Afrika - wie hier Simbabwe - bekommt vor allem aus China Covid-Impfstoff

© EPA/AARON UFUMELI

Politik Ausland
03/30/2021

Corona-Impfstoff - die mächtige Droge geopolitischer Taktiker

China und Russland zeigen mit ihren Vakzinen Selbstbewusstsein und Großzügigkeit. Auch Österreich könnte bald in den Genuss kommen.

von Ulrike Botzenhart

Chinas Führungsspitzen gelten seit jeher als große Strategen, deren Perspektive über Jahrzehnte hinaus reicht. Das hat die KP-Führung beim schier unaufhaltsamen Aufstieg zur wirtschaftlichen und militärischen Supermacht bewiesen. Respekt ringt einem auch die strategische Meisterleistung der „Neuen Seidenstraße“ ab. Mit diesem riesigen Infrastrukturprojekt pusht das Reich der Mitte die eigene Wirtschaft und gewinnt gekonnt Einfluss in allen Ländern, die Teil des Netzwerks bis nach Europa und Afrika sind.

Was nicht so präsent ist: Ein fixer Bestandteil von Pekings Megaprojekt ist seit Jahren auch die „Gesundheitsseidenstraße“. Diese Kooperation mit Seidenstraßen-Partnerstaaten umfasst Ausbildungsprogramme für medizinisches Personal, Kapazitätsaufbau für den Fall von Krisen der öffentlichen Gesundheit, medizinische Krisensoforthilfe, die kostenlose Behandlungen im Ausland durch chinesische Ärzte sowie die Förderung der traditionellen chinesischen Medizin.

„Peking zielte damit von Anbeginn an auf die Kooperation bei der Prävention und Eindämmung von Epidemien. Ein wirklich vorausschauendes, umsichtiges und zielgerichtetes Programm“, zollt Walter Feichtinger, Präsident des Centers für Strategische Analysen, Chinas Planern Anerkennung.

Immun zur Supermacht

China verfügt auch über drei eigene Corona-Impfstoffe, mit denen die KP-Führung laut Feichtinger drei strategische Ziele verfolgt: „Erstens, die eigene Gesellschaft immunisieren, um die weitere Entwicklung nicht zu gefährden – mit dem Ziel, bis 2049 wie geplant stärkste Weltmacht zu sein. Zweitens, den Image-Schaden reparieren, der durch das in Wuhan erstmals aufgetretene und zu lange verschwiegene Virus entstand, das Ex-Präsident Trump als ‚China-Virus‘ brandmarkte. Der Umgang mit den Experten der WHO ist ebenfalls noch in schlechter Erinnerung. Drittens, weltweit in den belieferten Ländern Leid zu verringern und damit die Bande und Loyalitäten zu festigen.“

So habe China bis 1. März bereits 46 Millionen Impfdosen exportiert. Dem stehen rund 51 Millionen Impfungen gegenüber, die nach Informationen der Oxford-Datenplattform „Our World in Data“ bis zu dem Zeitpunkt in China erfolgt sein sollen. Beides schreitet demnach weiter flott voran. Dank der Seidenstraßen-Logistik mit ihren Verteilungspunkten, Netzwerken und Kommunikationsachsen liefert China nicht nur in Staaten in Zentral- und Südostasien, sondern auch nach Europa (wie Ungarn oder Serbien) und Lateinamerika.

Peking versorgt Afrika bis in die entlegensten Regionen, wo sonst wohl nie Impfstoff hinkäme, über seinen Umschlagplatz in Addis Abeba. „China beweist damit seinen Willen und die Fähigkeit, global wirksam zu sein – und seine strategische Weitsicht“, ist der erfahrene Militärstratege durchaus beeindruckt.

Dank über Generationen

Impfstoffe könnten als neue „geopolitische Droge“ bezeichnet werden, sagt Feichtinger. „China verkauft nicht nur den Impfstoff, sondern verschenkt ihn auch oder vergibt dafür eigens Kredite an Staaten. „Es bleibt aber geheim, was mit diesen Lieferungen alles verbunden ist – im wirtschaftlichen Bereich, im politischen oder gesellschaftlichen Bereich.“Aber egal, welche Konditionen damit verbunden sein mögen: „China schickt ein wichtiges Signal. Es sieht sich als moralische Führungskraft und tritt als Retter in der Not auf. Das wird im kollektiven Gedächtnis der Länder, die mit chinesischem Impfstoff versorgt werden, bleiben – und Dankbarkeit und Loyalität bewirken. Die Erzählung vom Helfer in der Not kann über Generationen Früchte tragen.“

Indien hingegen, das sich zu Recht als größte Apotheke der Welt bezeichnet und über mehrere eigene Corona-Impfstoffe verfügt, versucht, in seinen Nachbarstaaten Chinas Einfluss zurückzudrängen oder zumindest Paroli zu bieten. Indien produziert mehr Impfserum, als es derzeit selbst verimpft, und hat bis Anfang März 3,2 Millionen Dosen gleich verschenkt. Nutznießer sind Nepal, Bangladesch, Sir Lanka oder Myanmar – Staaten, die China auf der Liste hat.

