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Analyse
09/27/2019

Blaue Turbulenzen überschatten Abschlusskundgebungen

Das Finish des Nationalratswahlkampfes wird vom Spesenskandal der FPÖ überschattet und eint ÖVP und SPÖ zumindest in einem: Sie hoffen auf Krisengewinn.

von Christian Böhmer, Johanna Hager, Ida Metzger

Und plötzlich ist er vorbei, der Wahlkampf. 134 Tage nachdem das Ibiza-Video zum ersten Mal im Netz zu sehen war, steht der Wahlsonntag bevor. Man könnte auch sagen: Es wartet der politische Zahltag. Ändert sich fast nichts – oder doch irgendwie alles? Wer weiß das schon.

Fest steht: Im Finish durften vor allem ÖVP und SPÖ darauf hoffen, dass all die irritierenden Meldungen aus dem Lager der Freiheitlichen – von unerklärlichen Mietzinszuschüssen bis zu einem vorübergehend inhaftierten Ex-Bodyguard – wohl doch noch dazu beitragen würden, dass die FPÖ in der Gunst der Wähler verliert.

War es ein bloßer Zufall, dass sich SPÖ und ÖVP zuletzt mit der FPÖ-Kritik ein wenig zurückgehalten haben? Mitnichten. Eines der ungeschriebenen Gesetze des Wahlkampfes lautet: Ist dein Gegner in Schwierigkeiten, dann lenke nicht davon ab.

"Würden wir die jüngsten Verfehlungen der FPÖ permanent kritisieren, dann würde das vielleicht sogar noch einen Solidarisierungseffekt in der FPÖ auslösen", sagt ein türkiser Stratege. "Das weiß natürlich jede professionelle Partei, auch die SPÖ."

Wie lief es also bei den großen Abschlusskundgebungen am Freitag?

ÖVP-Zentrale, Lichtenfelsgasse, Wien-Innere Stadt

Unter Wolken aus zusammengeknüpften türkisen Luftballons pflügt Sebastian Kurz durch die drei "F": Fans, Funktionäre und Freunde. Der Parteichef hat jetzt vor allem eine Aufgabe: Er eröffnet den Zielsprint und will für die letzten 48 Stunden motivieren.

Die Botschaften, die Sebastian Kurz den Wahlhelfern mit auf den Weg gibt, sind unverändert: Da ist zum einen die Warnung: "Bei der EU-Wahl hatten Rot, Grün und Pink zusammen schon 47 Prozent. Ein Prozentpunkt mehr bei jedem heißt am Ende, dass Pamela Rendi-Wagner Bundeskanzlerin wird!"

Der zweite Gedanke, den Kurz loswerden möchte, ist die Sache mit der Mobilisierung: "Wir hören in den vergangenen Tagen ja immer wieder: ,Ihr habt die Wahl sowieso gewonnen‘. Aber so ist es nicht! Gewählt wird am Sonntag!"

Die Stimmung in der ÖVP ist gelassener als noch vor einigen Wochen. Und das liegt wohl auch daran, dass man im Finish das Gefühl hat, dass es zunehmend besser läuft.

Ein Bezirksfunktionär fasst das so zusammen: "Am Anfang ist der Wahlkampf eher schlecht gelaufen. Da war die Geschichte mit der Predigt in der Stadthalle, das Schreddern, die gefälschten eMails, die gestückelten Spenden von Horten und Ortner und dann noch der Hacker-Angriff." Aber nun, am Ende, schwenke die Aufmerksamkeit wieder dorthin, wo sie im Mai nach Ibiza schon war, nämlich: "Beim Unvermögen der Freiheitlichen."

"Ich werde rund um die Uhr unterwegs sein und werben", ruft Kurz noch, dann ist er weg. Er hat noch viel vor: Zuerst nach Niederösterreich, dann in die Steiermark. Und heute, Samstag, in Wien.

Viktor Adler-Markt, Favoriten

Am frühen Abend ist es so weit. Er steht auf der Bühne: Herbert Kickl. Unten, vor der Bühne, ist alles wie immer bei der FPÖ: Es gibt Bratwürstel und Bier für alle. Für die Tattoo-, die Lederhosen-, die Dirndl- und die Anzugträger.

Die Stimmung ist fast wie bei einem Frühschoppen. Und vielleicht ist genau das der Grund, warum Kickl jetzt an Hartberg denkt. In der oststeirischen Urlaubsstadt habe er erst vor wenigen Tagen einen FPÖ-Frühschoppen mit 3.000 Menschen erlebt. "Eine Woche davor war die SPÖ dort – mit 300 Leuten. Da hat man geglaubt, man ist in einer Einsegnungshalle."

