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Politik Inland
09/29/2019

Die Nacht der Wahl: Laute Partys und leere Zelte

Während die Sieger die ganze Nacht feierten, herschte bei den Verlierern gähnende Leere. Ein Streifzug durch die Wahlveranstaltungen.

von Bernhard Gaul, Raffaela Lindorfer, Christian Böhmer, Lukas Kapeller, Johanna Hager

Party? Party! Es wummerte und krachte, der Bass brummte auf dem Brustkorb, und wenn es noch eines Beweises bedurfte, wie euphorisch die Parteigänger der ÖVP Sonntagnacht im Wiener Kursalon waren, dann war er spätestens mit "Bella Ciao" erbracht. Irgendwann zwischen zehn und Mitternacht legte der DJ bei der türkisen Wahlfeier doch tatsächlich das alte italienische Gewerkschaftslied auf. Natürlich in der Disco-Version, aber: Dass man ein Kampflied der Sozialdemokraten auflegt? Aber klar doch, an diesem Abend ging alles. Und nichts war ein Problem für die tanzenden Türkisen.

 Mit Bier, Wein und Sacher-Würsteln (ja, es gab sie auch in der vegetarischen Version) stärkten sich die Kurz-Fans bis in den frühen Montag.

Sie tanzten und frohlockten zu  Partyhits und "Guantanamera", und letztlich hatte man das Gefühl, dass man auf einer dieser großen Party-Maturareisen unterwegs ist.

Ex-Ministerin Elisabeth "Eli" Köstinger ging es jedenfalls so. Zu späterer Stunde rief sie im kleinen Kreis begeistert: "Des is ja wie beim Summersplash!"

 

Rote Leere

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Bei den Sozialdemokraten war die Stimmung um 18.30 Uhr dagegen im Keller, und wenig später nicht einmal mehr dort. Schnell hatten sich die Diskussionen auf die Straße verlegt, zwischen Burgtheater, Festzelt und Parteizentrale vor der Löwelstraße. Es wurde getrunken und geraucht, diskutiert und umarmt. Antworten, warum es doch ein Desaster geworden ist, und die Roten offenbar keine Stimmen von den Blauen holen konnten, fand kaum wer.  

Inzwischen hatte das Minus für die SPÖ bei 5,31 haltgemacht, ein Ergebnis von 21,5 Prozent der Stimmen.  „Ich weiß bis heute nicht, wofür die SPÖ in diesem Wahlkampf gestanden ist“, sagt eine SPÖ-Mitarbeiterin zum KURIER. „Menschlichkeit siegt?“

Mario Lindner, SPÖ-Gewerkschafter und ehemals Bundesrats-Präsident, glaubt, dass nicht alle Botschaften gut bei den Menschen angekommen sind. „Wir haben den Menschen gesagt, sie sollen gegen die Klimakrise mehr mit den Öffis fahren. In dem steirischen Ort, aus dem ich kommen, gibt es gar keine Öffis“, sagt Lindner.

Und warum glaubt er konnte die SPÖ nicht von der Schwäche der Blauen, die den Sozialdemokraten jahrzehntelang Wähler abspenstig machen konnte, profitieren?  „Ich weiß das nicht, wir wissen das alle nicht. Wir müssen jetzt nachdenken.“

Gegen 21 Uhr werden keine Getränke mehr ausgeschenkt, wenig später machen die Roten Festzelt und Pressezentrum zu. Es bleibt ein nüchterner Abend.

Bei den Grünen ging das Bier aus

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Das Timing hätte kaum besser sein können. "We're going to Ibiza" von den Vengaboys - die inoffizielle Hymne zum Ende von Türkis-Blau - war gerade ausgeklungen, da traf Werner Kogler ein. Der Wahlsieger, der Held des Abends für die dort versammelten Anhänger. Derjenige, der die Grünen nach dem Ibiza-Skandal und der verfrühten Neuwahl wieder zurück in den Nationalrat befördert hat.

Etwas müde vom Interview-Marathon in der Hofburg tauchte er zu "Don't stop me now" von Queen in die Masse im Wiener Metropol ein. Der Saal: gerappelt voll. Die Stimmung: losgelöst. Der Jubel: extrem laut.

Kogler zog sich erst einmal an die Bar zurück, seine Anhänger mussten noch etwas auf seine Rede warten. Der DJ überbrückte die Wartezeit mit "Don't stop believing" und "Sweet dreams are made of this" - er versteht offenbar sein Handwerk. Aber hier, bei der Wahlparty der Grünen, wurde eh jede Nummer zur Siegesnummer.

Das Bier war hier im Metropol übrigens schon um 21.30 Uhr aus. Nachschlag gab es aus der Dose, auch das ein oder andere Wodka-Bull (auch ein Seitenhieb auf die Blauen) wurde ausgeschenkt.

