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Chronik Österreich
05/16/2020

Die Akte Ibiza: Neue Hintergründe zu den Drahtziehern

Ein Jahr nach der Video-Veröffentlichung zeigen neue, bisher unbekannte Dokumente: Das Motiv für die Herstellung des Films liegt wohl in einer missglückten Anzeige gegen Heinz-Christian Strache.

von Dominik Schreiber, Kid Möchel, Michaela Reibenwein

Es ist ein kleines Büro im Bundeskriminalamt am Wiener Josef-Holaubek-Platz, in dem wohl der Grundstein für das berühmte Ibiza-Video gelegt wird. Bis die türkis-blaue Regierung gestürzt ist, werden noch mehr als zwei Jahre vergehen. Nur zwei Personen sind laut einem dem KURIER vorliegenden Aktenvermerk anwesend: Ramin M., ein damals kaum bekannter Anwalt für Europarecht und gleichzeitig der spätere mutmaßliche Organisator des Ibiza-Videos. Auf der anderen Seite des Tisches sitzt Andreas Holzer, Leiter des Büros für Organisierte Kriminalität im Bundeskriminalamt und späterer Chef der SOKO Ibiza.

Es ist der 27. März 2015, 10.50 Uhr. Brisante Angelegenheiten werden an Holzers Konferenztisch beredet. Wäre diese Besprechung anders abgelaufen, dann wäre das Ibiza-Video vielleicht nie angefertigt worden. Das ergeben teils unveröffentlichte Dokumente, die der KURIER nun erstmals sichten konnte. Genau ein Jahr nach dem Auftauchen des Videos werfen diese Papiere ein neues Licht auf die Hintergründe.

Das Thema der Unterredung im Bundeskriminalamt im Jahr 2015: Angeblich „strafrechtliches Verhalten des FPÖ-Chefs Heinz-Christian Strache“. Der Anwalt schildert dem Kriminalisten erstmals jene Details, die erst viel später als Spesenaffäre bekannt werden sollten.

Strache soll sich sein gesamtes Privatleben durch Parteigelder der FPÖ finanzieren“, steht im Protokoll. M. erklärt genau, wie das angebliche Ringelspiel mit Rechnungen funktioniert. Behauptet werden auch: „Stimmenkauf, Scheinanstellung, Suchtgiftkonsum und Sonstiges“. Letzteres betrifft das von Strache so geliebte Computerspiel Clash of Clans, für das er angeblich jeden Monat bis zu 3.000 Euro (aus der Parteikasse) verzocken soll.

Fest steht, solche Anschuldigungen gegen Politiker sind keine Seltenheit. Der Anwalt spricht nur von einem mysteriösen Mandanten und sagt nicht, dass es sich dabei um Straches Leibwächter Oliver R. handelt. Dieser galt im Verfassungsschutz (BVT) stets als Sicherheitsrisiko: „Wir haben Strache immer wieder vor ihm gewarnt“, sagt ein hochrangiger BVT-Mann dem KURIER. Wie sich später herausstellen wird, hat R. Belege gesammelt, die Strache belasten sollen.

Doch Holzer erfährt davon (noch) nichts, Anwalt M. sagt nur, dass sein Mandant grundsätzlich mit der Polizei kooperieren, aber seine Geschichte auch an Medien weitergeben möchte.

„Aus Sicht des Bundeskriminalamts sind die bis dato gemachten Angaben noch zu vage, um Ermittlungen umgehend einzuleiten“, hält Holzer fest. Der erfahrene Ermittler gibt aber nicht auf und versucht den Anwalt danach noch mehrfach telefonisch zu erreichen – doch dieser meldet sich nicht mehr bei ihm.

M. dürfte mit der Besprechung nicht zufrieden gewesen sein. Das vermutet auch Detektiv Julian H., der das Video später im Auftrag des Anwalts angefertigt haben soll. „Aus dem Verhalten des Holzer (...) bis zur Veröffentlichung des Ibiza-Videos wissen wir, dass ohne die eindrucksvolle Darstellung des Maßes an Rechtsverachtung des ehemaligen Vizekanzlers Strache überhaupt keine Ermittlung aufgenommen worden wären“, wird der Verteidiger von H. später an das Landesgericht für Strafsachen Wien schreiben.

