Krieg im Sudan: Sie wünscht sich nur, dass ihr Mann noch lebt
Die Kinder im Al-Nahda-Camp in Atbara, 200 Kilometer nördlich von Khartum.
"Sara bedeutet eigentlich 'die Glückliche'", sagt der Übersetzer und lächelt traurig. Ein Ventilator versucht, Luft ins heiße, stickige Zelt zu blasen. Das Kind quengelt und hält sich am lilafarbenen Kopftuch der Mutter fest. Sara Suleyman ist 32 Jahre alt und aus Al-Faschir geflüchtet, bevor die paramilitärische RSF vergangenen Oktober dort ihr Massaker anrichten konnte. Ihr Mann blieb zurück, er arbeitete in einem lokalen Krankenhaus. Einen Monat lang war Sara mit ihren zwei Töchtern auf der Flucht, zu Fuß, auf dem Rücken von Eseln, auf Truck-Ladeflächen, tagelang ohne Essen und Wasser. Sie wurde überfallen, brachte auf dem Weg ihr drittes Kind zur Welt. "Wir sitzen und warten auf ein Kriegsende, um nach Hause kehren zu können. Und auf ein Lebenszeichen von meinem Mann." Während sie ihre Geschichte erzählt, kommen ihr die Tränen. Sie schildert bei Weitem nicht all die unmenschlichen Schrecklichkeiten, die ihr widerfahren sind.
Der Krieg im Sudan zerstört unzählige Leben, Saras Schicksal ist kein Einzelfall: Die Geflüchteten sind größtenteils Frauen, geflohen mit ihren Kindern, während die Männer zurückbleiben, um zu kämpfen oder ihr Eigentum zu verteidigen. Die Schwestern Rejan und Negla Mosla sind aus Südkordofan zu Fuß bis in den Südsudan geflüchtet, arbeiteten vor dem Krieg als Krankenschwester und Verkäuferin. Die 65-Jährige Chadmallah aus Omdurman wurde von den RSF-Milizen vor die Wahl gestellt: ihre Tochter oder ihr Haus. Sie überließ ihnen ihr Eigentum und floh mit ihrer Tochter.
Ein Flüchtlingscamp in Port Sudan.
Seit über drei Jahren tobt der Krieg im Sudan, der über 12 Millionen Menschen zur Flucht zwang, Hunderttausende Menschen verletzte und tötete – genaue Zahlen sind kaum verfügbar, der Zugang zu Informationen aus RSF-Gebieten ist auch für internationale und unparteiische Organisationen beschränkt.
Anders als international dargestellt, spricht man vor Ort nicht von einem Bürgerkrieg, sondern von einem von außen geschürten Konflikt, einem Stellvertreterkrieg: Saudi-Arabien, Ägypten, die Türkei und Russland unterstützen die sudanesischen Streitkräfte (SAF) von General Abdel Fattah al-Burhan; die VAE, der Tschad, Libyen, Äthiopien und kolumbianische Söldner die paramilitärischen Rapid Support Forces (RSF) von Muhammad Hamdan Dagalo, auch Hemedti genannt. Auslöser war ein Machtkampf um Ressourcen wie Gold und Einfluss; die Implosion der Hauptstadt Khartum heizte bestehende ethnische Konflikte um Landbesitz entlang der in Kolonialzeiten gezogenen Grenzen neu an. Der Sudan, seit jeher ein Pulverfass.
Über 50 Millionen Menschen betroffen
Von den über 50 Millionen Menschen im drittgrößten Land des Kontinents gibt es niemanden, der nicht vom Konflikt betroffen ist – egal, ob man zur gebildeten, wohlhabenden Elite aus Khartum oder der ärmeren, ländlichen Bevölkerung gehört. Angehörige sind verschwunden, festgenommen oder umgebracht, Städte und Dörfer zerstört; Kinder werden in Spitälern mit Schuss- und Drohnenwunden behandelt. Wer es sich leisten kann, schickt die Familie ins Ausland und mietet sich zu europäischen Preisen eine vorübergehende Unterkunft im vergleichsweise sicheren Port Sudan; die, denen alles genommen wurde, kommen in Flüchtlingscamps unter.
Selbst jene, die anderen helfen, sind betroffen: Barakat Faris, 60 Jahre alt, gepflegter Oberlippenbart, berät trotz seines eigentlichen Pensionsalters nach wie vor das Rote Kreuz in Port Sudan. Seine Familie stammt aus Al-Faschir, er arbeitete vor dem Krieg in Khartum. Auch er hat alles verloren. "Ich weiß, dass ich besser davongekommen bin als die meisten anderen", erzählt der studierte Botaniker während eines Besuchs in einem Flüchtlingslager in Port Sudan.
