Krieg im Iran: Dramatisch für die Türkei, profitabel für Erdoğan
Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan (links) und der iranische Präsident Ebrahim Raisi nehmen am 24. Januar 2024 an einer gemeinsamen Pressekonferenz in Ankara teil.
"Eine aus dem Iran abgefeuerte ballistische Munition, die nach dem Durchqueren des irakischen und syrischen Luftraums auf dem Weg in den türkischen Luftraum entdeckt wurde, wurde rechtzeitig von NATO-Luft- und Raketenabwehrsystemen im östlichen Mittelmeer abgefangen und neutralisiert." Man appelliere "an alle Parteien, jegliche Handlungen zu unterlassen, die den Konflikt in der Region weiter anheizen würden", gab sich das türkische Verteidigungsministerium in einer Stellungnahme diplomatisch. Die Trümmer der Abfangrakete sollen in der südtürkischen Provinz Hatay nieder gegangen sein. Opfer gab es keine.
Es war der erste Angriff des Irans auf die Türkei seit Kriegsbeginn am vergangenen Wochenende. Dass Ankara bisher im Gegensatz zu den Golfstaaten von Angriffen verschon geblieben ist, obwohl die US-Luftwaffe an zwei türkischen Stützpunkten stationiert ist, liegt auch an ihrer NATO-Mitgliedschaft und der Artikel-5-Beistandsklausel – der Krieg würde dann komplett ausarten. Der Iran weiß das eigentlich, und Recep Tayyip Erdoğan auch: Er hat bisher die türkischen Militärstützpunkte nicht für Angriffe der USA freigegeben, wurde anders als Spanien von Trump nicht dafür gerügt. Hinter den Kulissen bemüht sich die Türkei um eine Eindämmung der militärischen Konfrontation mit ungewissem Ausgang.
Pragmatische Rivalen
Noch am Wochenende betrauerte der türkische Staatschef den Tod des Obersten Führers Ali Khamenei: "Ich bedauere den Tod des geschätzten Chameneis […] und spreche dem brüderlichen Volk des Irans mein Beileid aus", schrieb der türkische Präsident auf X. Die Angriffe seien eine "Provokation der zionistischen Lobby", so Erdoğan in gewohnter Anti-Israel-Rhetorik.
Dabei: "Brüder" waren Khamenei und Erdoğan allein wegen ihrer unterschiedlichen Glaubensrichtungen – schiitisch und sunnitisch – nie, ihr Verhältnis ein prekäres, pragmatisches. Beim Krieg in Syrien standen sie auf unterschiedlichen Seiten, der Iran hat die in der Türkei als kurdische Terrororganisation eingestufte PKK unterstützt; beide buhlen um Einfluss in der muslimischen Welt. Erdoğans politischer Ziehvater, der Islamist Necmettin Erbakan, stand dem iranischen Mullah-Regime weitaus näher, als es Erdoğan und vor allem türkische Nationalisten heute tun.
Von den jüngsten geopolitischen Entwicklungen profitierte vor allem Erdoğan: Der neue Machthaber in Syrien, Ahmed al-Sharaa, kämpfte schon als islamistischer Kämpfer mit Rückendeckung der Türkei; mit der PKK wurde Frieden und deren Auflösung beschlossen. Mit Trump im Weißen Haus versteht sich Erdoğan besser als mit dessen Vorgängern. Aufgrund seiner ideologischen Nähe zu Bewegungen wie der Muslimbruderschaft hat Ankara breite Unterstützung in der arabischen Welt gefunden. Mit der Herstellung und Lieferung von Drohnen und anderen Waffensystemen in nord- und ostafrikanische Länder hat die Türkei zuletzt neue sicherheitspolitische Kooperationen ausgebaut. Und auch mit Israel, obwohl rhetorisch als großer Feind dargestellt, hat die Türkei auch während des Krieges in Gaza durchgehend die Handelsbeziehungen aufrechtgehalten.
Die Türkei und der Iran teilen eine rund 530 Kilometer lange Grenze. In der Türkei leben rund 74.000 Iraner mit Aufenthaltsgenehmigung und etwa 5.000 Flüchtlinge. Nach wie vor beherbergt die Türkei einige Millionen Flüchtlinge aus Syrien.
Doppelbotschaften
Der Krieg ordnet bereits jetzt das Kräfteverhältnis im Mittleren Osten neu, und die Türkei positioniert sich bereits. Gönül Tol, Türkeiexpertin vom Middle East Institute, betont den Pragmatismus Erdoğans und glaubt, dass die Türkei bei einer Schwächung des Irans künftig noch selbstbewusster agieren werde – allerdings nicht "ideologisch revolutionär" wie der Iran.
Andererseits drohen kurzfristig dramatische Konsequenzen: Die Türkei bezieht rund 15 Prozent ihrer Gas-Importe aus dem Iran, hat zuletzt trotz Sanktionen auch wieder Öl aus dem Iran importiert, die Knappheit könnte die Inflationsrate (im Vorjahr 35 Prozent) und die Unzufriedenheit der Bevölkerung anheizen. Sollte der Ölpreis auf 100 US-Dollar ansteigen, bedeute das eine drei bis 3,5 Prozentpunkte höhere Inflation, so erste Analyse. Ein instabiler Iran als Nachbar schreckt auch Investitionen ab, genauso wie eine drohende Flüchtlingswelle. Sollte es wirklich zu einem Bürgerkrieg im Iran kommen, könnten der Türkei auch Angriffe kurdischer autonomer Gruppen im eigenen Staatsgebiet drohen.
Die Türkei setzt wie so oft auf Dualität, auch mit dem Hintergedanken, mit dem nächsten in Teheran sitzenden Regime zurechtkommen zu müssen: Erdoğan gibt sich pro-iranisch, pro-islamisch, nicht zuletzt aufgrund der Solidarität der türkischen Bevölkerung mit den Palästinensern. Sein Außenminister Hakan Fidan schlägt im Fernsehen pragmatischere Töne vor allem gegenüber den Amerikanern an: Die USA standen aufgrund der militärischen Aufrüstung unter Zeitdruck, die Iraner erkannten den Druck auf Trump, eine schnelle Entscheidung zu treffen, nicht, hätten mit einigen schnellen Kompromissen Trump helfen können, dem israelischen Druck standzuhalten. Fidan kritisierte auch die Angriffe des Irans auf die Energieinfrastruktur der Golfstaaten: Eine fehlerhafte Taktik, die signalisiere: Wenn ich untergehe, reiße ich die ganze Region mit mir.
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