Russische Soldaten in Mariupol

© APA/AFP/ALEXANDER NEMENOV

Interview
04/21/2022

Russlands Krieg: "Sie würden über Ruinen herrschen"

Ein Gas- und Ölembargo würde die russische Kriegsmaschine nicht stoppen, meint Militärökonom Marcus Keupp. Russland kann trotz aller Sanktionen noch lange kämpfen – aber die Ukraine auch.

von Ingrid Steiner-Gashi

Acht Wochen Krieg, mehr als zehn Millionen Vertriebene in und aus der Ukraine, Tausende Tote, schwerste Menschenrechtsverbrechen  und kein Ende des russischen Angriffskrieges in Sicht. Warum sich die Kämpfe noch lange hinziehen dürften, die unterlegene Ukraine aber nicht notwendigerweise verlieren muss, erklärt der deutsche Militärökonom Marcus Keupp.

KURIER: Können die Sanktionen die russische Kriegsmaschine zumindest bremsen?

Marcus Keupp: Nein, denn beim Krieg in der Ukraine schauen wir in die Vergangenheit: Das ist eine einfache, mechanisierte Gefechtsführung, wie sie in den großen Konflikten des 20. Jahrhunderts vorkam. Dieser Konflikt wird mit technisch relativ einfachen Fahrzeugen geführt, die ohne westliche Technologie auskommen. Zudem kommen Fahrzeuge und Panzer zum Einsatz, die schon gebaut sind, zum Teil noch in der Sowjetunion. Diese militärische Seite der Kriegsführung ist also unabhängig vom Öl- und Gasgeschäft. Es gibt allerdings schon Auswirkungen auf die russische Rüstungsindustrie  bei den Hightech-Sektoren, etwa bei Kampfflugzeugen.

Russland verfügt also über ein riesiges Reservoir an Kampfmaterial, das so schnell nicht erschöpft sein wird?

Es gibt etwa 2.800 einsatzfähige Kampfpanzer westlich der Wolga  bisher hat Russland in diesem Konflikt 500 verloren. Zum Vergleich: Eine der größten Territorialarmeen in Westeuropa, also die französische, hat rund 400 Panzer. Darüber hinaus verfügt Russland über 16.000 Panzer in Reserve, die konventionellen Bestände sind riesig.

Und so lange sie diese haben, so lange kann der Krieg weitergehen, auch wenn die russische Gefechtsführung, was die Logistik angeht, wirklich inkompetent ist. Und so lange der Westen der Ukraine Waffen liefert, so lange kann der Krieg auch von der ukrainischen Seite weitergehen.

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Für das mögliche Kriegsziel, den Osten der Ukraine zu erobern, hat Russland also genügend Mittel?

Nur weil sie Material haben, heißt das noch lange nicht, dass sie die militärischen Fähigkeiten haben. Sie müssen auch in der Lage sein, die Logistik zu beherrschen, sonst bleibt ihnen das Gerät ohne Treibstoff einfach im Gelände stehen, so wie es in der ersten Phase des Krieges geschah, als die Russen versucht haben, auf Kiew vorzurücken.

Das ist der Grund, warum Russland jetzt erstmals einen Oberbefehlshaber, General Alexander Dwornikow, eingesetzt haben.

Was müsste die Ukraine in den Kampf werfen, um den Krieg letztlich doch nicht zu verlieren?

Sie muss den Krieg am Laufen halten, ihn nicht unbedingt gewinnen, aber sie muss Russland zwingen, immer mehr Material hineinzubringen und es dann abschießen. Deswegen muss sie mit Anti-Panzerwaffen ausgerüstet werden.

Je mehr ihr gelingt, dieses Gerät herauszunehmen, desto mehr wird Russland darüber nachdenken, ob es das wirklich wert ist. Wenn es noch lange so weitergeht, wird Russland gegen seinen Willen abgerüstet. Das ist das Kalkül, auf das die Ukraine setzt. Und so lange der Waffennachschub aus dem Westen läuft, kann die Ukraine das auch glaubwürdig vermitteln.

