Politik | Ausland
22.11.2017

Mladic wegen Völkermordes in Srebrenica schuldig gesprochen

Der des Völkermordes angeklagte ehemalige Militärchef der bosnischen Serben, Ratko Mladic, wurde zu lebenslanger Haft verurteilt.

22 Jahre nach dem Völkermord von Srebrenica wurde am Mittwoch ein Schlusspunkt unter eines der traurigsten Kapitel der jüngeren europäischen Geschichte gesetzt. Zumindest juristisch. Das heutige Urteil gegen Ratko Mladic (74) war das letzte Urteil des UNO-Tribunals zum Völkermord von Srebrenica.

Mladic war Oberkommandant der bosnisch-serbischen Truppen, die im Juli 1995 in die UNO-Schutzzone Srebrenica eingedrungen waren und anschließend etwa 8.000 bosnisch-muslimische Buben und Männer ermordet hatten. Der Ex-General wurde zu lebenslanger Haft verurteilt, in zehn der elf Anklagepunkte schuldig gesprochen. Die Verteidiger hatten auf Freispruch in allen Punkten oder höchstens 15 Jahre Haft plädiert. Mladic wurde letztlich unter anderem wegen Völkermordes in Srebrenica, Vertreibungen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Zwangsumsiedlungen sowie für Verstöße gegen das Kriegsrecht schuldig befunden. Nicht bestätigt wurde nur ein Punkt der Anklage, der sich auf Völkermord in weiteren sechs bosnischen Gemeinden bezog.

"Mütter von Srebrenica": Opfer können nie befriedigt werden

"Die Opfer können nie befriedigt werden", stellte Munira Subasic, Leiterin des Verbandes "Mütter von Srebrenica", nach der heutigen Verurteilung von Ratko Mladicfest. Sie kündigte gegenüber bosnischen Medien an, ihren "Kampf für Gerechtigkeit" fortzusetzen.

Der Verband will nach den Worten von Subasic nun auch Serbien und die bosnische Republika Srpska für "alles, woran sie beteiligt waren", verklagen.

Mladic betrat lächelnd Gerichtssaal

Mladic hatte während des heutigen Prozesses, der von mehreren TV-Sendern sowohl in Bosnien-Herzegowina als auch in Serbien live übertragen wurde, keine Reue gezeigt. Wie auf Bildern zu sehen war, bekreuzigte sich Mladic beim Betreten des Gerichtssaals und wandte sich mit emporgerecktem Daumen lächelnd in Richtung Journalisten.

Der 74-Jährige schien laut Medienberichten nach dem gut vierjährigen Prozess von seiner Unschuld tief überzeugt zu sein. "Ich weiß, dass ich unschuldig bin", soll Mladic laut Belgrader Medienberichten am Dienstag Familienangehörigen versichert haben.

Die Verlesung des Urteils in Den Haag verfolgten auch etliche Familienangehörige von Kriegsopfern.

Völkermord in Srebrenica bestätigt

Zuvor stellte das UNO-Tribunal fest, dass in der damaligen muslimischen UNO-Schutzzone Srebrenica von bosnisch-serbischen Truppen Völkermord, Vertreibungen, Tötungen und unmenschliche Zwangsumsiedlungen durchgeführt worden seien. Nach der Einnahme der muslimischen UNO-Schutzzone Srebrenica seien zwischen dem 12. und 17. Juli 1995 in der Umgebung der ostbosnischen Kleinstadt "systematisch" mehrere tausend muslimische Männer ermordet worden, stellte das Haager Gericht ferner fest. Zwischen 20.000 und 30.000 muslimische Frauen, Kinder und alte Menschen seien gleichzeitig auf das Gebiet unter dem Kommando der bosniakischen (muslimischen) Armee transportiert worden. Ziel war es, die muslimische Enklave "serbisch" zu machen.

Mladic störte Urteilsverkündung

Der Angeklagte mit dem Beinamen der "Schlächter vom Balkan" war erst 2011 nach 16 Jahren auf der Flucht festgenommen worden. Während der Urteilsverkündung war Mladic aus dem Gerichtssaal entfernt worden, nachdem er lautstark protestiert hatte. Die Verteidigung hatte zuvor erfolglos gefordert, die Urteilsverkündung abzukürzen, weil der Blutdruck des Angeklagten gefährlich hoch sei.

2016 war Mladics enger Vertrauter, der bosnische Serbenführer Radovan Karadzic, für eine fast identische Anklage zu 40 Jahren Gefängnis verurteilt worden. Der 2012 gestartete Prozess war der letzte des Tribunals, das zum Jahresende seine Arbeit nach 24 Jahren abschließt.