Greift Anwalt M. also zur Selbstjustiz? Fühlt er sich von Holzer missverstanden? Oder geht es nur um Geld?

Zu M. meint der Detektiv (über seinen Verteidiger) in einem absurden Vergleich: „Der Mann ist ein Held und kein Krimineller“, das Video vergleicht er mit „wenn jemand die Machtergreifung von Adolf Hitler zu verhindern unternommen hätte, durch ein heimlich aufgenommenes Tonzeugnis“.

In der Folge werden Haare von Strache immer wieder Medien (für einen Drogentest) angeboten, niemand will aber auf so eine dubiose Geschichte einsteigen. Vermutlich im Laufe des Jahres 2016 entsteht die Idee, der FPÖ-Führung eine Falle zu stellen. Die Justiz geht davon aus, dass Detektiv H. drei Helfer rekrutiert und M. eine Wohnung verkauft, um das zu finanzieren. Damit deutet wenig auf weitere Hintermänner hin, sonst hätten diese das Geld vorgestreckt.

Anfang 2017  tritt Anwalt M. an die ihm bekannte  Immobilientreuhänderin Irena W. heran, die in höchsten FPÖ-Kreisen verkehrt. Er vertrete eine russische Oligarchin, die investieren möchte. M. fragt, ob sie eine Brücke zur Familie Gudenus schlagen könne. Verhandlungsbasis für fünf Grundstücke (inklusive Eigenjagd): 15 Millionen Euro.

Bald darauf kommt es zu einem Treffen von Johann Gudenus und seinem Bruder mit der vermeintlichen Oligarchin Alyona Makarova im Wiener Haubenlokal Le Ciel. Detektiv Julian H. tritt als ihr Berater auf.

Alleine die Maklerin W. und der Detektiv H. treffen einander noch zehn Mal.

Gudenus wies jegliche Verantwortung von sich

Der Lockvogel besichtigt im April 2017 die Ländereien der Adelsfamilie Gudenus im Waldviertel. Die Maklerin fertigt von dem Treffen ein Video an, um sich abzusichern, falls es zu Streitigkeiten um die Provision kommen sollte.

„Es wurde mir dann von Julian H. mitgeteilt, dass das nächste Treffen in Ibiza in der Finca der Oligarchin stattfinden wird und dass meine Anwesenheit nicht erwünscht ist“, gibt die Maklerin später zu Protokoll. „Julian wusste, dass Johann Gudenus mit seiner Frau im Juli 2017 Urlaub in Ibiza macht.“

Im Mai  2017 beauftragt Julian H. seine Sekretärin Evi F., „im Internet nach Fincas in Spanien“ zu suchen. Sie findet drei Objekte. Gebucht wird jene an der Adresse Carretera Ibiza a San Antonio 27040, Parzelle 13 am 18. Juli für drei Nächte um 2.650 Euro – auf den Namen  der Sekretärin.

Am 20. Juli 2017 bucht Julian H. bei der Restplatzbörse am Wiener Schwedenplatz  für sich selbst und einen Begleiter Flüge nach Ibiza. Am 24. Juli kommt es in der Finca  zu dem  folgenschweren Aufeinandertreffen, bei dem das Video angefertigt wird.

Nach dem Urlaub auf Ibiza trifft die Maklerin den Detektiv H. noch einmal. Dabei sagt er, „die Oligarchin sei angepisst. Es lief nicht so, wie sie sich das vorgestellt hatte.“
Auch sonst scheint nicht alles nach Wunsch gelaufen sein. Die Tonqualität des Videos ist dermaßen schlecht, dass das Audiofile in einem Tonstudio in Wien-Neubau bearbeitet werden muss.

