UK supermarkets stuggle with staff shortages due to so called 'pingdemic'

© EPA / ANDY RAIN

Politik Ausland
07/23/2021

In Großbritannien wird die Corona-Pandemie zum Quarantäne-Problem

Medien riefen die "Pingdemie" aus. 1,7 Millionen Menschen sind in Quarantäne, viele Wirtschaftssektoren leiden. Die Regierung will auf tägliche Tests statt Quarantäne umsteigen.

von Karoline Krause-Sandner

Leere Supermarktregale ließen britische Medien eine "Pingdemie" ausrufen. Weil aufgrund der steigenden Coronazahlen Hunderttausende Menschen in Großbritannien von der nationalen Stopp-Corona-App "angepingt" und dazu aufgefordert werden, sich in Quarantäne zu begeben, können etliche Angestellte nicht in die Arbeit kommen. Vor allem in verschiedenen Bereichen des Lebensmittelsektors kam es wegen der Corona-Warnungen zu Engpässen - eben auch zu leeren Regalen in Supermärkten.

Die britische Regierung will jetzt zumindest für Mitarbeiter in diesem Sektor von Quarantäne auf tägliche Tests umstellen, um die Branche am Laufen zu halten. Mit einem negativen Testergebnis könnten Angestellte weiterarbeiten, auch wenn sie vorher von einer App-Warnung aufgefordert wurden, sich in Quarantäne zu begeben.

Dafür sollen in den kommenden Tagen in den größten Supermarkt-Verteilerzentren vorrangige Teststandorte eingerichtet werden, nächste Woche sollen bis zu 500 Standorte hinzukommen, berichtet Reuters. "Wir tun alles, um Übertragungsketten zu unterbrechen", sagte Gesundheitsminister Sajid Javid, der kürzlich selbst gemeldet hatte, trotz Impfung Corona-positiv zu sein. "In diesem lebenswichtigen Sektor werden tägliche Tests dazu beitragen, die durch steigende Fälle verursachten Störungen zu minimieren und gleichzeitig sicherzustellen, dass Arbeitnehmer nicht gefährdet werden."

Neue Quarantänebestimmungen

Die "Pingdemie" hat aber auch eine grundsätzliche Debatte in Großbritannien darüber ausgelöst, ob vollständig Geimpfte der Pflichtquarantäne entgehen können und sich stattdessen täglich testen dürfen. Ab Mitte August soll diese Regelung gelten. Bisher gelten Ausnahmen nur für Teilnehmerinnen und Teilnehmer eines Pilotprojektes oder etwa für Beschäftigte des Gesundheitsdienstes. Viele Branchen, darunter der Einzelhandelsverband British Retail Consortium sowie die Fleischindustrie, fordern weitere Ausnahmen für ihre Beschäftigten.

Warnung vor Hamsterkäufen

Die Bilder aus den Supermärkten sorgen für Aufsehen. Viele beliebte Produkte sind teils nicht erhältlich. Mehrere Supermarktketten entschuldigten sich am Donnerstag für die leeren Regale. Der Chef der Kette Iceland, Richard Walker, warnte vor Hamsterkäufen. Es gebe genug Waren, versicherte er. Woran es fehle, seien Mitarbeiter.

Denn in Großbritannien hat sich die Corona-Pandemie in eine "Pingdemie" verwandelt: Weil viele Menschen bereits geimpft sind, und seit 19. Juli das öffentliche Leben so gut wie "normal" stattfinden kann, steigen die Corona-Zahlen, die Hospitalisierungen bleiben verhältnismäßig niedrig - doch Hunderttausende werden aufgrund von Kontakten zu Infizierten in Quarantäne geschickt. Geschätzt müssen sich rund 1,7 Millionen Briten derzeit selbst isolieren, weil sie an Covid-19 erkrankt sind oder Kontakt zu Infizierten hatten.

