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Warum radikale Südafrikaner alle Einwanderer rauswerfen wollen

Seit Monaten haben einwanderungsfeindliche Proteste das Land fest im Griff. Geht es nach radikalen Gruppen, sollen bis Ende Juni Nicht-Südafrikaner das Land verlassen.
Länder organisieren Rückholaktionen für ihre Staatsangehörigen:  Tausende Menschen haben Südafrika aus Angst bereits verlassen.

„Ich führe dieses Unternehmen seit dreizehn Jahren, ich zahle meine Steuern, ich beschäftige südafrikanische Angestellte“ – der Mann, der gegenüber einem lokalen Fernsehsender seine missliche Lage schildert, ist aufgebracht. „Ich bin kein Illegaler hier, und trotzdem wollen sie, dass ich gehe.“

Menschen wie er, nicht-südafrikanische Staatsangehörige, Einwanderer, Wirtschafts- und Kriegsflüchtlinge aus anderen afrikanischen Ländern werden seit Monaten von wütenden Mobs drangsaliert und bedrängt oder – noch schlimmer – gar getötet. Bisher sollen bei fremdenfeindlichen Angriffen mindestens zehn ausländische Angehörige getötet worden sein, ein Malawier, Nigerianer, Mosambikaner und Äthiopier. Die südafrikanische Regierung dementiert die Zahl.

Vertriebene Migranten in Durban, nachdem sie aus Angst vor fremdenfeindlichen Angriffen geflohen sind.

Vertriebene Migranten in Durban, nachdem sie aus Angst vor fremdenfeindlichen Angriffen geflohen sind.

Afrikaner gegen Afrikaner

Erst unlängst hatte man in Südafrika dem 50. Jahrestag der Soweto-Aufstände gedacht, jener Proteste, bei denen Tausende schwarze Schüler gegen die Einführung der Sprache der weißen Unterdrücker als Unterrichtssprache auf die Straße gegangen sind und bei denen 176 Kinder durch Polizeikugeln getötet wurden. 50 Jahre später greift in Südafrika wieder Gewalt um sich, nur kämpfen diesmal Afrikaner gegen Afrikaner: Teile der Bevölkerung bedrohen Migranten aus Ländern, die die schwarze Bevölkerungsmehrheit Südafrikas einst im Kampf gegen das Apartheid-Regime stärkten. Heute geben ihnen radikale Einwanderungsgegner die Schuld an der hohen Arbeitslosigkeit, der Kriminalität und der mangelhaften öffentlichen Versorgung.

Unternehmen und Häuser werden überfallen und zerstört. Nachdem in einigen Siedlungen nachts Häuser angezündet wurden, übernachten ganze Familien seit Wochen vor der Behörde für innere Angelegenheiten in der Großstadt Durban auf der Straße unter freiem Himmel, weil sie sich nicht mehr heim trauen. „Wir haben einen Asylstatus, wir sind seit Jahren hier“, sagt eine junge Nigerianerin zum Nachrichtensender Newzroom Afrika. „Wir sind Teil der Gemeinschaft, warum greifen sie uns an?“

Deadline: 30. Juni

Federführend bei den Protesten, die von Teilen der Opposition unterstützt werden, ist die einwanderungsfeindliche Gruppe „March and March“: Viele Mitglieder tragen traditionelle Kleidung und skandieren „Mbahambe“, was auf Zulu so viel heißt wie „sie sollen gehen“. Sie sehen sich als Bürgerwehr, die patrouillieren und für „Ordnung“ sorgen; in der Vergangenheit beschränkten Radikale der Gruppe den Zugang zu Krankenhäusern oder forderten den Nachweis gültiger Papiere, ohne dafür rechtliche Befugnisse zu besitzen.

Geht es nach der Gruppe, sollen alle Menschen ohne Aufenthaltserlaubnis bis 30. Juni das Land verlassen. Doch viele Radikale machen keinen Unterschied zwischen Migranten mit oder ohne gültigen Papieren. Was nach Ablauf der Frist passiert, löst bei Hunderttausenden Menschen große Angst aus. 

