© Kurier/Juerg Christandl

Politik Ausland
03/07/2020

KURIER-Reporter: "So nahm ich die Ereignisse an der Grenze wahr"

Der KURIER schickte zwei Reporter in die Türkei und nach Griechenland, um Antworten zum angeblichen „Flüchtlingsansturm“ zu finden. Ihre Eindrücke.

von Armin Arbeiter, Jürg Christandl

„Ihr seid Journalisten? Ihr kommt nicht durch!“ Entschlossen weisen uns die fünf türkischen Polizisten an der Straße zum Grenzübergang Pazarkule ab. Es ist einer von zwei Übergängen, die von der Türkei nach Griechenland führen, und es ist der, an dem angeblich Zehntausende Flüchtlinge und Migranten nach Europa durchzubrechen versuchen. „Erdoğan hat die Tore geöffnet“, „Flüchtlingssturm“, „Neue Krise“ habe ich am Vortag in Agenturmeldungen und Medien gelesen.

Es war Samstag, Beginn des Wochenendes. Ursprünglich wollte ich mit meiner Freundin Möbel kaufen. Doch die Meldungen ließen mich nicht los. Will der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan bluffen? Schickt er tatsächlich Busse voller Menschen zur Grenze? Wie wird Griechenland reagieren? Ich wollte Antworten auf diese Fragen. Selbst sehen, was dort passiert.

Rasche Abreise

„Ich könnte jederzeit in die Türkei fahren – sollte das gewünscht sein“, schrieb ich in die Whatsapp-Gruppe der Redaktion. Keine fünf Minuten später läutete das Handy. Freigabe erteilt, ich solle den nächsten Flieger nach Istanbul nehmen. Für eine solche Aufgabe ist ein Fotograf dringend erforderlich – ich rief Jürg Christandl an, mit dem ich bereits in Hongkong ein Team gebildet hatte. Auch er war sofort bereit. Am frühen Abend schon saßen wir im Flugzeug nach Istanbul.

Es war vier Uhr Früh, als wir Edirne mit unserem Mietauto erreichten, halb fünf, als wir in unserem Hotel ins Bett fielen. Sechs Uhr, als wir aufstanden und zur Grenze fuhren. Wo uns jetzt die Polizei den Zutritt verweigert.

Noch haben wir ja Zeit, beruhigen wir uns. Nur im Umkreis Parakules reicht das türkische Staatsgebiet über die Mariza, ansonsten bildet der Fluss eine natürliche Grenze zwischen beiden Staaten.

Wir drehen um, fahren in Richtung Norden. Langsam dämmert der Morgen herauf. An der Straße erwachen vereinzelte Gruppen von Flüchtlingen und Migranten, manche haben sich bereits in Bewegung gesetzt, andere wärmen sich an Feuern. Es hat null Grad Celsius, Raureif bedeckt die Felder. Einige versuchen, zum Fluss zu gelangen, da dort angeblich Boote auf sie warten.

Wir beschließen, wieder zum Grenzübergang zu fahren, denn die Gruppe kommt nur langsam voran, und Zeit ist kostbar. Knapp vor den Polizisten parken wir das Fahrzeug in einem Hinterhof und umgehen die Beamten, die mittlerweile Journalisten zwar durchlassen, aber zu einem abgesperrten Bereich bringen, von wo aus sie kaum die Situation überblicken können. Wären wir dorthin gegangen, hätten wir gleich in Wien bleiben und den Fernseher einschalten können.

„Bei dir wird es schwierig, dich als Flüchtling auszugeben“, feixt Jürg, mit Blick auf meine blasse Haut. Ich ziehe die Kapuze meines Regenmantels tiefer ins Gesicht, er hat seine Kamera verstaut. Wir schließen uns einer Gruppe von Flüchtlingen und Migranten an. Nach wenigen Minuten sehen wir den Grenzübergang und das provisorische Lager der Menschen, die nach wie vor glauben, die Grenze würde sich bald öffnen. Von Soldaten und Polizisten ungesehen gelangen wir in die Zeltstadt.

Viele Familien sitzen an Lagerfeuern, trocknen ihre Kleider. Kinder spielen Fangen. 80.000 Menschen, wie Erdoğan und seine Regierungsmitglieder auf allen Medien verbreiten, sind das mit Sicherheit nicht. Kann es sein, dass der türkische Präsident solch dreiste Unwahrheiten verbreitet? Werden wir ferngehalten, auf dass nur türkische Staatsmedien berichten dürfen?