Kickl macht sich über die Klima-Demonstranten lustig und plädiert für "Freiheitliche for Future". Das Publikum dankt es mit Lachern, Johlen, Applaus. "Ich war der sensibelste Innenminister, den es je gegeben hat", sagt Kickl. Er warnt über Gebühr: "Ihr wisst eh, dass sich da was zusammenbraut. Am Balkan. In der Türkei."

Und er gibt eine "Lösung": "Wenn ich Innenminister werde, werden wir aus dem Perserteppich einen fliegenden Teppich machen. Ohne uns, da könnt ihr euch sicher sein, werden die Kopfabschneider und Brennstoffattentäter aus Syrien oder dem Irak in Windeseile nach Österreich geholt."

Ein Dank an Norbert Hofer markiert den Wechsel.

Es ist Hofer anzumerken, dass er körperlich kämpft. "Die letzten Tage waren nicht einfach", sagt er. Er spricht leise, mit dem ihm eigenen Erzählton über Ausländer und verpflichtende Deutschklassen. "Der beliebteste Vorname in Wien? Muhammed."

Die Aufmerksamkeit des Publikums nimmt ab. Sätze, die sitzen, wie jene von Kickl, lässt Hofer aus. Die Themen sind jedoch ident. Er spricht über den budgetären Notstand des Heeres. Hubschrauber seien "Museumsstücke". Er wisse, wovon er spricht, denn er war einst im Grenzeinsatz, so Hofer.

Die Geschichten kennen Interessierte aus den zahlreichen TV-Diskussionen der vergangenen Wochen. Am Viktor-Adler-Markt gehen sie teils unter. Das spürt Hofer und lenkt seine Rede um – auf Themen wie "Mindestsicherung" und eine Familie aus Afghanistan, die über 8.242 Euro an Unterstützung erhalten haben soll. Er schwört die Menge gegen Koalitionsvarianten wie jene von Türkis und Grün ein. Er erinnert an SPÖ-Skandale. Viele reden derweil lieber miteinander, als Hofer bei seiner blauen Leistungsbilanz zu lauschen.

Löwelstraße, Wien, SPÖ-Zelt

Bis auf den letzten Platz gefüllt ist das SPÖ-Zelt, als die rot-weiß gekleidete Pamela Rendi-Wagner mit ihren Fans einzieht. Vor dem Zelt müssen Sympathisanten warten – es ist zu voll. Die überraschend gute Atmosphäre bringt Altkanzler Franz Vranitzky auf den Punkt: "Für jemanden, der fast nur mehr eine Stimme aus dem Jenseits ist, ist diese Stimmung ein schöner Weckruf".

Der ehemalige SPÖ-Kanzler hält eine Rede, die man ihm so nicht zugetraut hätte. Man könnte fast sagen, er macht im SPÖ-Zelt den Einheizer – auf höchstem Niveau. Vranitzky sorgt mit jeder Menge Pointen und Spitzen für Lacher.

Kurz nennt er den "Ballhaus-Platz-Bewohner für 17 Monate, der laut über eine Minderheitsregierung spekuliert". Nur zwei Unterschiede gäbe es zur ersten Minderheitsregierung 1970. "Die SPÖ hatte damals 48 Prozent und der Kanzler hieß Kreisky."

Am Ende streute er Rendi-Wagner Rosen: "Pam du bist unsere neue Zeit". Worte wie diese, von der roten Kanzler-Legende, sorgten bei der SPÖ-Spitzenkandidatin für "Gänsehaut-Feeling". Oft habe er sie angerufen und gesagt: "Super machst du das. Geh einfach weiter".

Sie werde um jede Stimme kämpfen, auch wenn sie am Beginn des Wahlkampfes nicht vorstellen konnte, "worauf sie sich da eingelassen hat", erzählt sie. Und warnt gleich wieder vor einer "Neuauflage der Ibiza-Koalition", die sich ein "ganzes Land zur Beute und zum Selbstbedienungsladen" machen will. Enttäuschten FPÖ-Wählern macht Rendi-Wagner ein Angebot für eine "ehrliche und anständige Politik, die zuhört und die Ängste ernst nimmt."

Ob das klappt? 134 Tage nach Auftauchen des Ibiza-Video wartet am Sonntag der politische Zahltag – für alle.

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