Fürs Lammkotelett wird es eng

Nicht nur in den Supermärkten macht sich das Fehlen von Arbeitskräften bemerkbar. Vor allem die hohe Zahl der Arbeiter, die sich selbst isolieren müssen, trifft zunehmend die Wirtschaft. Nach Angaben des Verbands der Fleischproduzenten wurde fast jeder zehnte der 97.000 Beschäftigten von der Corona-Warn-App zur Selbstisolation aufgefordert. An manchen Stellen musste die Produktion heruntergefahren werden, betroffen ist etwa die Herstellung von Lammkoteletts.

Auch Autobauer warnten vor Folgen für ihre Produktion. Der Präsident des Industrieverbands CBI, Karan Bilimoria, nannte die Zahlen einen echten Schock für die Wirtschaft. "Der Personalmangel ist in allen Branchen und in allen Unternehmensbereichen akut zu spüren, insbesondere im Gastgewerbe und in der Freizeitindustrie."

Die Quarantäne bereitet aber auch dem öffentlichen Dienst Schwierigkeiten. Die BBC etwa berichtete, dass teilweise Mistkübel nicht geleert werden. Auch die Polizei warnte vor längeren Wartezeiten, da viele Kräfte fehlten. Einige Tankstellen bleiben geschlossen.

Angesichts weiterhin steigender Infektionszahlen und der Aufhebung fast aller Corona-Maßnahmen in England dürfte sich dieses Problem auch noch weiter verschärfen. Die hochansteckende Delta-Variante lässt die Corona-Zahlen trotz hoher Impfquote im Vereinigten Königreich weiter ansteigen. Die Sieben-Tage-Inzidenz pro 100.000 Einwohner lag zuletzt bei 472 (Stand: 16. Juli).

In den nächsten Monaten rechnet man in Großbritannien mit noch viel höheren Infektionszahlen - bis zu 100.000 heißt es in Medienberichten.

Sorge vor Bildungsverlust

Doch nicht nur in der Versorgung und im öffentlichen Dienst sorgen die Quarantänebestimmungen für Kopfzerbrechen. Schulen gingen wegen Lehrermangels teilweise schon früher in die Sommerferien. Bei Schülern und Studenten fürchtet man ein weiteres Jahr mit vielen Fehlstunden. Deshalb sind ab dem 16. August unter 18-Jährige von der zehntägigen Quarantäne befreit, wenn sie Kontakt mit einer infizierten Person hatten. Sie sollen dann PCR-Tests durchführen. Nur wer positiv ist, muss in Quarantäne.

Ob für Studenten an Hochschulen ebenfalls tägliche Tests eingeführt werden, statt der Quarantäne beim möglichen Kontakt zu einer Infizierten Person, steht noch zur Debatte. Der britische Guardian zitiert dazu Wissenschaftler, wonach tägliche Tests bei Schülern und Studenten ebenso effektiv wie Quarantäne seien. Die Forscher an der Universität Oxford haben die beiden Ansätze zwischen April und Juni dieses Jahres an 201 Colleges verglichen. Tägliche Tests schienen symptomatische Infektionen in den Schulen geringfügig zu reduzieren, sorgten aber gleichzeitig dafür, dass die Studierenden nicht so viele Stunden verpassen.

Auch Brexit-Folge?

Für leere Supermarktregale scheint indessen nicht nur die Pandemie verantwortlich zu sein, sondern auch der Brexit und die derzeit große Hitze in Großbritannien, wie Branchen-Experte Bryan Roberts von Shopfloor Insights der BBC am Donnerstag erklärte. Verbände schätzen, dass dem Vereinigten Königreich bis zu 100.000 Lkw-Fahrer fehlen - ein Job, den bisher viele Osteuropäer gemacht haben.

Seit dem Brexit benötigen EU-Bürger, die in Großbritannien arbeiten wollen, jedoch teure Arbeitsvisa. Frischware wie Obst und Gemüse importiert Großbritannien zu großen Teilen aus der EU. Hinzu kämen die hohen Temperaturen von mehr als 30 Grad in dieser Woche, die zum Ausfall von Kühlregalen führten, so der Experte weiter.

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