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Politik Ausland
04/28/2020

Wie Singapur vom Musterland zum Corona-Hotspot wurde

Im März schien die Krise überwunden, dann kam es zu vielen Neuinfektionen unter den armen Wanderarbeitern.

von Susanne Bobek

Als in Österreich längst Ausgangsbeschränkungen verhängt und die Bundesgärten geschlossen waren, ging in Singapur das normale Leben ungestört weiter. Schulen und Restaurants waren offen, die Infektionszahlen extrem niedrig und Gesichtsmasken dem medizinischen Personal vorbehalten.

Der südostasiatische Stadtstaat mit 5,8 Millionen Einwohnern aus aller Welt hatte sehr früh rigoros getestet und mittels Handy-Tracking die Kontakte der Infizierten aufgespürt.

Mitte März verkündete Premierminister Lee Hsien Loong, die Pandemie im Griff zu haben. Singapur wurde als vorbildlich im Kampf gegen Covid-19 gelobt. Doch schon Ende März stieg die Zahl der Neuinfizierten sprunghaft an.

Am Dienstag waren vermutlich mehr als 100.000 Wanderarbeiter aus China, Bangladesch und Indien infiziert. Singapur hat einen strengen Shutdown verordnet, wer sich mit Bewohnern fremder Haushalte trifft, zahlt 10.000 Dollar oder muss sechs Monate in Haft, im Wiederholungsfall verdoppelt sich die Strafe. Der Lockdown wurde bis Juni verlängert.

Zwei Versionen

Die Todesrate ist im weltweiten Vergleich im hochmodernen Singapur dennoch niedrig: Zwölf Menschen starben bislang nach einer Infektion. Es gibt zwei Versionen, wie sich das Virus in einer zweiten Welle so rasch verbreiten konnte. Die erste Version: Viele hoch bezahlte Mitarbeiter der Finanzbranche reisten aus Furcht vor dem Virus in ihre Heimatländer, zum Beispiel nach Großbritannien und in die USA, wo sie sich sicher wähnten. Als sie im März zurückkamen, brachten einige offenbar das Virus mit.  

Die andere Version klingt plausibler: In Singapur leben fast 300.000 Niedriglöhner, die in der Baubranche oder als Putzkräfte arbeiten. Mehr als 200.000 von ihnen wohnen zusammengepfercht in Heimen im Norden Singapurs, fernab der mondänen Südspitze der Insel mit ihren Wolkenkratzern und Touristenattraktionen. In diesen Wohnheimen, wo sich offenbar bis zu 20 Männer ein Zimmer mit Doppelstockbetten teilen müssen, ist Abstandhalten fast unmöglich. Deshalb trafen sich diese Menschen in Einkaufszentren oder in Little India, behauptet etwa der NGO Transient Workers Count Too (TWC2): „Unter diesen Bedingungen verbreitet sich das Virus perfekt.“

Der autoritäre Stadtstaat isolierte deshalb als erstes die Wohnheime. Die Arbeiter, die keine Löhne mehr erhalten, berichten auf Social Media, dass sie jetzt kostenlose Mahlzeiten und Internetzugang erhalten.

Premierminister Lee hat sich erstmals mit dem Thema Wanderarbeiter beschäftigt, denn ihm wurde vorgeworfen, dass er dem Rassismus neuen Auftrieb verschafft. Denn kein Singapurer will derzeit auch nur in die Nähe eines Wanderarbeiters kommen.

Deshalb versprach Premierminister Lee  den Wanderarbeitern: „Wir werden für Euch sorgen wie für Singapurer. Wir kümmern uns um eure Gesundheit, euer Wohlergehen und euren Unterhalt.“ Mit den Arbeitgebern wolle er aushandeln, dass ihre Löhne doch weitergezahlt würden.

Doch im Hintergrund wird schon überlegt, die Wanderarbeiter auf Kreuzfahrtschiffen zu isolieren, damit die anderen Bewohner der reichen Stadt bald wieder ihr normales Leben fortführen können.

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