Laut Elling stellt die Methode das Rückgrat der heimischen Mutanten-Überwachung dar

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Interview
01/01/2022

Elling: "Lässt man Omikron laufen, muss man Feldbetten aufbauen"

Der Mikrobiologe Ulrich Elling zählt zu den profundesten Corona-Experten. Er meint, wir stehen vor einem Paradigmenwechsel in der Corona-Politik, wenn wir das Virus laufen lassen.

von Ida Metzger

KURIER: Herr Elling, Ihnen ist als einer der Ersten aufgefallen, dass in Afrika eine neue Virus-Variante entstanden ist. Die einen Virologen sprechen bei Omikron von einem Weihnachtsgeschenk, die anderen sprechen von einem Tsunami. Was erwartet uns nun wirklich?

Ulrich Elling: Die neuen Merkmale der Omikron-Variante sind die Immunschutzumgehung, und dass die Wellen steiler und schneller verlaufen. Das bedeutet, wir rauschen in diese Welle ohne halbangezogene Handbremse hinein. Die Delta-Variante hätten wir auch nicht im Griff gehabt, wären nicht so viele Menschen geimpft. Aber diese halbangezogene Handbremse fällt jetzt weg, weil sich auch Geimpfte anstecken können. Es sind jetzt wieder alle im Spiel, wenngleich es die Geboosterten weniger betrifft. Der andere Effekt ist, dass diese Pandemie viel schneller läuft. Warum ist das so? Omikron fährt mit einer viel höheren Drehzahl. Bei der Ansteckung von einer auf die nächste Person vergehen jetzt nicht mehr vier Tage, sondern nur noch zwei Tage, und nach drei Tagen ist man krank.

Wenn es eine höhere Drehzahl gibt, kann man Omikron überhaupt stoppen?

Was wir mit Omikron erleben werden, ist die Pandemie im Zeitraffer. Alles, was es bisher an Infektionsketten gab, passiert bei Omikron viel, viel schneller. Die gute Nachricht ist: Die Ansteckungen pro Person sind nicht deutlich mehr, die Ansteckungen passieren nur viel schneller. Wäre Omikron so ansteckend wie Masern geworden, hätte man es nicht in den Griff bringen können. Deswegen war es von vielen Experten Fatalismus zu sagen, irgendwann müssen wir ohnehin in die Endemie – dann eben jetzt. Nach dem Motto: Es geht eben nicht anders. Das stellt sich jetzt anders dar und wir haben sehr wohl die Möglichkeit, die Situation zu steuern.

Gibt es den Lichtblick, dass nach Omikron die Pandemie beendet ist?

Das wird mit Sicherheit nicht sein. Das gilt immer nur für einen bestimmten Zeitraum. Auch in Indien und Brasilien steigt die Kurve aktuell wieder an. Allerdings kommt irgendwann der Zeitpunkt, wo fast jeder mal am Virus erkrankt ist, die Symptome werden dadurch immer milder, weil das Immunsystem lernt, damit umzugehen. Dadurch kommt man in den Zustand der Endemie. Omikron ist ein Schritt in diese Richtung, aber es ist nicht die letzte Welle. Wir kommen jetzt in eine Situation wie Brasilien oder Südafrika – nur ist die Bevölkerung in diesen Ländern im Durchschnitt viel jünger und bei uns gibt es immer noch zu viele Ungeschützte.

Omikron braucht schnelle Entscheidungen, wenn man es stoppen will. Hinkt Österreich schon wieder nach?

Die Reaktionszeit ist wieder viel zu langsam. Wir haben bei der Deltawelle hoffentlich gelernt, dass der Blick auf die Intensivstationen ein Fahren mit dem Blick in den Rückspiegel ist. Das ist mit Omikron indiskutabel. Wir können auch nicht Weihnachtspause machen. Wenn man in die Krankenhäuser in London oder Dänemark schaut, dann laufen die schon wieder voll. Die Dänen werden bald die höchste Hospitalisierung seit Ausbruch der Pandemie haben. Bei der Dynamik, die Omikron entfaltet, müssen wir mehr denn je bremsen, bevor es zu spät ist. Die gute Nachricht: Omikron spricht bei einer Bremsung viel schneller an als Delta.

Corona-Experte
Seit 20 Monaten beschäftigt sich der Molekularbiologe täglich fast 16 Stunden mit dem Virus und seinen Mutationen. Dieser Einsatz fällt dem zweifachen Familienvater nicht immer leicht.