Zum Prozess: 530 Prozesstage, fast eine Million Seiten Prozessakten, 377 Zeugen standen mit Mittwoch zu Buche. Im Gerichtssaal hatten Zeugen das Grauen von damals geschildert. Ein Mann erzählte von seiner Frau, die in Sarajevo auf dem Marktplatz von Scharfschützen beim Milchholen erschossen worden war. Auch ein junges Mädchen, das wochenlang - immer wieder und wieder - von Gruppen von Soldaten vergewaltigt wurde, sagte aus. Und ein Überlebender des Massakers von Srebrenica, der in Den Haag nur von den Gräueltaten berichten konnte, weil er sich tot stellte und unter den Leichenbergen verbarg (mehr zu den Hintergründen des Völkermordes von Srebrenica lesen Sie im Abschnitt unten).

Der Völkermord von Srebrenica - Die ewig offene Wunde

Srebrenica wurde zum Symbol des Kriegs (1992-95). Er kostete mehr als 10.000 Menschen das Leben, Millionen wurden vertrieben. Bei der über 44 Monate dauernden Belagerung von Sarajevo etwa wurden mindestens 10.000 Menschen getötet. Und dann Srebrenica: Im Juli 1995 hatten serbische Einheiten unter General Mladic die UNO-Schutzzone überrannt und dann etwa 8.000 muslimische Buben und Männer ermordet.

Bis heute ist unfassbar, dass nach dem Zweiten Weltkrieg auf europäischem Boden solche Verbrechen verübt werden konnten. 2016 war dafür bereits der politisch Verantwortliche, Radovan Karadzic, in erster Instanz zu 40 Jahren Haft verurteilt worden.

Ex-General Mladic war militärisch verantwortlich.

Leichen waren zerstückelt und auf verschiedene "Sekundärgräber" verteilt worden. Noch immer wurden nicht alle Toten gefunden und identifiziert. Noch im Dezember 2015 war ein Massengrab entdeckt worden - verborgen unter einer Mülldeponie.

"Groß-Serbien"

Der Völkermord und die Vertreibung der bosnischen Muslime mit dem zynischen Begriff "ethnische Säuberung" waren Teil einer Kampagne mit dem Ziel eines Groß-Serbien. Außer Karadzic und Mladic war dafür auch der Ex-Staatspräsident von Jugoslawien, Slobodan Milosevic, verantwortlich. Doch er starb 2006 in seiner Zelle an einem Herzinfarkt, noch vor dem Urteil.

Haben die Prozesse bei der Aufarbeitung geholfen? Chefankläger Brammertz schüttelt den Kopf. "Es gibt immer noch Politiker in Serbien, die den Genozid leugnen. Wie soll es da jemals zu einer Aussöhnung kommen?"

Serbien tut sich schwer mit seinem kriegerischen Erbe. Ausgangspunkt der selbst ansatzweise nicht aufgearbeiteten Vergangenheit ist Ratko Mladic. Bis heute gilt er in weiten Teilen der Bevölkerung noch als Kriegsheld, der seine Landsleute in Bosnien nur vor dem sicheren Untergang bewahrt hat. Das kleine Serbien habe so einer "Weltverschwörung" unter Führung Deutschlands, Österreichs und des Vatikan heldenhaft Widerstand geleistet - so das verworrene Weltbild.

Mladic-T-Shirts

Wen wundert es da noch, dass die Mladic-T-Shirts ein Dauerbrenner sind auf jedem Volksfest und in den Souvenirgeschäften Belgrads.

Das UNO-Tribunal ist für Serbien schon lange eines der größten Feindbilder. Das Gericht habe einseitig gegen Serben gearbeitet, sagte erst vor wenigen Tagen Regierungschefin Ana Brnabic in Belgrad. Damit habe es nicht zur Versöhnung, sondern im Gegenteil zur Verschärfung der Konflikte auf dem Balkan beigetragen. Die Belgrader Zeitung "Informer", Sprachrohr von Präsident Aleksandar Vucic, titelte kürzlich: "Das Haager Gericht vergewaltigt offen das Recht".

Die serbische Politik leugnet bis heute den Völkermord in Srebrenica. Erst heuer wurden acht ehemalige Spezialpolizisten in Belgrad angeklagt, weil sie 1.313 muslimische Zivilisten ermordet haben sollen. Der Prozess wurde allerdings schnell unterbrochen und muss von vorn beginnen.

Angesichts dieser Realität macht sich Ankläger Brammertz keine Illusionen. Ein Gericht könne nicht für Versöhnung sorgen, sagt er. "Aber ohne Gerechtigkeit fehlt die Basis für Versöhnung."

Nicht nur auf dem Balkan, auch für die UNO bleibt Srebrenica eine offene Wunde. Denn die Staatengemeinschaft hatte den Völkermord nicht verhindert, und niederländische UNO-Soldaten hatten sich den Truppen von Mladic kampflos ergeben. Kurz nach der Einnahme von Srebrenica prosteten sich der bullige General und der niederländische Kommandant des Blauhelm-Bataillons, Thom Karremans, mit Schnapsgläsern zu. Das Foto von dieser Szene ging als Bild der Schande um die Welt.