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Politik Ausland
01/27/2021

Astra Zeneca - EU: Keine Lösung nach nächtlichem Krisengespräch

Der britisch-schwedische Pharmakonzern will an den Lieferengpässen für die versprochenen Dosen nicht schuld sein. Die EU-Kommission ist empört und sucht nach Ersatz.

von Ingrid Steiner-Gashi

Sie waren wie ein Brandbeschleuniger im schwelenden Streit zwischen der EU und dem Impfstoffhersteller Astra Zeneca – die Aussagen von Pascal Soriot, Chef des britisch-schwedischen Pharmariesen. Der Franzose hatte in einem Interview behauptet, Astra Zeneca habe in den Verträgen mit der EU festgelegt: Man werde sich „im besten Sinne“ bemühen, zeitgerecht die von Brüssel bestellten Dosen zu liefern.

Mehr hat es in der angespannten Stimmung zwischen der EU-Kommission und dem Konzern, auf dem die großen Impfstoff-Hoffnungen der Europäer ruhen, nicht gebraucht: Astra Zeneca war überhaupt das erste Impfstoff-Unternehmen, mit dem die EU im August 2020 einen Vertrag abgeschlossen hatte. Drei Monate später als Großbritannien, sagte Astra-Chef Soriot, und jetzt hätten eben die Briten Vorrang.

„Verträge sind einzuhalten“, hallte es hingegen grimmig aus Brüssel zurück. Und die lauten aus der Perspektive Brüssels ganz anders und ganz konkret: 80 Millionen Dosen muss Astra Zeneca laut Vertrag im ersten Quartal an die EU-Staaten liefern. Und nicht nur „im besten Sinne“ magere 30 Millionen, wie das Unternehmen nun wegen vermeintlicher „Produktionsschwierigkeiten“ anbietet.

Wie sehr man einander im hitzigen Streit nun missversteht, bewies die Verwirrung um ein für Mittwoch Abend angesetztes virtuelles Krisentreffen: Astra Zeneca winkte erst ab und löste damit in Brüssel einen Sturm der Entrüstung aus. Später legte der Chef des Unternehmens doch noch eine Kehrtwende hin und war dann höchstpersönlich dabei.

Astrazeneca teilte mit, es habe ein "konstruktives und offenes Gespräch" über die Komplexität der Erhöhung bei der Impfstoff-Produktion und die Schwierigkeiten stattgefunden. Das Unternehmen habe eine noch engere Zusammenarbeit zugesagt, "um gemeinsam einen Weg für die Auslieferung unseres Impfstoffs in den kommenden Monaten aufzuzeichnen".

Zu einem wirklichen Ergebnis kam man nicht.

Britische Werke

Der Konflikt tobt weiter. Noch immer hat die Kommission keine klaren Antworten, warum genau die Firma plötzlich nicht wie versprochen liefern kann. Großbritannien werde doch weiterhin unbehelligt beliefert.

Die Kommission forderte das Unternehhmen dazu auf, die EU mit mehr Dosen seines Vakzins aus Werken aus Großbritannien zu versorgen. „Britische Werke sind Teil unseres Kaufvertrages und deshalb müssen sie liefern“, sagte EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides.

Das aber sorgt wiederum im Vereinigten Königreich für Aufregung. Medien wettern gegen den "Impfnationalismus" in der EU.

Einen üppigen Vorschuss, nämlich 336 Millionen Euro, hat das Unternehmen dafür erhalten, dass es noch vor der offiziellen Zulassung durch die EU-Arzneimittelagentur große Mengen produzieren und sofort liefern kann. „Mit öffentlichen Geldern haben wir dieses Risiko finanziert. Wir müssen deswegen wissen, was passiert ist“, sagt eine EU-Beamtin.

Nun steht Aussage gegen Aussage. Die einzige Lösung: den Vertrag zwischen EU und Astra Zeneca offenlegen. Das will mittlerweile auch die Kommission.

Die Stimmung bleibt vorerst schlecht, aber Lösungen müssen dringend gefunden werden. Wie können die nun fehlenden Zig-Millionen Impfdosen ersetzt werden?

Neuer Hoffnungsträger

Die EU poltert weiter, sieht sich aber bereits nach Neuem um. Impfdosen könnten teils vom französischen Pharma-Konzern Sanofi kommen: Er will sein Werk in Frankfurt dafür nutzen, von Juli bis Jahresende 125 Millionen Dosen des Biontech/Pfizer-Impfstoffes herzustellen.

Zum Hoffnungsträger im europäischen Impfprogramm aber könnte nun statt Astra Zeneca der US-Pharmariese Johnson & Johnson werden.

Der Konzern hat die finale Phase seines Testprogramms abgeschlossen, die Daten dürften nächste Woche vorliegen. Noch im Februar will Johnson & Johnson bei der EU-Arzneimittelagentur EMA um Zulassung ansuchen. Eine Bewilligung im ersten Quartal scheint möglich.

Es wäre der vierte Corona-Impfstoff in der EU – und einer mit riesigen Vorteilen: Er benötigt nur eine Dosis für umfassenden Schutz. Er ist leichter zu verarbeiten, zu lagern und zu transportieren als das Mittel von Biontech/Pfizer. Und er wurde zudem in großen Mengen von der EU-Kommission geordert – 400 Millionen Dosen.

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