© APA/AFP/National Police of Ukraine/HANDOUT

Lagebericht
03/10/2022

Evakuierung in Mariupol gescheitert, Kiew in "Festung" verwandelt

AKW Tschernobyl hat laut russischen Angaben wieder Strom. Die Friedensgespräche verliefen ergebnislos.

Tag 15 nach dem russischen Angriff: Ukrainische lokale Behördenvertreter haben in der Nacht auf Donnerstag aus mehreren Städten Beschuss gemeldet. Nach Angaben der ukrainischen Armee auf Facebook wehren die eigenen Streitkräfte die russischen Truppen derzeit jedoch ab und halten diese zurück. In manchen Einsatzgebieten hätten die russischen Einheiten ihre Kampfkraft verloren.

Städte unter Beschuss

Russische Flugzeuge hätten die Umgebung der nordostukrainischen Großstadt Sumy bombardiert, schrieb der Gouverneur der Region Sumy, Dmytro Schywyzkyj, auf Telegram. In der Stadt Ochtyrka südlich von Sumy seien erneut Wohngebiete beschossen worden. Es gebe zudem Informationen, dass dort auch eine Gasleitung getroffen worden sei. Die Angaben können nicht unabhängig überprüft werden.

Die russische Armee arbeite weiter daran, Kiew zu umzingeln und verstärkte auch ihre Einheiten rund um die südukrainische Großstadt Mykolajiw, hieß es seitens der Ukraine weiter. Angriffe gebe es auch in der Region Charkiw im Osten des Landes zudem auf die Stadt Isjum und die nahen Dörfer Petrivke und Hruschuwacha.

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"Festung Kiew"

"Kiew ist in eine Festung verwandelt worden", sagte Bürgermeister Vitali Klitschko im ukrainischen Fernsehen. Unterdessen gab es weiter Bemühungen Zivilisten aus den umkämpften Gebieten zu evakuieren.

"Das Hauptziel der Russen ist, Kiew zu erobern", sagte Bürgermeister Klitschko. Auch die Regierung solle gestürzt werden. "Ich möchte sagen, dass diese Pläne nicht umgesetzt werden", meinte er. "Jede Straße, jedes Gebäude, jeder Kontrollpunkt sind verstärkt worden", sagte Klitschko im ukrainischen Fernsehen. "Kiew ist in eine Festung verwandelt worden." Laut Klitschko flüchteten seit Kriegsbeginn bereits knapp zwei Millionen Bewohner aus der Hauptstadt: "Nach unseren Informationen hat einer von zwei Bewohnern von Kiew die Stadt verlassen." Im Großraum Kiew lebten vor dem Krieg rund 3,5 Millionen Menschen.

Fluchtkorridore

Auf die von russischen Truppen belagerte ukrainische Hafenstadt Mariupol gab es am Donnerstag nach Angaben des Stadtrats neue Luftangriffe. In der Nähe eines Wohnhauses seien Bomben abgeworfen worden, teilte der Stadtrat zu Mittag im Nachrichtenkanal Telegram mit. Die Technische Universität in der Nähe des Stadtzentrums sei getroffen worden. Angaben zu Opfern lagen zunächst nicht vor. Auf einem Video waren Einschläge zu sehen. Ein Platz war übersät mit Trümmern.

Die Ukraine plante am Donnerstag weitere Evakuierungen von Zivilisten aus den umkämpften Städten im Norden und Osten des Landes sowie der Hauptstadt Kiew. Evakuiert werde vor allem aus dem Gebiet Sumy an der russischen Grenze in Richtung des zentralukrainischen Poltawa, hieß es aus dem. Ebenso werde versucht, Menschen aus Isjum im Gebiet Charkiw und den belagerten Städten Mariupol und Wolnowacha im Donezker Gebiet in sichere Regionen zu bringen.

In Mariupol dürfte die Evakuierung allerdings neuerlich gescheitert sein. Ein Hilfskonvoi musste nach ukrainischen Angaben wieder umkehren, bevor er die eingekesselte Stadt im Süden der Ukraine erreicht hat. Die humanitäre Situation in der Stadt ist katastrophal. Vor allem in Mariupol war die Lage aber weiterhin prekär. Die Menschen müssen seit Tagen ohne Strom, Wasser, Heizung und unter ständigem Beschuss ausharren. Mehrere Versuche zur Einrichtung eines Fluchtkorridors scheiterten. Beide Seiten warfen sich Sabotage vor.

Am Mittwoch waren laut Präsident Wolodymyr Selenskij in der Ukraine mindestens 35.000 Zivilisten über humanitäre Korridore in Sicherheit gebracht worden.

IAEA meldet Abbruch der Datenübermittlung aus AKW Saporischschja

Die Internationale Atomenergiebehörde IAEA hat sich indes Mittwochabend besorgt gezeigt. Demnach wurde ein Abbruch der automatischen Datenübertragung aus dem von russischen Truppen eingenommenen Atomkraftwerk Saporischschja gemeldet. Am Vortag war bereits die Verbindung mit den Überwachungsgeräten im ehemaligen ukrainischen Atomkraftwerk Tschernobyl abgebrochen. Der Atomreaktor soll aber wieder Strom haben, teilte das russische Energie-Ministerium am Donnerstag mit. Spezialisten aus Belarus hätten die Versorgung wiederhergestellt.

An beiden Standorten lagerten große Mengen an Kernmaterial in Form von abgebrannten oder frischen Kernbrennelementen, erklärte die IAEA.

Der Chef der Atomenergiebehörde, Rafael Grossi, kündigte an, dass er in die türkische Stadt Antalya reisen werde. Dort wollen der russische Außenminister Sergej Lawrow und sein ukrainischer Kollege Dmytro Kuleba heute zusammenkommen.

