© REUTERS/CARLOS BARRIA

Analyse
02/27/2020

Trump klagt New York Times: Ziemlich beste Kontrahenten

Der mächtigste Mann der USA klagt das mächtigste Medium. Der Fake-News-Schreier nimmt die „Times“ weit wichtiger als er vorgibt.

von Georg Leyrer

Es könnte Donald Trump ja egal sein, was in der New York Times steht. Der US-Präsident ist einer jener (zahlreicher werdenden) Politiker, die – verblendet vom ungefilterten Social-Media-Kanal zu den eigenen Fans – glauben, Politik ohne herkömmliche Medien machen zu können.

Bei jeder Gelegenheit geißelt Trump die angeblichen „Fake News“, im speziellen und am liebsten die „versagende“ New York Times und deren „Hochverrat“, und ruft die Medien schon mal zum „Volksfeind“ und zu seinem eigentlichen Gegner aus. Er führt, wie der Guardian festhielt, einen Krieg gegen die Medien.

Trump ist der Star in seiner eigenen Twittermedienwelt, und kaum jemand, der ihn im November wählen wird, wird einen Cent darauf geben, was in der New York Times steht.

Wen also kümmert es, was dort geschrieben wird, noch dazu in einem Kommentar? Die Antwort ist leicht: Donald Trump, und zwar so sehr, dass er die Zeitung nun klagen lässt.

New York Times

Die 1851 gegründete Zeitung ist das wohl mächtigste Medium der USA. Das von der Sulzberger-Familie geführte Medienhaus hat weltweiten Einfluss und einige der wichtigsten Artikel der US-Geschichte publiziert

127 Pulitzerpreise

hat die New York Times gewonnen – mehr als jedes andere Medium

„Graue Lady“

So wurde die Zeitung genannt – nicht zuletzt deshalb, weil sie alltäglich immense Textmengen eng auf viele Zeitungsseiten gedruckt hat; aber auch, weil die New York Times lange als zwar politisch liberal, aber gesellschaftlich konservativ gegolten hat

Neue Zeiten

Ein Erneuerungsprozess aber hat der Zeitung – längst ein Online-Koloss – zuletzt einen Imagewandel gebracht

Es geht um einen Kommentar eines ehemaligen Chefredakteurs, Max Frankel, über Trumps eigentümliche Beziehung zu Russland.

Frankel analysiert, dass es sehr wohl ein von Trump immer abgestrittenes Quid pro quo, also einen „übergreifenden Deal“ Russlands mit Trump bei den US-Wahlen gegeben habe. Dass Russland Trump nämlich dafür zur Wahl verhelfe, dass er danach pro-russische Außenpolitik macht.

Dass Trump dafür die Zeitung klagen lässt – und zwar durch seine Wahlkampf-Organisation –, ist erstaunlich. Trump droht zwar den Medien gerne, bis jetzt hat er aber noch keinen Angriff vor Gericht gebracht. Nun will er ausgerechnet gegen einen Meinungsartikel vorgehen. Diese sind in der ohnehin schon verfassungsmäßig abgesicherten US-Medienfreiheit noch einmal schwieriger vor Gericht anzufechten.

Der Präsident klagt einen Autor „wegen einer Meinung, die ihm nicht gefällt“, ließ die Times wissen. Man freue sich darauf, die dementsprechenden Gesetze „zu verteidigen“. „Das ist keine Meinung“, sagte Trump dazu. „Das ist jenseits einer Meinung.“ Er sieht darin Rufschädigung.

Ineinander verbissen

Aber es lohnt sich, hinter das Wortgetöse des Präsidenten und die anhaltend scharfe Trump-Berichterstattung der Zeitung zu schauen: Dort steckt eine viel profanere Realität. Beide Seiten nützen einander, zumindest bisher.

Die spezifische Erzählung von Trumps Präsidentschaft braucht immer Gegner, und in der Times hat er einen seiner mächtigsten gefunden. Und: Trump ist eingefleischter, nur unter Protest nach Washington versetzter New Yorker. Und damit sind für ihn die oft gescholtenen Seiten der Times das, was wirklich zählt. Es wurmt ihn, was dort geschrieben steht. Mit der Klage gesteht Trump diese Achillesferse nun ein.

Die Times andererseits hat von der medienfeindlichen Politik Trumps profitiert. Das Trauma-Erlebnis der völlig falsch vorhergesagten Wahl – die Times ging voreilig von einer Präsidentin Clinton aus – und Trumps Politik haben den zuvor sanft schlafenden Zeitungsriesen aufgeweckt.

Mit herausragendem Journalismus und einem klaren Gegner wurde die NYT zum Giganten einer neuen Medienwelt: Man hält bei fünf Millionen Abonnenten (ein rasanter, einzigartiger Anstieg) und verdient mit Online-Abos längst mehr als mit Werbung. Und man agiert international – und legt sich mit Chinas Machthabern ebenso an wie mit Trump.

Der Infight zwischen dem mächtigsten Mann und dem mächtigsten Medium der USA wird jedenfalls eines nicht bringen: den in derartigen Fällen oft befürchteten chilling effect; dass also Medien wegen Klagen feiger in der Berichterstattung werden. So nützt die Klage wieder beiden Seiten: Trump, angeblicher Fake-News-Bekämpfer, bei seiner Basis, und der Times beim Renommee.

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