Mehrere afrikanische Länder entsendeten in den vergangenen Wochen Flugzeuge und Busse, um ihre Staatsangehörigen zurückzuholen. Tausende Menschen haben das Land verlassen oder drängen sich in Flüchtlingszentren, wo sie auf eine Transportmöglichkeit warten.

Wirtschaftliche Ängste

Fremdenfeindlichkeit ist in Südafrika seit Langem ein Problem: Schon 2008, 2015, 2016 und 2019 kam es zu fremdenfeindlicher Gewalt mit Dutzenden Todesopfern. Nach offiziellen Angaben leben mehr als drei Millionen Ausländer im 65,4-Millionen-Einwohner-Land, das sind rund fünf Prozent der Bevölkerung. Inoffiziell sollen es weitaus mehr sein. 2025 sprachen sich laut einer Umfrage des staatlich finanzierten Human Sciences Research Council 42 Prozent der Südafrikaner gegen die Einwanderung aus.

Menschen schlafen auf der Straße in Durban.

Menschen schlafen auf der Straße in Durban.

Südafrika, das Land mit dem höchsten BIP Afrikas, ist mit Kapstadt und Johannesburg längst eine Oase  für westliche Expats und Influencer geworden. Für viele Afrikaner ist es ein stabiles, sicheres Zufluchtsland, während in ihren Heimatländern – Malawi, Mosambik, der DR Kongo – Krisen und Konflikte vorherrschen.

Wiewohl Südafrika selbst mit enormen Herausforderungen zu kämpfen hat: Die Vermögensverteilung und Ungleichheit zwischen Bevölkerungsgruppen ist auch über dreißig Jahre nach Ende der Apartheid gravierend, Zugang zu gut finanzierten Bildungsmöglichkeiten beschränkt, Vetternwirtschaft und Korruption enorm. Die Arbeitslosenquote liegt bei rund 30 Prozent, unter den Jungen gar bei 46 Prozent.

Dass daran aber die Migration schuld sei, widerlegt eine Untersuchung der Weltbank und der OECD: Diese kam zu dem Schluss, dass Ausländer netto Arbeitsplätze schaffen, da sie Unternehmen gründen, Angestellte haben und die Konsumnachfrage erhöhen. Längst wurde von NGOs auch darauf aufmerksam gemacht, dass sich die Fremdenfeindlichkeit nur gegen schwarze und nicht gegen weiße Einwanderer richtet. 

Urlaubssperre für Polizisten

Südafrikas Regierung stellt sich gegen die Gewalt und fürchtet eine Eskalation nach Verstreichen der Frist: Der Urlaub für Polizisten wurde gestrichen, bei Bedarf will man das Militär einsetzen.

Präsident Cyril Ramaphosa vom African National Congress, der Partei Nelson Mandelas, die seit den ersten Wahlen 1994 regiert, antwortete auf die Ausschreitungen mit dem Versprechen, den Grenzschutz auszubauen und härtere Maßnahmen gegen Arbeitgeber, die Migranten ohne Aufenthaltserlaubnis beschäftigten, einzuführen. In den vergangenen zwei Jahren habe man bereits über 100.000 Menschen aus dem Land ausgewiesen, heißt es vom Innenministerium.

Gleichzeitig verurteilte Ramaphosa die Ausschreitungen: Migranten würden zum Sündenbock für Südafrikas Probleme gemacht. Nicht nur aus Sorge vor weiterer Gewalt steht die Regierung unter Handlungsdruck: Im November stehen Lokalwahlen an, der ANC muss aufgrund der vielen sozialen Probleme mit Stimmeneinbußen rechnen.

Die Angst der Betroffenen bleibt. Er habe diese Schikane satt, sagt der Unternehmer. „Gebt mir das Geld, das ich in euer Land investiert habe, zurück, und ich gehe“, sagt er verzweifelt.

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