Werdegang
Zur Biologie kam der Deutsch-Liechtensteiner über die Liebe zur Natur. Nach dem Studium an der Universität Regensburg und am Europäischen Laboratorium für Molekularbiologie in Heidelberg wäre es ein „spannender Weg“ gewesen, in die USA zu gehen. Vor Corona war sein Spezialgebiet die Erforschung der Biologie  von  embryonalen Stammzellen.

Im Handel gibt es 300.000 Mitarbeiter, davon ist ein Drittel nicht geimpft. Wie kann die Infrastruktur aufrecht erhalten werden?

Es gibt sinnvolle Methoden – etwa in Teams zu arbeiten, die sich nie sehen. Und Homeoffice ist eine sehr effiziente Methode. Deswegen isoliert die Wien Energie jetzt auch ihre Mitarbeiter. Durch die Geschwindigkeit der Infektionsketten kann es sein, dass der erste Mitarbeiter noch nicht gesund ist, wenn der Letzte erkrankt.

Derzeit wird in Italien und auch in Österreich überlegt, die Quarantäne-Regeln zu lockern. Wäre das ein gangbarer Weg?

Verkürzte Quarantänen sind eine Krücke, um im Fall der ungebremsten Welle die Wirtschaft am Laufen zu halten. Wollen wir das? Trotz der Gecko-Kommission schaut transparentes Fahren durch die Pandemie für mich anders aus. Auch ich weiß nicht genau, was in der Gecko läuft. Für mich ist das jetzt noch ein Hinterzimmer-Debattierklub. Wir stehen vor der Entscheidung: Bremsen wir die Omikron-Welle jetzt oder bremsen wir sie nicht? Ich befürchte, dass wir die Entscheidung solange vertagen – möglicherweise auch mit Druck aus der Wirtschaft –, bis uns Omikron die Entscheidung abgenommen hat. Was dann passiert ist Durchseuchung. Dazu haben sich Großbritannien und Schweden entschieden. Das sind zwei sehr liberale Gesellschaften. Das ist aber nicht die Art, wie wir unseren Sozialstaat leben. Wir nehmen auf die Schwachen in der Gesellschaft Rücksicht. Es muss uns aber klar sein: Wenn wir Omikron durchlaufen lassen, weil wir die Schnauze von der Pandemie voll haben, dann nehmen wir auf die Schwachen keine Rücksicht mehr.

Das wäre ein Paradigmenwechsel ...

Dieser Paradigmenwechsel würde auch gesellschaftlich viel verändern. Wenn die Politik das will, dann soll man es bitte klar definieren, indem man bekannt gibt: ,Wir lassen die Zügel locker, ihr habt jetzt noch eine Woche Zeit, um euch zu boostern, denn danach fliegt uns Omikron um die Ohren’. Aber in diesen Paradigmenwechsel hinzustolpern, ist für mich keine Option. Man kann das Virus aber auch bremsen. Auch hier müsste man ein Ziel definieren.

Dann dürfen die Schulen am 10. Jänner öffnen ...

Bis 10. Jänner werden wir akut steigende Zahlen haben. Wenn sich die Kinder in der Schule treffen, zündet Omikron durch. Bei diesem kurzen Intervall müsste man jeden Tag einen PCR-Test machen. Aber wir brauchen die Schulen möglicherweise nicht mehr schließen, wenn die Intensivstationen voll sind, denn dann sind die Jungen schon durchseucht. Denn das Virus startet bei den Jungen und frisst sich dann zu den älteren Altersgruppen durch.

Was würden Sie empfehlen?

Das kann ich aus meiner Perspektive noch gar nicht entscheiden. Denn da muss viel in Betracht gezogen werden. Etwa wie viele Tote müssen wir erwarten, wenn wir nochmals Operationen verschieben, und wen trifft es? Wie viele Tote müssen wir erwarten, wenn wir das Virus einfach laufen lassen? Wenn wir Omikron durchlaufen lassen, dann werden wir im Messezentrum Feldbetten aufstellen müssen, um alle, die parallel krank sind, zu versorgen, auch wenn die Hospitalisierung im Vergleich zur Inzidenz niedriger ist als bei Delta. Die Strategie muss jetzt definiert werden, bevor wir wohl im Jänner noch die 50.000-er-Marke knacken.

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