben.

25. September 2019: Eine langjährige Mitarbeiterin Straches gibt in einer Befragung der Polizei an, dass ihr Chef tatsächlich hohe Spesen verrechnet hat. Die Behörden sowie Strache sind derweil dran, an das vollständige Videomaterial zu kommen.

1. Oktober 2019: Strache verkündet seinen völligen Rückzug aus der Politik. Damit  kommt er der Entscheidung der FPÖ-Gremien zuvor, die ihn später aus der Partei ausschließen. Strache sieht sich weiter als Opfer einer Schmutzkübelkampagne    

22. November 2019: Über drei mutmaßliche Hintermänner des Ibiza-Videos wird die U-Haft verhängt. Es sind der 38-jährigen Bosnier S., der 52-jährigen Serbe K. und eine 33-jährige Frau R. Sie soll die frühere Lebensgefährtin des 39-jährigen Detektivs H. sein, der eine Hauptrolle bei der Erstellung des Videos spielte.

11. Dezember 2019: SPÖ und NEOS beantragen einen Untersuchungsausschuss in der Causa Ibiza. Es soll um die mutmaßliche Käuflichkeit der türkis-blauen Regierung gehen. Er wird später vom Parlament beschlossen.

Jänner 2020: Ermittler können erste Fragmente des Ibiza-Videos in der Wohnung der Lebensgefährtin des mutmaßlichen Videoerstellers Julian H. sicherstellen. Das gesamte Videomaterial bleibt weiterhin verschwunden.

März 2020: Das Bundeskriminalamt befragt erstmals Feuerwehrmann R., der zugibt, das gesamte Video auf seinem Handy besessen zu haben, es aber bereits vor Monaten (durch Runterspülen im Klo) vernichtet zu haben.

20. April 2020: Bei einer weiteren Einvernahme gibt R. zu, das Video doch auf einer SD-Speicherkarte zu Hause versteckt zu haben. Es war in der Steckdose in seiner Wohnung in Wiener Neustadt. Das Material wird später der Staatsanwaltschaft Wien übermittelt.

3. Juni 2020: Der Ibiza-Untersuchungsausschuss startet, ohne das Video zu kennen. Wenige Tage zuvor werden auch erstmals Fahndungsbilder der angeblichen Oligarchin veröffentlicht. Auf das Angebot, das Video vom mutmaßlichen Drahtzieher H. zu bekommen, geht das Parlament nicht ein.