Gesundheitminister Rudolf Anschober

© Kurier / Gilbert Novy

Politik Inland
09/26/2020

Gesundheitsminister: "Wir haben eine fatale Situation"

Rudolf Anschober über die Corona-Ampel, fehlende EU-Standards und Arbeitslose, die Tracer werden.

von Johanna Hager, Gilbert Novy

KURIER: Freitag ist Corona-Ampel-Tag. Noch ist kein Ort auf Rot gestellt, dafür sehen viele bei der Ampel rot. Welche Schulnote geben Sie der Ampel?

Rudolf Anschober: Die Corona-Ampel ist absolut unterschätzt. Sie macht eine hervorragende Risikoanalyse, für die uns viele Länder beneiden: Deutschland z. B. diskutiert gerade ein ähnliches System. Die Ampel  ist ein Warnsystem für die Bevölkerung und ein Weckruf, denn wir haben viele orange Bezirke. Das Wichtigste ist, dass das Risikobewusstsein wieder wächst und eine Stimmung wie im Frühling entsteht. Ab dem Wochenende werden die Länder die Möglichkeit haben – weil das Corona-Maßnahmengesetz im Bundesrat finalisiert und vom Bundespräsidenten unterschrieben wird – regionale Zusatz-Maßnahmen entsprechend der spezifischen Ausbreitungssituation umzusetzen.

Welche Länder beneiden uns um die Corona-Ampel?

Wir haben international viele Anfragen, es arbeiten etliche Länder an ähnlichen Systemen. Die Corona-Ampel ist massiv unterschätzt in der Öffentlichkeit und sie wird uns noch sehr, sehr wichtige Dienste erweisen in den nächsten Wochen und Monaten, die für ganz Europa sehr schwierig werden.

Die Corona-App ist ein zweites Instrument, das nicht angenommen wird. Gleichzeitig beginnt die Wiener Gastronomie mit der Registrierung von Gästen. Sollte man dieser Hand geschriebenen Zettelwirtschaft nicht beikommen und die Corona-App wiederbeleben?

Auch die Corona-App ist erfolgreicher als das öffentliche Image. Wir haben mittlerweile 1.500 Warnungen, die von ihr ausgehen und: Wir klettern in den Bereich von einer Million User.

Was wäre eine Erfolgszahl bei der Corona-App angesichts über acht Millionen Einwohnern?

International geht man davon aus, dass 40 bis 50 Prozent fantastisch wären. Deutschland hatte einen sehr guten Start, aber auch Schwierigkeiten. Jeder einzelne User erhöht die Wirksamkeit des Systems.

Was ist Ihr Worst-Case-Szenario für den Herbst: Ausgangsbeschränkungen im Oktober, damit der Tourismus aufersteht, Menschen Weihnachtsgeschenke kaufen?

Nein, das möchten wir mit aller Kraft verhindern. Ein Lockdown mit Ausgangsbeschränkungen wäre das Fatalste für uns alle. Nicht auszudenken, wenn wir das wirklich brauchen würden.

Der deutsche Virologe Christian Drosten sagt, dass die Pandemie jetzt erst richtig losgeht. Pflichten Sie ihm bei?

Wir haben schon große Aufgaben gut bewältigt, aber im Herbst auch noch vor uns. Mit geringeren Temperaturen und dem Umstand, dass wir uns mehr indoor aufhalten, werden die Infektionszahlen deutlich steigen. Wir haben es seit ein paar Tagen geschafft, die Werte zu stabilisieren und auf einem zugegebenermaßen hohen Plafonds zu halten. Wir müssen aber für den Herbst mehr Luft kriegen, daher brauchen wir regionale und genaue Zusatzmaßnahmen, die ab dem Wochenende rechtlich möglich werden.

Gesundheitminister Rudolf Anschober

Brauchen wir wieder Bilder aus Bergamo, damit wir achtsam und wachsam sind? Die verheerenden Folgeschäden von Covid-Erkrankten wie Geschmackssinnverlust scheinen vielen unbekannt.

Es ist eine Gratwanderung. Ich bin gegen eine Politik der Angst. Angst lähmt. Information ist alles! Wir haben eine fatale Situation, derer wir uns bewusst sein müssen: Wir haben keine Impfung und kein Medikament. Die Gesundheitsfrage entscheidet zudem zu 100 Prozent über unsere wirtschaftliche Zukunft. Wir alle sind daher mit unserem Verhalten ein Teil der Lösung für eine gute wirtschaftliche und soziale Zukunft.

Es gab Meinungsverschiedenheiten, ob es sich schon um eine zweite Welle handelt.

Das ist eine semantische Diskussion, wenn wir keine anderen Probleme haben, dann bin ich glücklich. Eine zweite Welle gibt es, wenn es wieder zu exponentiellen Steigerungen kommt wie wir sie im Frühling hatten und wenn wir die Kontrolle über das Virus verlieren. Davon sind wir nach der Stabilisierung der vergangenen Tage weit entfernt, aber es gibt zwei Prognosen. Entweder ein Hineinkippen in exponentielle Steigerungen, oder aber wir schaffen eine Fortsetzung der Stabilisierung. Die Stabilisierung ist realistisch machbar, weil die massive Ausweitung des Mund-Nasen-Schutzes und die Beschränkungen bei privaten Veranstaltungen sich statistisch in den nächsten zwei Wochen bei den Zahlen niederschlagen werden.

Den KURIER erreichen schreckliche Geschichten von Kindern, die wegen Hustens nach Hause geschickt werden. Von Eltern, die in Quarantäne sind und deren Kinder in die Schule gehen, die nicht wissen, wie sie sich verhalten sollen.

