Krieg im Sudan: Auf der Flucht ins nächste Kriegsgebiet

Millionen Menschen sind wegen des Krieges im Sudan geflüchtet, unter anderem in den Südsudan, der selbst mit extremer Armut kämpft. Ein Lagebericht.
Geflüchtete aus dem Sudan in einem Ankunftszentrum im Südsudan.

Jau ist ein kleiner Ort im Südsudan, gleich hinter der Grenze zum Sudan, wo seit drei Jahren der Bürgerkrieg tobt und ohne große internationale Beachtung nahezu täglich Opfer fordert. Anfang April wurden mindestens zehn Menschen bei einem Drohnenangriff auf das Al-Jabalain-Krankenhaus in White Nile getötet. Berichten zufolge wurde der Anschlag von den paramilitärischen Rapid Support Forces (RSF), die gegen die sudanesische Armee kämpfen, durchgeführt. 

Die NGO Care betreibt in Jau ein Gesundheitszentrum – es ist der erste Zufluchtsort für viele Geflüchtete aus dem Sudan. "Wir versuchen, die Kinder mit angereicherter Milch und Erdnusspaste aufzupäppeln, sie bekommen alle vier Stunden etwas zu essen", sagt die Care-Nothelferin Sarah Easter zum KURIER. Es ist das einzige Gesundheitszentrum hier weit und breit, rundherum ist nichts außer sandige Straßen und Steppe. "Monate-, wochenlang waren die Frauen – es sind hauptsächlich Frauen, die hier ankommen – mit ihren Kindern unterwegs, haben aus Schlammpfützen getrunken oder tagelang kein Essen gehabt", schildert Easter.

50 bis 100 Menschen kämen täglich über die Grenze, darunter Südsudanesen, die einst in den Sudan geflohen sind. Auch im Südsudan, der sich 2011 abgespaltet hat, eskalieren die Kämpfe zwischen Regierungstruppen und oppositionellen Gruppen wieder, das Land ist eines der ärmsten der Welt. Der Weltbank zufolge lebten im Vorjahr 91 Prozent der Bevölkerung mit weniger als drei US-Dollar pro Tag.

Von Jau aus, das ist zumindest der Plan, sollen die Menschen weiter in ein Transitzentrum ins knapp eineinhalb Autostunden Fahrt entfernten Yida, und von dort nochmal weiter in die Flüchtlingscamps der UN. Eigentlich. Doch die Camps sind heillos überfüllt. Die Infrastruktur reicht bei Weitem nicht für die Geflüchteten. Allein das Transitzentrum hat lediglich 300 Schlafplätze, "doch es sind immer 600, 700 Menschen, die dort sind", schildert Easter.

Längst haben sich um das Gesundheitszentrum von Care in Jau provisorische Siedlungen gebildet, die für die Geflüchteten mehr als nur vorübergehende Behausungen sind. Die meisten wollen in der Nähe des Sudans bleiben, sie drängen nach Hause, hoffen auf eine baldige Rückkehr und Frieden.

Der Großteil der Geflüchteten im Südsudan ist unter 18 Jahre alt, und hauptsächlich Kinder und Frauen. Männer gibt es weniger, wenn dann alte, die zu alt zum Kämpfen sind, oder vor dem Tod fliehen konnten. Vor allem die RSF verübten Massaker an der männlichen Bevölkerung.

Krieg am Körper der Frau

Zahlreiche Frauen und Kinder haben sexualisierte Gewalt erlebt: Misshandlungen und Vergewaltigungen sind Kriegsverbrechen und werden seit Beginn des Krieges nachweislich von allen Konfliktparteien verübt. Der Fall von Al-Faschir im Oktober 2025 war eine der bisher brutalsten und bekanntesten Eskalationen: Hunderte Zivilisten wurden getötet, Männer hingerichtet. Überlebende berichteten von Gruppenvergewaltigungen der RSF. Einem Bericht von Ärzte ohne Grenzen (MSF) zufolge suchten zwischen Jänner 2024 und November 2025 über 3.396 Überlebende sexualisierter Gewalt in Nord- und Süddarfur Hilfe in einem der von MSF unterstützten Gesundheitszentren. 97 Prozent davon waren Frauen und Mädchen. Zudem passiert sexualisierte Gewalt auch dort, wo nicht (mehr) unmittelbar gekämpft wird.

Ein vom IKRK finanziertes Rehabilitationszentrum in Juba im Südsudan.

Ein vom IKRK finanziertes Rehabilitationszentrum in Juba im Südsudan.

Es sind nicht nur die physischen und psychischen Narben, die nach sexualisierter Gewalt bleiben: "Ich habe mit Frauen gesprochen, die nach diesen Traumata von ihren Ehemännern und Familien verstoßen wurden", sagt Easter. Die Vergewaltigung der Frau ist zugleich eine Demütigung der Männer in der Bevölkerung, die Stigmatisierung ist tief in der Gesellschaft verankert. "Viele Frauen trauen sich nicht, darüber zu sprechen. Es wird immer als Schuld der Frau gesehen, wenn sowas passiert."

Budgetkürzung und Iran-Krieg erschweren Hilfe

Die globalen Budgetkürzungen für humanitäre Hilfe merken Helfer im Krieg im Sudan direkt: Die Hilfe in Yida hat das UN-Welternährungsprogramm (WFP) bereits einstellen müssen, auch die UN-geführten Camps kämpfen mit ihren Mitteln: Die Hilfe reiche für lediglich 20 Prozent der Geflüchteten, statt Essensverteilung gebe es Bargeld für die Geflüchteten, so Easter, sie müssten sich selbst um die Nahrungsbeschaffung kümmern. Doch auch im Südsudan ist die Inflation hoch, die Nachfrage größer als das Angebot.

"Mit knapp zwei US-Dollar", schildert Easter, "kann man sich etwa einen Sack Reis oder einen Sack Bohnen kaufen. Eine Frau erzählte mir, sie überlege dann, ob sich davon gestreckt drei Mahlzeiten für die sechsköpfige Familie ausgehen, oder ob sie mit jemandem teilt, der es noch dringender braucht als sie." Selbst die Ressourcen zur Aufpäppelung der Kinder im Gesundheitszentrum an der Grenze zum Sudan seien mittlerweile begrenzt: "Wenn viele gleichzeitig ankommen, müssen wir rationieren."

Auch der Krieg im Mittleren Osten verschärft die humanitären Krisen am afrikanischen Kontinent – Lieferketten sind unterbrochen, Energiepreise angestiegen, der Kerosinpreis ist explodiert. Das Gesundheitszentrum von Care in Jau wird aus der Luft beliefert.   

Im Juni läuft die Finanzierung dieses Zentrums aus, das Geld kommt vom deutschen Auswärtigen Amt – was danach passiert, ist noch immer unklar. Laut Care kostete das Projekt im Südsudan rund 2,65 Millionen Euro seit Projektbeginn im September 2024. "Viele fragen, was passiert, wenn das Projekt eingestellt wird? Die Antwort ist: Dann werden Menschen sterben", sagt Easter trocken. 

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