Der in Freiburg im Breisgau geborene studierte Betriebswirt leitet die Dozentur für Militärökonomie der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich. Der 45-Jährige ist Autor zahlreicher Bücher, seine Forschung dreht sich vor allem um Fragen der Versorgungssicherheit sowie um klassische militärökonomische Fragen. Sein zweites Standbein gilt der Kunst.

Die befürchtete Großoffensive im Osten der Ukraine hat ja soeben begonnen…

Die Schlacht im Donbass findet schon seit 2014 statt. Die ukrainische Armee steht dort in sehr gut befestigten Stellungen, sie kennt das Gelände und die Taktik der Russen. Russland steht dort, was die konventionelle Systeme angeht, absolut überlegen, und trotzdem schaffen sie es auch jetzt, am 54. Tage des Krieges nicht, wesentlich aus diesen Positionen herauszukommen.  Das sagt einiges über die Schwierigkeit der Russen aus. Von den taktischen 130 Bataillonen, die Russland in diesen Krieg eingebracht hat, sind jetzt nur noch 76 übrig, die restlichen sind ausgefallen oder sie werden jetzt neu zusammengebaut. Die Kräfte werden auf russischer Seite dünner.

Könnte ein Öl- und Gasembargo gegen Russland den Krieg beenden?

Nein, gar nicht. Das würde Russland nur kurzfristige Probleme im Staatsbudget bringen. Wenn etwa Deutschland, das etwa 20 Prozent der russischen Gasexporte abnimmt, boykottiert, dann könnte etwa die Türkei einkaufen. Gazprom ist ein Swing-Producer, kann also an Änderungen der Nachfrage anpassen. Das ist schon in der Pandemie passiert, da ging die Nachfrage nach unten, dann wird weniger produziert.

Wenn ein einzelnes Land boykottiert, kann also umgeleitet werden. Bei Not im Staatsbudget kann Russland auf seinen nationalen Wohlfahrtsfonds oder auf andere Töpfe des Staatsbudgets zurückgreifen. Das russische Verteidigungsbudget ist gar nicht so groß, wie manche meinen – es sind rund 4 Prozent seines Haushalts, also rund 60 Milliarden US-Dollar.

Wann wäre ein Embargo sinnvoll?

Ein Gas- und Ölembargo könnte nur etwas bringen, wenn sich ganz OECD-Europa zusammenschließen würde. Beim Gas wäre dies mehr als die Hälfte der russischen Gasexporte und beim Öl wäre es in etwa die Hälfte der russischen Ausfuhren. Das würde Russland schon weh tun.

Aber Europas Länder sind auf ganz unterschiedliche Weise abhängig von russischem Öl oder Gas und haben ganz unterschiedliche Möglichkeiten, das zu kompensieren. Wie wollen sie das kurzfristig ausfallende Gas und Öl ersetzen? Nehmen wir Österreich. Wenn man den Gastransit durch die Slowakei schliesst und dann in Baumgarten kein russisches Gas mehr reinkommt, dann hätte Österreich ein Problem.

Dann könnte theoretisch Österreich zur EU-Kommission gehen und die Solidaritätsklausel ausrufen lassen – und dann müssen andere Länder uns mitversorgen. Wenn man den Großteil des Erdgases aus Russland bezieht, darf man sich nicht wundern, dass man abhängig ist von einem Lieferanten.

Aber in Russland ist das genaue Gegenteil der Fall.

Russland hat seinen Export sehr gut diversifiziert, der größte Abnehmer beim Öl ist China, es kauft 30 Prozent des russischen Öls. Ein Boykott hier könnte Russland zum Nachdenken zwingen.

Im Gegenteil sollte man bei diesen derzeit emotional laufenden Diskussionen aufpassen, dass man sich nicht selber ins Knie schießt.  Es könnte dazu führen, dass man sagen muss: Unsere chemische Industrie ist kaputt und im Moment übernehmen die USA unser Geschäft, weil wir leider nicht ausreichend Öl und Gas haben.

Und die anderen Sanktionen, halten Sie diese für zielführend?

Sie bringen sehr viel. Seit 2014 und den ersten Sanktionen versucht Russland Ersatzteile und Technologie selber zu entwickeln, aber die russischen Kunden ziehen die westlichen Ersatzteile vor. So ganz hat das mit der Importsubstitution nicht funktioniert.

