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Politik Ausland
07/22/2021

Von der Spionage-Software Pegasus überwacht: "Sie konnten alles mitlesen"

Der ungarische Journalist Szabolcs Panyi ist eines der Opfer der missbräuchlich verwendeten Überwachungssoftware. Er sprach mit dem KURIER darüber, wie und warum er gehackt wurde.

von Karoline Krause-Sandner

Szabolcs Panyi ist Schikanen gewohnt. Als einer der bekanntesten Aufdeckerjournalisten in einem Land, in dem unabhängiger Journalismus zwar gut, aber rar ist, ist er vielen Mächtigen ein Dorn im Auge. Er bewegt sich mit seinen Recherchen in heiklen Feldern – wenn er etwa über Waffendeals, über Machtmissbrauch und Korruption berichtet.

In den vergangenen Tagen hat Panyi aber etwas erlebt, was er so nicht erwartet hatte. Der Journalist von der Plattform Direkt36 ist einer von mindestens vier Journalisten in Ungarn, die offenbar mit der Spionagesoftware Pegasus abgehört wurden. Einmal auf dem Handy, kann das Gerät nicht nur geortet werden, sondern auch Passwörter oder Screenshots abgreifen, sowie mithören oder mitfilmen.

Der KURIER erreichte Szabolcs Panyi in Budapest.

Wie haben Sie herausgefunden, dass Sie Ziel eines Hackerangriffs waren?
Frederik Obermaier von der Süddeutschen Zeitung meldete sich bei meinem Chef und wollte meine Nummer.

Obermaier ist  Österreich durchaus bekannt. Neben den Panama Papers hat er auch an der Veröffentlichung des Ibiza-Skandals gearbeitet.
Genau. Er ist ein sehr bekannter Journalist und ich war so glücklich, dass jemand wie er nach mir sucht! Aber offenbar wollte er gar nicht mit mir reden, sondern nur überprüfen, ob die Nummer, die er aus einer geleakten Sammlung von rund 50.000 Nummern hatte, wirklich meine war.

Was passierte dann?

Wir haben mit dem „Security Labor“ von Amnesty Interational mein Telefon überprüft und die Experten fanden Spuren der Pegasus-Software in einem Zeitraum von sieben Monaten auf dem Gerät.

In welchem Zeitraum wurden Sie abgehört?
Das war zwischen April und November 2019. Danach fanden sie nichts mehr.

Denken Sie, das stand in Verbindung mit einer Recherche, an der Sie damals dran waren?
Ja. Ich habe damals an der Story rund um die International Investment Bank gearbeitet, die ihre Zentrale nach Budapest verlegte. Es gab damals die Kontroverse, dass sie Bank ein Deckmantel für russische Spionage war. Das habe ich mir damals näher angeschaut. Und genau da passierte die erste Infektion mit der Software.

Wissen Sie, wie die Software auf Ihrem Handy installiert wurde?
Mir wurde gesagt, dass ich nicht selber schuld bin, also nicht auf einen schadhaften Link geklickt oder Pornos angeschaut habe oder so. Es war eine so genannte „Zero-Klick-Attacke“, die mein Zutun nicht benötigte. Pegasus identifiziert dein Gerät durch die Telefonnummer. Wenn es aufgedreht, also mit dem Internet verbunden ist, und gewisse Apps drauf sind, dann reicht das für die Attacke schon aus.

Haben Sie – rückblickend – irgendetwas bemerkt?
Nein, das Handy hat einwandfrei funktioniert. Nichts ahnend habe ich es einfach so genutzt wie davor, weiter getextet, verschlüsselte Messenger-Apps verwendet. Nur leider konnte man mit der Software sogar bei diesen Apps mitlesen. Im Grunde alles, was auf dem Screen erscheint.

Haben Sie Konsequenzen der Überwachung gespürt?
Ich habe mir in den vergangenen Tagen rückblickend  Gedanken darüber gemacht. Und da fiel mir eine Recherche über ein sehr heikles Thema ein: Es ging um russische Waffenhändler, die zwar aufgeflogen sind, aber von Ungarn nicht an die USA ausgeliefert, sondern nach Moskau geschickt wurden. Ein großer Skandal. Und ich kann mich erinnern, dass es, als ich diese Story recherchierte, extrem schwer war, meine Quellen dazu zu bekommen, sich mit mir zu treffen. Jetzt vermute ich, dass die Regierung wusste, wen ich kontaktiert hatte und meine Quellen womöglich dazu gebracht haben könnte, nicht mit mir zu sprechen.
Allerdings: Was die Konsequenzen angeht, gehöre ich zu den glücklichen. Wenn ich an den Journalisten in Mexiko (Cecilio Pineda Birto) denke, der 2017 mit Pegasus überwacht wurde und innerhalb weniger Wochen erschossen wurde. Oder der marokkanische Journalist (Omar Radi), auch überwacht mit Pegasus, der gerade zu sechs Jahren Haft verurteilt wurde.

Sind Sie jetzt noch vorsichtiger? Könnte es sein, dass Pegasus immer noch verwendet wird?
Wir haben dafür keine Beweise. Aber hier in Ungarn beginnt gerade der Wahlkampf und man kann davon ausgehen, dass er schmutzig wird. Unsere Pegasus-Story wurde am Sonntag veröffentlicht. Und jetzt gibt es schon hetzerische Artikel über mich, ich sei Teil des Soros-Netzwerks. Sie nennen mich auch quasi einen US-Spion. Also sehr öffentliche Attacken auf individuelle Journalisten. Und Pegasus wurde nicht nur gegen (zumindest vier) Journalisten eingesetzt, sondern zum Beispiel auch gegen (zumindest zehn) Anwälte. Beide haben Klient bzw. Quelle zu schützen. Ein Problem in Ungarn ist jenes, dass das Gesetz zur Überwachung so vage ist, dass so gut wie jeder aus Gründen der nationalen Sicherheit überwacht werden könnte.

Wie hat die Regierung reagiert? Dort heißt es ja nicht: „Ja klar, das haben wir gemacht!“
Nein. Sie geben es nicht zu, streiten es aber auch nicht ab. Sie haben unterschiedliche, teils widersprüchliche Narrative. Sie sagen, es sei ein Hoax, dann sagen sie, es sei der Milliardär George Soros gewesen. Dann behaupten sie, gewisse Journalisten arbeiten für Nachrichtendienste. Aber sie sagen auch, dass, falls überwacht worden ist, dies alles legal sei in Ungarn. Denn es gibt so gut wie keine illegale Überwachung hier. Aber wenn alles nur ein Hoax ist, wieso muss man das dann betonen?

Was bedeuten diese Erkenntnisse für Ungarn?
Ungarn ist nicht das einzige EU-Land, in dem Pegasus eingesetzt wird. Aber es ist das einzige Land, in dem es missbraucht wurde. Es gibt andere europäische Länder, die Kunden sind und es auf eine angemessene Art verwenden. Aber kein anderes EU-Land verwendet es, um Journalisten oder politische Gegner auszukundschaften. Da wurde eine rote Linie überschritten.

 

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