"Die Grünen sind zurück", sagte Wahlkampfleiter Thimo Fiesel dann auf der Bühne - seine Notizen für die geplante Rede hat er weggeworfen. Was hier passiert sei, sprenge alle Erwartungen.

"Wo ist der Werner?", hieß es irgendwann. Der Werner (Kogler), jetzt auf der Bühne, sei "sehr gehemmt", sagte er. "Irgendwer hat meine grüne Sonnenbrille gefladert."

Es dauerte nicht lange, war der 57-Jährige Steirer wieder in Höchstform. Und die hielt - nach Dankesreden und markigen Ansagen in Richtung Türkisen - an. Die Wahlnacht, die wird noch lang. So viel ist nach diesem Sieg sicher.

Blauer Katzenjammer

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Die blaue Parteiregie tut so, als ob nichts geschehen wäre. Die John-Otti-Band gibt, wie bei jedem Großevent, die Einpeitscher-Truppe an diesem Sonntagabend im Wiener Prater. Übt mit Funktionären und blauen Stammwähler „Herbert“ und „Norbert“-Rufe. Kurz nach 10 stehen die beiden dann auf der Bühne. Bedanken sich. Und tun das, was von ihnen verlangt wird. Worauf sie sich insgeheim eingestellt haben – bereiten den Weg in die Opposition vor. Sie beschönigen den verheerenden Verlust von minus 10 Prozentpunkten nicht.

Aber Schulter an Schulter demonstrieren sie Zusammenhalt und tragen ostentativ ihre „Jetzt-erst-recht-Haltung“ zur Schau. „Der Kampf hat erst begonnen“, tönt Herbert Kickl. Seinen Kampf wird er, wie KURIER-Recherchen ergeben, als Klubchef im Parlament und als Ex-Parteichef Heinz-Christian Strache soll am Dienstag ausgeschlossen werden wegen parteischädigenden Verhaltens. Seiner Frau Philippa wird keine Partei-Karriere im Parlament machen. Die Stimmverluste sind zu groß, um sie als Drittgereihte auf der Wiener Liste ins Parlament zu hieven. Eine kleine interne Mandatsrochade soll nachhelfen, die Ehefrau des Ex-Chefs loszuwerden. Zur Freude vieler Freiheitlicher an diesem Abend, die sich nicht so am Boden zerstört geben, wie man meinen könnte.

"Wir hatten das alles schon“, heißt es da, „beim Jörg“. Gemeint ist Jörg Haider. Seinen Aufstieg. Seinen Fall und die Spaltung der FPÖ hat das Gros der Anwesenden live und zum eigenen Leidwesen miterlebt. Trotz aller hausgemachten Spesenskandale sprechen die Funktionäre von einer „Medienhetze“, die betrieben wurde. Und von der „Wahrheit, die ans Licht kommen“ würde. „Die wahren Orban-Verhältnisse kommen mit Kurz“.

Jetzt liegt die FPÖ unter dem Niveau von 2008, als das freiheitliche Lager in das Haider-BZÖ und die Strache-FPÖ gespalten war. Jetzt ist nicht nur Haider, sondern auch Strache Geschichte. Die nächsten Wochen werden weisen, ob Hofer oder doch Kickl federführend die freiheitliche Geschichte fortschreiben werden

Pinkes Clubbing im Gefühlstrubel

Die Neos-Wahlfeier im Wiener Volksgarten wurde gegen 21 Uhr endgültig vom politischen zum Tanzparkett. Abgesehen von pinken Kapuzenpullis unterschied die Party-Location wenig von einem gewöhnlichen Volksgarten-Abend. Obwohl ÖVP und Grüne die Neos zum Regieren nicht brauchen werden, wurde getanzt, als gäbe es kein morgen. Vielleicht ja auch gerade deshalb.

Auf der Tanzfläche gesichtet wurden auch Mandatarin Stephanie Krisper, Wahlkampfmanager Nick Donig und selbst Spitzenkandidatin Beate Meinl-Reisinger. Diese war um 22 Uhr unter großem Jubel noch einmal in den Volksgarten gekommen – an der Seite von Matthias Strolz. Der Parteigründer zeigte mit schwarzem T-Shirt bereits modisch, dass er außer Dienst ist, und hatte sich für den Abend ein Interview-Verbot auferlegt.

Neos-Mandatar Sepp Schellhorn meinte hingegen zu den Koalitionsgesprächen, die wohl ohne  pinke Beteiligung stattfinden werden: „Das ist wie 120 Minuten Fußball, also mit Verlängerung, und dann gibt's kein Elfmeterschießen.“

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