Eine Gratwanderung

Vielstimmiges Rufen reißt mich aus meinen Gedanken. Wir stehen wenige Meter vom Grenzübergang entfernt, wo sich Hunderte junge Männer vor der Stacheldrahtsperre der griechischen Grenze aufgestellt haben. „Die Stimmung ist angespannt“, werde ich später in meinem Artikel schreiben.

Es ist immer wieder eine Gratwanderung, über ein solches Thema zu berichten. Auf der Straße stehen junge Männer, die lautstark – später auch mit Steinwürfen – Einlass nach Griechenland begehren. Tränengas und Gummigeschosse werden bald wieder verschossen. Wenige Meter daneben kocht eine Mutter ihren Kindern Suppe.

Neben Flüchtlingen aus Syrien – die an diesem Grenzübergang in der Unterzahl sind – warten Migranten aus Bangladesch oder Pakistan. Ein Somali, der in Europa ein besseres Leben führen will, eine afghanische Familie, die vor einem Clankrieg flieht.

Jeder Europäer hat eine Meinung zur Migrationskrise. In diesem Lager fände ein jeder die Stereotypen, mit denen er seine Argumente untermauern könnte. Und ebensoviele, die seinen Standpunkt widerlegen könnten.

Jürg und ich arbeiten uns zur Absperrung vor. Mir gelingt es, ein Handyvideo zu machen. Jürg packt seine Kamera aus. Er hat keine drei Fotos geschossen, als ein Geheimpolizist in Zivil ihn am Arm packt und abführt. Ich folge den beiden und gebe mich auch als Journalist zu erkennen. „Wir lassen niemanden zurück“, haben wir einander zuvor geschworen. Eigentlich im Spaß. Jetzt wird es ernst.

Es bleibt bei einer freundlichen, aber bestimmten Verwarnung. Und es werden noch einige folgen. Wir werden zur Presseabsperrung geleitet, wo NGOs ihre Pressekonferenzen halten und kehren zum Auto zurück.

Wir fahren 120 Kilometer in den Süden, zum Grenzübergang von Ipsala. Vielleicht finden wir dort die Massen, die nach wie vor auf allen türkischen Kanälen beschrieben werden. Im Auto schreibe ich meinen ersten Artikel und sende ihn an die Redaktion. Keine 24 Stunden nach unserem Aufbruch aus Wien geht die erste Geschichte online.

In Ipsala angekommen erwartet uns eine große Überraschung: Flüchtlinge und Migranten steigen in Busse, die sie nach Istanbul zurückbringen sollen.

Eine Gruppe Soldaten treibt höflich, aber bestimmt etwa 100 Menschen vom Grenzzaun zur Straße, wo die ersten Busse warten.

Wir sprechen noch ein bisschen mit Polizisten, desillusionierten Flüchtlingen und Migranten, ehe wir den Grenzfluss entlang wieder nach Edirne fahren. Das eine oder andere Boot ist auf Sandbänken festgebunden, viel mehr bekommen wir nicht zu sehen. Am nächsten Tag werden wir früh von den Polizisten bei Pazarkule erkannt – und auf einen Militärstützpunkt gebracht, wo uns ein Oberst deutlich macht, dass seine Geduld ein Ende kennt.

Falsche Hoffnungen

Wir beschließen, noch einmal nach Ipsala zu fahren, doch das türkische Militär nimmt uns wegen eines Kommunikationsproblems wenig später fest. Erst nach neun Stunden werden wir wieder in die Freiheit entlassen. Der Tag ist gelaufen, und morgen geht es weiter nach Lesbos. Dennoch habe ich die Antworten auf meine Fragen gefunden: Erdoğan hat tatsächlich geblufft, hat in den Migranten und Flüchtlingen falsche Hoffnungen geweckt.

Falsche Hoffnungen haben sie auch auf Lesbos, wo sie im Lager Moria unter ärmlichsten Umständen hausen. Es ist unmöglich, durch dieses Lager zu gehen und kein Mitgefühl zu verspüren.

Gleichzeitig sind die Sorgen der griechischen Bewohner nachvollziehbar: Eine ehemalige Touristeninsel, die Jahr für Jahr ihren alten Wohlstand verliert und die wegen gewalttätiger „Vollidioten“ – so nennen sie die Einwohner – noch weiter in düsteren Schlagzeilen versinkt. Eine Situation, von der derzeit weder die Griechen, noch die Türkei, noch Flüchtlinge und Migranten profitieren.

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