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Analyse
09/09/2020

Moria: Erst Albtraum, jetzt Schutt und Asche

12.600 Menschen sind nach dem Brand im Flüchtlingslager obdachlos, nicht wenige sind froh über den Brand, denn Moria galt als „Drecksloch“. Was mit den Menschen geschieht, ist noch unklar.

von Armin Arbeiter

Sie brannten sofort lichterloh. Die ärmlichen Behausungen aus Plastikplanen und Holzpaletten. Der Wind, der mit 70 km/h durch das Flüchtlingslager Moria brauste, tat sein Übriges, fachte den Brand endgültig zur Feuersbrunst an. Moria – ursprünglich für 2.500 Menschen konzipiert und zuletzt Bleibe für 12.600 – liegt in Schutt und Asche. Wie der Brand entstehen konnte? Da kommt Vieles in Frage. Nachdem sich 35 Insassen in den vergangenen Tagen mit Covid infiziert hatten, hatten die Behörden das Lager unter Quarantäne gestellt.

Inwiefern das in den engen Zeltgassen sinnvoll war – darüber ließe sich streiten. Fakt ist: Bereits in der Vergangenheit hat es in Moria gebrannt, einige Flüchtlinge und Migranten waren darüber erfreut. Das Lager war für sie zur Sackgasse verkommen. Brandstiftung wurde angenommen.

„Ein Drecksloch“

Viele lebten bereits seit Jahren dort, zumeist ohne medizinische Versorgung. „Moria ist ein absolutes Drecksloch – das würde ich auch nicht bei mir zu Hause haben wollen“, sagte ein syrischer Flüchtling im März zum KURIER. Er wollte in die Türkei zurückkehren, da er es in Moria nicht mehr aushielt.

Auf Videos der Feuernacht sind Flüchtlinge zu sehen, die die Einsatzkräfte mit Steinwürfen am Löscheinsatz hindern, andere irrten verzweifelt durch die Nacht. Genauso gut könnte der Brand von Einwohnern der Insel Lesbos gelegt worden sein. Die Bevölkerung verliert seit Jahren – Wirtschaftskrise, Flüchtlingskrise, Corona-Krise – ihre Lebensgrundlage. Das einstige Touristenparadies verkommt zusehends.

Sollten die mehr als 12.000 Flüchtlinge und Migranten nach dem Brand umgesiedelt werden, sähe das der Großteil der Inselbewohner als Befreiung. Ob das passiert, ist vollkommen unklar.

Neue Aufnahmen

Bei all den Beteuerungen vonseiten der EU, das Problem zu lösen, hatte es jahrelang neben Lippenbekenntnissen und der Aufnahme einiger hundert Minderjähriger keine nachhaltigen Lösungsansätze gegeben. Immerhin: Seit März wurden Tausende Lagerbewohner in Lagern auf dem griechischen Festland untergebracht.

Im Laufe des Mittwochs erklärten sich einige EU-Länder abermals dazu bereit, Flüchtlinge und Migranten aufzunehmen. Dies dürfte das Problem allerdings nur für kurze Zeit aufschieben.

Faustpfand

Denn neben all dem menschlichen Leid ist die Flüchtlingsthematik spätestens seit Anfang März endgültig zu einem Kräftemessen zwischen der EU und dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan geworden. In der Türkei warten zwei Millionen Menschen darauf, nach Europa zu gelangen – und werden damit zum politischen Faustpfand Erdoğans, der mittlerweile auch einen großen Teil der mittleren Mittelmeerroute von Libyen aus kontrolliert.

Die Sorge, dass der türkische Präsident – nicht zuletzt wegen des brodelnden Gasstreits um Zypern – noch mehr Menschen in Boote Richtung Griechenland setzt, ist nicht unberechtigt. Am Mittwoch retteten griechische Behörden 151 Flüchtlinge und Migranten, die von der Türkei aus in See gestochen waren. Seit Anfang März haben 3.308 Griechenland auf dem Seeweg erreicht, im August waren es 456. Das ist weit entfernt von den Zahlen der vergangenen Jahre, doch wie rasch Erdoğan den Druck erhöhen kann, zeigte er im März.

Die Hoffnung, dass sich die EU auf eine gemeinsame Linie in der Flüchtlingspolitik einigt, ist illusorisch. Weder eine Verteilungsqoute innerhalb Europas, noch Asylzentren vor den Außengrenzen ließen sich bisher umsetzen.

Auch der „neue Pakt für Migration und Asyl“, den die EU-Kommission am 30. September vorstellen will, dürfte an der Situation nichts ändern. Zu hart sind die Fronten innerhalb der Union.

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