Wir haben einen bundesweiten Leitfaden, der für alle gilt und klare Vorgaben enthält. In 99 Prozent der Fälle wird das auch gut umgesetzt. Das eine Prozent, das Sie ansprechen, ist aber eines zu viel.

Für viele kommen die Maßnahmen einem sozialen Lockdown gleich. Ist es denkbar, dass die Schulen wieder Home-Schooling machen müssen, um Kinder als Spreader zu verhindern?

Wir haben in der Regierung eine ganz klare Priorität: Wir wollen einen möglichst normalen Schulbetrieb haben. Wir haben keine gegenteiligen Pläne. Das ist wichtig für die Kinder und Eltern. Ich bin zuversichtlich, dass es möglich ist, das aufrechtzuerhalten. Für die ganze Gesellschaft sind die nun festgelegten Maßnahmen das gelindere Mittel.

Das sehen viele anders.

Wir brauchen heute klare Maßnahmen, um für morgen schwere Eingriffe wie Ausgangsbeschränkungen zu verhindern. Wir wollen das nie mehr in Österreich. Lieber jetzt gravierende Maßnahmen als zu spät zu merken, wir hätten früher handeln müssen. Bei Israel, das vorbildlich unterwegs war, sehen wir, was passieren kann. Israel ist in einer Dynamik, aus der es seit Tagen trotz Lockdowns nicht herauskommt.

In Israel steigen die Infektionszahlen

Es mutet seltsam an, dass jedes Land in Zeiten der Pandemie einen eigenen Weg geht. Gibt es Vorbild-Länder?

Ja, das mutet seltsam an. In Europa haben wir in manchen Bereichen super dazugelernt – Stichwort Impfstoff. Das ist ein geniales, gesamteuropäisches Projekt. Aber in anderen Bereichen sind wir noch nicht dort, wo wir gemeinsam sein müssten. Stichwort: Reisewarnungen. Ich würde mir wünschen, dass es einheitliche Standards gibt.

Welche Standards schlagen Sie vor? Es ist immer die Rede von 50 Infizierten pro 100.000 Einwohner in sieben Tagen. Deutschland ist der wichtigste Partner Österreichs, hat Reisewarnungen uns gegenüber ausgesprochen. Können Sie nicht mit Ihrem Amtskollegen Jens Spahn an einem Strang ziehen?

Wir reden in ganz Europa davon, dass einheitliche Standards sinnvoll wären, weil die Situation natürlich nicht befriedigend ist. Das ist verwirrend und schadet uns in Europa insgesamt. Das ist aber kein Vorwurf an Deutschland, das hochprofessionell arbeitet. Wir sind auch im Dialog mit dem Robert-Koch-Institut, das hochqualifiziert ist.

Das Österreich auch gerne hätte?

Wir haben die AGES, die ebenfalls fantastisch ist. Wir arbeiten zusammen und wollen auch die europäische Gesundheitsbehörde drastisch mehr einbinden und ausbauen.

Stichwort Impfstoff. Sie haben gesagt, dass wir ihn im Jänner haben werden.

Wir haben eine große Risikostreuung bei den Bestellvorgängen und decken alle drei Technologien für einen Corona-Impfstoff ab. Das Fragezeichen ist: Wann erhalten die Hersteller, mit denen wir Vertragsabschlüsse haben, eine Marktzulassung für ihr Produkt. Falls die Marktzulassung da ist, dann können wir im Jänner, Februar mit dem Start der ersten Teilimpfungen rechnen. Ich bin zuversichtlich, dass wir im Laufe des ersten Halbjahres ein Impfangebot an alle Österreicher machen können.

Gesundheitminister Rudolf Anschober

Der Grippeimpfstoff ist nicht in ausreichendem Maß in Österreich vorhanden. Was macht Sie bei einem Impfstoff, der noch nicht mal zugelassen ist, zuversichtlich?

Dass Europa als großer Markt gemeinsam handelt. Bei der Grippeimpfung ist es anders, da wir 13 Monate Vorbestellungszeit haben. Wir haben um die Nachbestellung jeder einzelnen Impfdosis gekämpft und konzentrieren uns auf die Impfung älterer Menschen, für die ein spezifischer Gratis-Impfstoff vorhanden sein wird, weil sie die größte Risikogruppe darstellen. Erstmals in Österreich bieten wir auch eine Gratis-Impfung gegen die Influenza für Kinder an, zum Teil als Nasenspray.

Die Grippe wurde bei den Sterbefällen immer in Relation zu Corona gesetzt. Rund 800 Grippetote gab es 2019/20, so viele Corona-Tote gibt es  bis jetzt in Österreich. Sind also die Covid-Maßnahmen verhältnismäßig?

Man darf die Krankheiten nicht gegeneinander ausspielen. Ich erwarte mir, dass wir durch die jetzigen Maßnahmen auch die Influenza-Zahlen deutlich reduzieren können. In Australien sind die Influenza-Zahlen durch die  Covid-Maßnahmen bereits deutlich gesunken.

Es gibt zu viel zu wenig Tester und Tracer. Eingedenk der vielen Kurzarbeiter und Arbeitslosen: Warum werden diese Menschen nicht als Tester und Tracer herangezogen?

In Vorarlberg funktioniert das alles – von der Symptom-Meldung bis um Bescheid-Erhalt – in 20 Stunden. Daher brauchen wir deutlich mehr Personal für die Gesundheitsbehörden in manchen Bundesländern. Menschen aus der Arbeitslosigkeit hier mit ins Boot zu holen, das ist eine zentrale Handlungsmöglichkeit und wird etwa in Salzburg bereits umgesetzt.

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