An dem erfahrenen Rot-Kreuz-Mitarbeiter laufen Kinder vorbei, in dünnen Plastikschlapfen über den staubigen, heißen Boden, rollen Autoreifen vor sich her und amüsieren sich über die internationalen Besucher. Auch das nationale Rote Kreuz hat seinen Hauptsitz in der Hauptstadt verloren, musste umziehen nach Port Sudan. 18 Rot-Kreuz-Einheiten gibt es im Land, man versucht, selbst zu jenen in den von den RSF kontrollierten Gebieten Kontakt zu halten. Trotz ihrer politischen Neutralität wird die Organisation zur Zielscheibe: Seit Beginn des Krieges wurden 22 Mitarbeiter getötet, der Direktor der Einheit in Nord-Darfur ist seit vier Monaten in Haft.
Port Sudan ist die wichtigste Hafenstadt des Landes am Roten Meer. Die Lage ist hier vergleichsweise stabil, derzeit gibt es die meisten Drohnenangriffe und Kämpfe in Nord-Darfur und im Südosten des Sudans, im Bundesstaat Blauer Nil. Seit die SAF Khartum zurückerobert hat, versuchen die RSF im Südosten, mitunter über Staatsgebiet des Südsudans und Äthiopiens, Druck aufzubauen. Der letzte Drohnenangriff auf Port Sudan ist neun Monate her und zielte auf eine Raffinerie vor der Stadt ab, die zwei Wochen lang in Flammen stand. Heute sind nur mehr die ausgebrannten Reste der Anlage übrig.
Benzin teurer als in Europa
Vereinzelt jagen Pick-ups mit Maschinengewehren und vermummten Soldaten durch die Hafenstadt. Die Regierung hat genauso wie Botschaften und NGOs ihren Sitz hierher verlegt – was sowohl Lebensmittel- als auch Übernachtungspreise in die Höhe schießen ließ. Unterkünfte verlangen europäische Preise, ein Essen in einem Lokal kostet um die neun bis 12 Euro – in einem Land, wo, obwohl es als Kornkammer für die Golfstaaten gilt, rund fünf Millionen Menschen unter akuter Unterernährung leiden. Gestörte Lieferketten, verschärft durch den Krieg gegen den Iran und die Sperre der Straße von Hormus, sorgen für weniger Hilfs- und medizinische Güter. Ein Liter Benzin kostet in der Stadt über zwei, am Land weit über drei Euro; die Düngerpreise sind um 50 Prozent angezogen.
Die Lage ist dramatisch. Trotzdem sieht man auch Alltag in der Stadt: Abends sitzen Männergruppen auf bunten Plastikstühlen am Hafen, rauchen Wasserpfeife. Ein Zeichen des Widerstands gegen den Krieg.
Die Autofahrt ins Landesinnere, in die 500 Kilometer entfernte Stadt Atbara, führt vorbei an einem Dutzend militärischer Checkpoints. Majdi Abdgefar, selbst aus Khartum geflüchtet, ist groß gewachsen, trägt einen weißen Arztkittel und hat einen Stapel Zettel in der Hand, er empfängt die Besucher in der lokalen Rot-Kreuz-Stelle in Atbara. "Es fehlt uns vor allem an Personal, an Ärzten", erzählt er. Fast täglich ist der 37-jährige Doktor mit einem sandigen Truck, einer mobilen Klinik des Roten Kreuzes, unterwegs, um die Erstversorgung von Geflüchteten vorzunehmen. Etwa im Al-Nahda-Camp, in dem über 16.000 Menschen untergebracht sind. Bis zu 45 Patienten behandelt er pro Tag. Für viele ist das die einzige medizinische Versorgung, auch wenn manche aufgrund ihrer Verletzungen in ein Spital gebracht werden müssten: "Den Menschen im Camp fehlt das Geld, um die Fahrt dorthin zu bezahlen. Sie können es sich schlichtweg nicht leisten, sie haben alles verloren."
In Atbara ist man dem Krieg schon näher als in Port Sudan. Die Stadt ist bekannt für ihre Zementproduktion und liegt etwa 200 Kilometer nördlich von Khartum, unweit der historischen Pyramiden von Meroe. Anders als Khartum ist Atbara von der Zerstörung aber verschont geblieben – den Krieg merkt man hier vor allem an den Geflüchteten, die sich auch an den Stadträndern angesiedelt haben, Häuser und provisorische Unterkünfte bauen. Vor dem Krieg lebten hier an die 100.000 Menschen, heute sind es viermal so viele.
