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Politik Ausland
06/08/2021

Finales Urteil gegen Ratko Mladić als Ende eines Kapitels

Der ehemalige Militärchef der bosnischen Serben, Ratko Mladić, wurde wegen Völkermordes zu lebenslänglicher Haft verurteilt. Mladić war lange einer der meistgesuchten Kriegsverbrecher.

von Karoline Krause-Sandner

Es war die letzte Chance für den „Schlächter des Balkans“, als freier Mann seinen Lebensabend zu verbringen. Heute wurde der Urteilsspruch gegen den 78-jährigen Ratko Mladić vom UN-Tribunal in Den Haag bestätigt. Mladić, der erst 16 Jahre nach Kriegsende gefasst worden war, gilt als einer der Hauptschuldigen der Verbrechen im Bosnienkrieg (1992-1995) – dazu gehören die jahrelange Belagerung Sarajevos mit über 10.000 Toten und die Verfolgung und Vertreibung von bosnischen Muslimen und Kroaten, sowie die Geiselnahme von UN-Soldaten.

Ein beispielloses Massaker war Mladićs größtes Verbrechen – jenes von Srebrenica im Juli 1995. Der organisierte und orchestrierte Mord an mindestens 8.000 unbewaffneten Menschen.

Srebrenica im Osten Bosniens nahe der serbischen Grenze war seit Beginn des Bosnien-Krieges umkämpft. Im Mai 1992 war die Stadt in der Hand bosnischer Einheiten – wurde aber von der bosnisch-serbischen Armee eingeschlossen. Aus der gesamten Region waren zuvor Bosnier nach Srebrenica geflohen.

1993 richtete die UNO daher eine Schutzzone unter Aufsicht von Blauhelmen ein. Die Lage in dem Gebiet blieb aber über Jahre katastrophal, da die Serben kaum Hilfskonvois durchließen. Am 9. Juli 1995 marschierten die bosnisch-serbischen Einheiten auf Befehl Mladićs an den tatenlosen Blauhelmen vorbei in die Schutzzone ein.

Widerstand wurde vonseiten der nur leicht bewaffneten UN-Soldaten nicht geleistet. Auch reichten die Einrichtungen und das auf wenige Hundert Mann reduzierte Personal der UNO vor Ort kaum aus, um die Tausenden Schutz suchenden Menschen aufzunehmen. So kam es vor den Toren des UNO-Stützpunktes in der Zone zu Morden und Vergewaltigungen.

10.000 bis 15.000 Bosniaken versuchten darauf die Flucht durch serbisch kontrolliertes Territorium. Nur ein Teil kam durch. Alle verbliebenen Männer und etliche Buben wurden vom Rest der Gruppe getrennt. Frauen, Kinder und Alte wurden von den bosnischen Serben mit Bussen von Srebrenica auf bosnisch kontrolliertes Gebiet gebracht.

Als die Busse zurückkamen, wurden die Männer verfrachtet. Sie allerdings wurden ins nahe gelegene Bratunac gebracht, dort interniert und zuletzt in kleinen Gruppen zwischen dem 14. und 17. Juli exekutiert.

16 Jahre gesucht

Der endgültige Urteilsspruch folgte heute, zehn Jahre nach seiner Verhaftung. Als es kaum noch jemand für möglich gehalten hatte, schlug der serbische Geheimdienst am 26. Mai 2011 zu. Damals wurde in Lazarevo in der nordserbischen Vojvodina ein Mann verhaftet, der später mittels DNA-Analyse zweifelsfrei als Ratko Mladić identifiziert werden konnte.

Serbien war lange vorgeworfen worden, dass es dem früheren General, der seit 1995 des Völkermordes und anderer Kriegsverbrechen angeklagt war, Unterschlupf gewährt oder ihn zumindest nicht genau genug gesucht zu haben. Der UN-Chefankläger Serge Brammertz, begründete das zuletzt in einem Interview mit der deutschen Welt so: "Karadžić und Mladić konnten sich lange frei bewegen, fuhren mit ihren Eskorten durch die Gegend. Mladić bekam in einem Fußballstadion stehenden Applaus. Nach einigen Jahren wuchs der Druck, und sie mussten untertauchen. Das Militär aber schützte sie noch immer."

Trotz der Anklage des UN-Tribunals gegen Ratko Mladić wegen Völkermordes und der Belagerung Sarajevos hatte der frühere General zunächst bis 2000 ungestört in seiner Villa im Belgrader Nobelviertel Košutnjak gelebt. Als im selben Jahr Serbenführer Slobodan Milošević gestürzt wurde, tauchte er unter. Seine Frau beteuerte stets, dass ihr Mann schon lange tot sei.

Berufung eingelegt

Ein langes Kapitel in der serbischen Geschichte ist mit dem Urteil von Dienstag abgeschlossen. 26 Jahre nach seiner ersten Anklage fällte das UN-Gericht in Den Haag damit sein endgültiges Urteil. Mladić hatte Berufung eingelegt, nachdem das erstinstanzliche Urteil des Gerichts im Jahr 2017 ihn zu lebenslanger Haft verurteilt hatte. Seine Verteidiger forderten, das erstinstanzliche Urteil aufzuheben. Für serbische Nationalisten galt der General lange noch als Held. Bis heute kann man T-Shirts oder andere Devotionalien mit dem Gesicht des Generals im Stadtzentrum von Belgrad ungehindert kaufen.

 

In Banja Luka, der Hauptstadt der Republika Srpska, einem Landesteil Bosnien-Herzegowinas, war am Tag des Urteils ein Pro-Mladic-Banner prominent platziert. "Wir akzeptieren die Entscheidungen von Den Haag nicht. Du bist der Stolz der Republika Srpska", steht darauf.

Selbst vor dem Haager Tribunal hatte sich ein Mladić-Unterstützer eingefunden. Srebrenica-Aktivistinnen hatten sich dort ebenfalls versammelt, um auf das Urteil zu warten. Es sind die Mütter von getöteten Buben und Männern in Srebrenica.

Dodik: "Mythos Srebrenica"

Angehörige der Opfer und nicht-serbische Politiker begrüßten am Dienstag das letztinstanzliche Urteil durch das UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag. Der führende bosnische Serben-Politiker Milorad Dodik behauptete dagegen, es habe "nichts mit Recht und Gerechtigkeit" zu tun. Er bezeichnete den vom Haager Tribunal festgestellten Völkermord in Srebrencia als "Mythos", der "nicht stattgefunden" habe. Mladic seien die ihm zur Last gelegten Verbrechen "nicht nachgewiesen" worden. Ohne seine Führung und seinen Geist hätte das serbische Volk noch mehr gelitten. Dodik ist der alles bestimmende Politiker im serbischen Landesteils Bosniens und serbisches Mitglied des bosnischen Staatspräsidiums.

Im Rathaus von Sarajevo wurde die Urteilsverkündung für die Öffentlichkeit live übertragen. Als das Urteil gesprochen wurde, applaudierte das Publikum. Im Gedenkzentrum von Potocari bei Srebrenica fand ebenfalls eine öffentliche Übertragung statt. In bedrückender Atmosphäre hörten die Anwesenden der Urteilsverkündung ruhig zu, viele mit Tränen in den Augen, wie das Portal "klix.ba" schrieb.

Der Vorsitzende der bosniakischen Regierungspartei SDA, Bakir Izetbegovic, sagte in Sarajevo: "Dieses Urteil möge dem serbischen Volk dabei helfen, sich von der Last zu befreien, die ihm von denen auferlegt wird, die in seinem Namen Kriegsverbrecher ehren, feiern und ihre Verbrechen leugnen."

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