Kuleba und Lawrow: Erste Gespräche ergebnislos

Bei dem Gespräch mit dem russischen Außenminister Sergej Lawrow hat es nach den Worten des ukrainischen Außenministers Dmytro Kuleba keine Fortschritte hinsichtlich einer Waffenruhe gegeben. Er sei bereit zu einem erneuten Gespräch in diesem Format, sagte Kuleba am Donnerstag im türkischen Antalya. Die beiden Außenminister waren erstmals seit Kriegsbeginn vor zwei Wochen zusammengetroffen.

EU-Spitzen beraten zu Ukraine-Krieg

Zudem überschattet der Krieg auch den am Donnerstag beginnenden zweitägigen Sondergipfel der EU-Staats- und Regierungschefs, darunter auch Bundeskanzler Karl Nehammer, im französischen Versailles. Bei dem Gipfel will die EU eine Stärkung ihrer Verteidigungskapazitäten vereinbaren, darunter auch höhere Verteidigungsausgaben. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Reduktion der Energieabhängigkeiten von Russland.

Angriffe auf Mariupol

Die russischen Truppen haben nach Angaben des Verteidigungsministeriums in Moskau bisher 2.911 Einrichtungen der militärischen Infrastruktur in der Ukraine zerstört. Die russische Armee habe auch die Kontrolle über einige Viertel in der belagerten Stadt Mariupol am Asowschen Meer übernommen, sagt der Sprecher des Ministeriums, Igor Konaschenkow, russischen Nachrichtenagenturen zufolge.

Drei Tote nach Angriff auf Geburtsklinik

Bei dem mutmaßlich russischen Angriff auf eine Geburtsklinik im ukrainischen Mariupol am Mittwoch sind nach Angaben des stellvertretenden Bürgermeisters der Stadt drei Menschen ums Leben gekommen. Unter den Toten sei auch ein Kind, sagte Vizebürgermeister Sergej Orlow am Donnerstag dem britischen Sender BBC. Ukrainische Behörden hatten zuvor mitgeteilt, bei dem Angriff seien 17 Menschen verletzt worden, darunter auch Schwangere.

Selenskij wirft Russland Völkermord vor

Präsident Wolodymyr Selenskij veröffentlichte am Mittwoch im Kurznachrichtendienst Twitter ein Video, das völlig verwüstete Räume der Klinik zeigen soll. Selenskij warf Russland vor, in der Ukraine Völkermord zu begehen. Der Kreml in Moskau kündigte eine Untersuchung des Vorfalls an. "Wir werden unser Militär fragen, weil wir keine genauen Informationen darüber haben, was dort passiert ist", sagte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow der Agentur Interfax zufolge. Die russische Außenministeriumssprecherin Maria Sacharowa wies die Bombardierung zurück und warf der Ukraine "Informationsterrorismus" vor.

Der Angriff auf die Klinik hatte international für Entsetzen gesorgt. Der Angriff sei "entsetzlich", schrieb UNO-Generalsekretär António Guterres bereits am Mittwoch auf Twitter. Zivilisten zahlten den höchsten Preis für einen Krieg, der nichts mit ihnen zu tun habe. Der Vatikan nannte die Attacke "inakzeptabel". Die US-Regierung sprach von einem "barbarischen" Angriff. Auch die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen zeigte sich erschüttert und erklärte, dass die Zerstörung von Gesundheitseinrichtungen durch die Kämpfe in Mariupol die medizinische Versorgung von Menschen zunehmend erschwert.

Lawrow: Klinik in Mariupol war Lager von radikalen Kämpfern

Der russische Außenminister Sergej Lawrow hat indes die Vorwürfe des Angriffs auf eine Geburtsklinik in Mariupol als Falschmeldung zurückgewiesen. Russland habe bereits am 7. März die Vereinten Nationen informiert, dass in der ehemaligen Klinik kein medizinisches Personal mehr sei, sondern ein Lager ultraradikaler Kämpfer des ukrainischen Bataillons Asow, sagte Lawrow am Donnerstag in Antalya. Lawrow sprach von einer "Manipulation" der gesamten Welt mit Informationen zu mutmaßlichen Gräueltaten der russischen Armee.

Änderung der Taktik?

Russland hat wiederholt erklärt, in seinem von ihm so genannten militärischen Sondereinsatz ausschließlich militärische Ziele anzugreifen. Nach Darstellung eines Beraters des ukrainischen Präsidenten Selenskij hat Russland allerdings seine Taktik geändert, nachdem der Vormarsch seiner Truppen sich verlangsamt hat. Nun würden Zivilisten angegriffen, sagt Olexii Arestowytsch.

Die ukrainische Armee soll unterdessen binnen 24 Stunden sechs Mal Ziele in der selbst ernannten Volksrepublik Luhansk (LNR) beschossen haben. Das berichtete die russische Agentur TASS mit Berufung auf Vertreter der LNR. Demnach wurde bei dem Beschuss mindestens eine Zivilistin in der Stadt Pervomajsk verletzt. Zudem seien eine Gasleitung und eine Stromleitung beschädigt, in der Folge nun zwei Dörfer ohne Strom.

Mehr als 2,3 Millionen Menschen geflohen

Der Internationalen Organisation für Migration (IOM) zufolge sind seit Beginn des Kriegs in der Ukraine vor zwei Wochen 2,3 Millionen Menschen aus der Ukraine geflohen. Darunter seien mehr als 112.000 Bürger von Drittstaaten, teilte die UNO-Behörde auf ihrer Website https://www.iom.int mit. Vor dem Krieg lebten in der Ukraine etwa 44 Millionen Menschen. In Polen, dem Hauptaufnehmerland, sind bisher 1,43 Millionen Flüchtlinge aus dem Nachbarland eingetroffen.

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