Seine Großzügigkeit kann sich China auch dank der sehr niedrigen Infektionszahlen leisten – als Folge des autoritären Regimes, das mit Härte, Konsequenz und Überwachung auf jeden Corona-Ausbruch im 1,4 Milliarden Menschen zählenden Land regiert. In einer Demokratie undenkbar.

Dementsprechend konträr ist die Lage der Supermacht, mit der sich China im globalen Wettstreit misst: Die USA verzeichneten bereits an die 550.000 Covid-Opfer – in absoluten Zahlen die meisten Todesopfer weltweit. Seit dem Amtsantritt von Joe Biden verbessert sich die Lage kontinuierlich, da die Zeit des Runterspielens der Gefahr vorbei ist und vor allem auf Hochtouren geimpft wird. Bis Ende Mai, so Bidens Plan, soll für alle 260 Millionen Erwachsenen im Land genügend Impfserum vorhanden sein. Washington verhängte ein Ausfuhrverbot für Corona-Vakzine. Vorerst gilt in den USA weiter: America first.

Als allererster Staat jubelte aber Russland, das im globalen Machtkampf längst von den USA und China abgehängt wurde, über einen erfolgreichen Corona-Impfstoff: „Sputnik V“, wie das Serum in Reminiszenz an den ersten Satelliten, der je ins Weltall geschossen wurde (1957 von der UdSSR), heißt, ist Balsam für die wunde russische Seele. Feichtinger: „Mit dem Impfstoff konnten die Russen beweisen, dass sie wissenschaftlich noch immer in der absoluten Topliga mitspielen – so wie auch im technologischen Bereich wie der Raumfahrt und Rüstung.“

Österreich hofft auf Sputnik V

Geht es nach der österreichischen Bundesregierung, soll Sputnik V möglichst rasch auch in Österreich verimpft werden. Laut einer Aussendung vom vergangenen Dienstag bietet Russland eine Millionen Impfdosen an. Die EU-Arzneimittelbehörde (EMA) hat derweil ein sogenanntes rollierendes Verfahren zur Zulassung gestartet, um den Prozess zu beschleunigen.

Moskau hat mittlerweile drei Corona-Impfstoffe und beliefert nicht nur Mittel- und Südamerika – den „Hinterhof der USA“ – sondern auch Verbündete im Nahen Osten und in Europa (etwa Ungarn oder Serbien). Sputnik V wird in 56 Staaten verimpft, in der EU gibt es noch keine Zulassung.

„Nach der Causa Nawalny, Giftanschlägen, der Annexion der Krim und dem Krieg in der Ostukraine ist das aus Sicht des Kreml eine sehr gute Möglichkeit für eine Image-Politur“, erklärt Feichtinger und verweist auch auf „zarte Signale“ einer Öffnung Moskaus in Richtung Westen: „Russland hat angeboten, im Kampf gegen die Pandemie mit den USA und anderen westlichen Staaten zusammenzuarbeiten – quasi als Analogie zum Zweiten Weltkrieg, als man gemeinsam gegen Hitler-Deutschland gekämpft hat.“ Aus wissenschaftlicher Perspektive könnte das interessant werden, da Experten davon ausgehen, dass die Kombination verschiedener Impfstoffe bessere Ergebnisse bringen kann.

Uneinigkeit in der EU

Ob daraus etwas wird, bleibt abzuwarten. Derzeit hat Sputnik V eher das Potenzial für Streit in der EU. Ungarn verimpft das Vakzin längst. Länder in größter Not wie Tschechien und die Slowakei liebäugeln damit. Parallel ringen die Europäer um die Verteilung der in der EU zugelassenen Vakzine von Biontech/Pfizer, Astra Zeneca, Moderna und Johnson & Johnson. Die stockenden Impfstofflieferungen reichen bei weitem nicht für den enormen Bedarf aus. Lieferungen ins Ausland? Das gibt es vonseiten der EU nur in Richtung Westbalkan, wo allerdings auch Russland und China mitmischen.

„Die EU ist wieder einmal ein Payer, kein Player“, spitzt es Feichtinger zu. Aber wenigstens das. Die EU zahlt in den Topf der WHO-Initiative Covax ein, mit dem die UNO-Staaten erreichen wollen, dass auch für ärmere Länder Impfstoff gekauft werden kann. Noch klafft allerdings eine Finanzierungslücke von 20 Milliarden Euro.

Westliche Egoisten

„Das Bild vom egoistischen Westen und warmherzigen China wird sich bei vielen einprägen. Natürlich ist das Verschenken heiß begehrter Impfdosen ein Balanceakt für jede Regierung, aber ein vertretbares Maß sollte sich finden lassen – alleine wegen der geopolitischen Nebenwirkungen. Da können die ‚reichen Länder‘ noch was lernen – obwohl: Sie können es ja, sie machen es derzeit nur nicht“, resümiert der Stratege.

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