Unsichtbare Gefahren
Doch die größte Gefahr dieses Krieges ist unsichtbar und für alle, ob nah an oder fern von der Frontlinie, lebensgefährlich: Infektionskrankheiten. Hepatitis E, Masern, Keuchhusten, Dengue-Fieber, Malaria. Krankheiten, die in Europa durch Impfungen ausgerottet oder nicht lebensbedrohlich wären, wäre der Körper stark genug und gäbe es entsprechende Behandlungsmöglichkeiten.
Majdi Abdgefar ist Rot-Kreuz-Arzt in Atbara.
Am meisten fürchten Mediziner die kommende Regenzeit: Es ist bittere Ironie, dass ausgerechnet der Regen, auf den die Bauern sehnsüchtig warten, neues Leid bringen könnte. Denn der steigende Nil, der durch Atbara Richtung Ägypten fließt, droht, Brunnen und andere Trinkwasserquellen zu verseuchen. Idealer Nährboden für die Cholera. Tausende Menschen starben bereits an der Seuche.
Wie es weitergeht, weiß niemand. Die ausländischen Finanziers der Kriegsparteien haben derzeit kein Interesse an einem Kriegsende, zu lukrativ sind der Goldschmuggel aus dem Land und der Waffenverkauf. Der Konflikt könnte jahrelang so weitergehen, der Sudan würde inoffiziell geteilt und von zwei Machthabern regiert. Die RSF versuchen bereits, staatliche Parallelstrukturen aufzubauen. Derzeit will auch keine Kriegspartei aufgeben, zu groß waren die Investitionen auf beiden Seiten.
Selbst wenn es zu einem Waffenstillstand käme, hieße das nicht, dass sich alle Milizen und kämpfenden Gruppen daran halten würden. Und Europa? Hält sich seit Kriegsbeginn mit Verurteilungen und Friedensappellen großteils zurück – lieber umgarnt man die Golfstaaten wegen ihres Öls und Gases.
Über 30 Millionen Menschen im Sudan benötigen humanitäre Hilfe. Rund neun Millionen sind im Land auf der Flucht, es ist die größte globale Fluchtbewegung. Vor Ort unterstützen das nationale Rote Kreuz und internationale Gesellschaften, auch bei der Suche nach Vermissten (RFL). Das Österreichische Rote Kreuz lotet aktuell die Unterstützungsmöglichkeiten aus und hat innerhalb der Organisation eine Expertise für Trinkwasseraufbereitung und Hygiene aufgebaut. Seit Konfliktbeginn hat das Außenministerium über die Austrian Development Agency (ADA) aus dem Auslandskatastrophenfonds zehn Millionen Euro an humanitärer Hilfe für den Konflikt im Sudan und Vertrieben in den Nachbarländern zur Verfügung gestellt.
Spendenkonto des Österreichischen Rotes Kreuzes: IBAN: AT57 2011 1400 1440 0144
Kennwort: Sudan
BIC: GIBAATWWXXX
Erste Bank: BLZ 20.111
online: wir.roteskreuz.at/spl-sudan
"Selbst wenn der Konflikt morgen enden sollte, die Nachwehen werden Generationen hinweg andauern. So ein Konflikt zerstört gesellschaftliche Bande", sagt Jürgen Högl, Internationaler Katastrophenmanager des ÖRK, der den Besuch im Sudan koordinierte. Er war zuletzt in Ägypten und davor länger in der Ukraine tätig gewesen. "Wir kennen das von anderen Konflikten. Das wird die Gesellschaft und vielleicht auch die Existenz dieses Staates noch lange auf die Probe stellen." Das Österreichische Rote Kreuz lotet aktuell die Unterstützungsmöglichkeiten für den Sudan aus und hat innerhalb der Organisation eine Expertise für Trinkwasseraufbereitung, Sanitätsanlagen und Hygiene aufgebaut. Zuletzt waren ÖRK-Mitarbeiter in dem Bereich auch in Gaza tätig.
Die sudanesische Bevölkerung sehnt sich nach einem Kriegsende. Die ersten NGOs und Botschaften überlegen bereits, zurückzuziehen nach Khartum und einen Wiederaufbau zu starten – auch das Rote Kreuz, sagt der erfahrene Barakat. In dem Flüchtlingscamp in Port Sudan lächelt eine junge Studentin zum Abschied, erlaubt sich noch den Traum, einmal in den USA zu leben. Viele Geflüchtete hoffen auf baldige Arbeitsmöglichkeiten, um weniger abhängig von der zurückgefahrenen, internationalen humanitären Hilfe zu werden.
Und wieder andere wünschen sich nur, dass der Ehemann noch am Leben ist.
Hinweis: Die Reise wurde zum Teil vom ÖRK finanziert.
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