Und jetzt sieht man allmählich, wie die russische Wirtschaft beginnt abzustürzen – Probleme bei der Autoproduktion, bei den Landwirtschaftsmaschinen. Über 30.000 IT-Fachkräfte sind allein in den letzten vier Wochen emigriert.

Laut Schätzungen wird Russland allein heuer zwischen 10 und 15 Prozent seiner Wirtschaftskraft einbüßen und in den nächsten Jahren bestenfalls ein Nullwachstum hinlegen. Es ist eigentlich ökonomischer Selbstmord. Es ist die Abwicklung einer aufstrebenden Wirtschaft zurück zu einem Entwicklungsland.

Man sollte also jetzt einfach einmal die Sanktionen wirken lassen. Ihre langfristigen Wirkungen sind desaströs.

Halten Sie es für möglich, dass Russland die Ostukraine abspaltet?  Hätten wir dann einen Endlos-Konflikt?

Es ist theoretisch möglich und ich halte es für sehr realistisch. Russland muss aber erst noch den Beweis erbringen, dass es wirklich in der Lage ist, diesen Raum nicht nur zu erobern, sondern dann auch dauerhaft besetzt zu halten.

Nehmen wir an, es gelingt ihnen. Dann müssen wir zunächst die Frage stellen: Wird sich die Ukraine damit abfinden? Selbstverständlich nicht. Es wird sicher keinen Friedensvertrag in der Hinsicht geben, weil dafür müsste Moskau die Ukraine zwingen, dem zuzustimmen.

Und das könnte sie nur, wenn sie militärisch komplett unterworfen würde. Dafür hat aber Russland aber im Moment, so wie es mir scheint, nicht die Mittel.

Und das wahrscheinlichste Ergebnis?

Man wird den Konflikt einfrieren, es wird zu einer Art neuer deutschen Teilung kommen. Oder vielleicht eine Demarkationslinie wie in Korea.

Und dann muss man sich fragen: Was hat Russland erreicht? Was ist dann konkret vorhanden in diesen Gebieten? Weitestgehend zerbombte Landschaften und Städte, sie würden dann über Ruinen herrschen. Es gibt noch die ehemalige Kohleindustrie im Donbass. Die ist aber nicht mehr so bedeutend, wie sie es mal zu ihrer Zeit war.

Russland alimentiert seit 2014 diese Marionettenregime, also die sogenannten Separatisten-Gebiete mit jährlich rund 7 Milliarden US-Dollar pro Jahr: Wenn sie jetzt aber diesen ganzen Raum annektieren, der plötzlich drei Mal größer ist, von der Grenze bei Lugansk bis unten nach Russland, dann wird das ein teurer Spaß: Die Industrie und Verkehr-Struktur sind zerstört, Landwirtschaft findet nicht mehr statt. Was wollen sie da noch produzieren? Dann wäre es halt Teil des russischen Imperiums.

Und da könnte man noch ein paar weitere Volksrepubliken gründen und dann auch noch weitere Marionetten installieren. Aber was haben sie davon? Mir fehlt das Verständnis für diese Art von Kriegführung.

Darum fragt man sich: Was genau will Putin?

Das müssen Sie Putin fragen, denn der Krieg ist ökonomisch völlig unsinnig. Er ist übrigens auch militärisch dilettantisch: Wenn es Russlands Ziel war, den Westen zu spalten, hat er genau das Gegenteil erreicht. Ebenso, wenn es Russlands Ziel war, irgendwie die Ukraine zu neutralisieren.

Aber Sie können davon ausgehen, zumindest eine Rest-Ukraine wird als Staat erhalten bleiben. Und dieser Rest Ukraine wird sich bis an die Zähne bewaffnen. Russland wird kein friedlich neutrales Gebiet an seiner Grenze haben, sondern einen Feind auf Jahrzehnte.

Dazu kommt Russlands Isolation in der Weltwirtschaft hinzu. China sieht natürlich genau hin und sagt: Jetzt warten wir mal, bis die russische Wirtschaft so langsam zu kollabieren beginnt und dann kaufen wir billig alles auf.

Also ich glaube, gründlicher kann man ein Land nicht zugrunde richten als so, wie Putin es gerade macht.

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