Ab Sommer 2017 versucht Anwalt M. offenbar, das Video zu Geld  zu machen. Er kontaktiert dabei laut Dokumenten, die der KURIER einsehen konnte, verschiedene PR-Berater aus mehreren politischen Lagern, die M. zum Teil aus Schulzeiten kennt. M. soll gesagt haben, „dass er eine russische Dame vertritt, die bei einem Grundstückskauf mit Johann Gudenus enttäuscht wurde. Sie habe viele Gespräche mit Gudenus aufgezeichnet und wolle diese verkaufen.“

Als Preis für das gesamte Material soll M. vier bis fünf Millionen Euro verlangt haben. Doch M. findet keinen Abnehmer, bei dem astronomischen Preis keine Überraschung. Noch im März 2018 bietet er das Video einem weiteren PR-Berater der roten Reichshälfte erfolglos an.

Im Laufe des Jahres 2018 meldet sich Polizei-Informant Slaven K. bei einem Salzburger Polizisten, der unter Kollegen als FPÖ-Sympathisant gilt, und berichtet von einem Video, das Vizekanzler Strache stark belasten würde. Dieser sei „im Arsch“. Zu dem Treffen soll  ein Polizeibericht angelegt worden sein.

Im April 2019 sorgt der Satiriker Jan Böhmermann bei der KURIER-Romy-Gala für Aufregung. Er macht Andeutungen über ein Treffen in einer Oligarchen-Villa auf Ibiza. Kurz darauf erscheint Straches Bodyguard Oliver R., offenbar bei seinem Anwalt M., und behauptet, er arbeite nun für einen Sondereinsatzstab von Innenminister Herbert Kickl, der nach dem Video sucht. (Kickl bezeichnet das Existieren eines solchen Stabes auf Anfrage als „klassische Fake News“.)

Am Abend des 17. Mai 2019 veröffentlichen deutsche Medien eine siebenminütige Sequenz des Ibiza-Videos.

Am 6. Juni 2019 kommt es in der Wiener Anwaltskanzlei   von Johann Pauer zu einem spannenden Treffen.  Anwesend sind: Pauer, Strache, dessen Frau Philippa, ein weiterer Anwalt Straches aus Berlin, der Salzburger FPÖ-Funktionär (und Berufssoldat) D.  und der Informant aus dem Jahr 2018, Slaven K. Der erzählt viel  Unglaubliches über den Detektiv H. und die Hintergründe, 400.000 Euro solle die Langversion des Videos kosten. Die Ermittler gehen aber davon aus, dass K. vermutlich gar keinen Zugang dazu hat.

Am 12. Juni trifft D. den Informanten K. und zeichnet das Gespräch auf. K. behauptet, dass die Herstellung des Videos 200.000 Euro gekostet habe und der Film für 600.000 Euro verkauft worden sei.

Im November 2019 gibt es Hausdurchsuchungen und Verhaftungen von drei angeblichen Komplizen, auch das Equipment für den Videodreh wird bei einer Lokalbekanntschaft von H. (aus dem „Atrium“ am Schwarzenbergplatz in Wien) gefunden: „Bei diesen Geräten handelt es sich um versteckte Kameras in manipulierten Lichtschaltern, Radioweckern, Attrappen von Kaffeebechern etc. sowie bspw. Mikrofone in Form von Jackenknöpfen usw.“, heißt es im Bericht der SOKO Ibiza/Tape.

Auf den Überwachungsgeräten wird auch eine DNA-Spur gefunden. Diese gehört zu Detektiv H. Er wird seither mit einem Europäischen Haftbefehl gesucht. Der Verdacht: versuchte Erpressung und Suchtgifthandel sowie Missbrauch von Tonaufnahmen und Abhörgeräten.

Den Sitz seiner Firma K. verlegt er im Herbst 2019 ebenso nach Berlin wie seinen Wohnsitz. Das Bundeskriminalamt lässt nichts unversucht, den Detektiv zu finden. Handy-Funkzellen sollen ebenso ausgewertet worden sein wie Passagierlisten der Fluglinien. Bisher vergeblich.

Alle Beteiligten bestreiten jedenfalls, sich strafbar gemacht zu haben.

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