Olive Uwamariya von CARE Ruanda

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Politik | Ausland
04/05/2019

Frauenrechte in Afrika: "Schöne Politik ist nicht die Praxis"

Die kämpferische CARE-Mitarbeiterin Olive Uwamariya über sture Männer und das vermeintliche Gleichstellungs-Musterland Ruanda.

Eine besonders energische Kämpferin für Frauenrechte in Afrika  ist Olive Uwamariya, die in ihrer Heimat  Ruanda für die Hilfsorganisation CARE tätig ist. Der KURIER traf die 34-Jährige vor kurzem zu einem Interview.

KURIER: Feminismus und Afrika - wie passt das zusammen?

Olive Uwamariya: Viele afrikanische Länder sind immer noch sehr patriarchal. Männer okkupieren die Öffentlichkeit, haben einen höheren Status. Frauen dominieren die informelle Wirtschaft, halten die Familien zusammen, machen unbezahlte Arbeit wie Altenpflege. In Umfragen trauen die meisten Ruander einer Frau dennoch nicht zu, zu führen.

Viele afrikanische Länder sind zwar säkular, es gibt aber moralische und religiöse Autoritäten, wie die Kirche, die sagen, was Mädchen und Frauen dürfen. Frauen haben gelernt, dass Männer für sie sprechen. Wenn wir Probleme wie Armut oder Gewalt bekämpfen wollen, müssen wir sie aber an den Tisch holen. Ich bin der Meinung: eine Frau auszubilden, bringt bessere Resultate.

Ruandas Präsident Kagame regiert zwar autoritär, seine Regierung scheint Frauen aber zu fördern. 

Die schöne Politik ist nicht die Praxis. Wir haben ein Quotensystem, mindestens 30 Prozent der Stellen in der Verwaltung müssen mit Frauen besetzt sein. Es gibt auch viele gute Gesetze z.B. gegen häusliche Gewalt. Töchter haben auch denselben Anspruch auf geerbtes Land wie Söhne.

Man findet aber nicht viele Frauen, die das einfordern. Und wenn sie es tun, entscheidet der Ehemann, was mit den Erträgen der Felder passiert.

Gibt es unter den Männern die Bereitschaft, etwas zu ändern?

Bei Förderprogrammen muss man Frauen und Männern einbinden: Die meisten NGOs, für die ich bisher gearbeitet habe, haben nur mit Frauen gearbeitet. Jetzt realisieren sie, dass Männer sich in diesem Fall zurückziehen und sagen: Jetzt arbeitet meine Frau, jetzt bringt sie das Geld.

Es ist aber schwierig, Männer zu erreichen. Sie kommen nicht zu Diskussionsabenden, weil sie sagen, dass dort besprochene Themen wie Schulbildung nicht ihre Aufgabe seien. Wir suchen die Männer also in ihrem sozialen Umfeld auf. Nachmittag und Abend verbringen die meisten in der Bar, Männlichkeit bedeutet traditionell, jeden Tag Bier zu trinken und andere Männer zu treffen.

Dabei vertrinken sie oft das Geld, das sie tagsüber verdient haben, auch wenn die Familie nicht einmal Brot hat. Wir arbeiten mit Role Models, die hingehen und sagen: Muss das jeden Tag so sein? Lass uns darüber diskutieren.

Es gibt zwar schon auch Männer, die die wachsende Frauenbewegung unterstützen. Es gibt aber auch immer mehr Männer, die Angst haben, ihre Macht zu verlieren und sich deshalb organisieren. Es gibt viele Spender, die diese „Meministen“ (statt Feministen, Anm.) finanzieren.

Beim Besuch von Bundeskanzler Kurz im Dezember sagte Ruandas Präsident, Europa würde Afrikanern ein falsches Bild von sich vermitteln und Migration dadurch selbst fördern. Sehen Sie das auch so?

Ich glaube nicht, dass das Leben in Europa besser ist. Ich habe selbst zwei Jahre hier gelebt, aber ich habe mich nicht willkommen gefühlt.

Europas Umgang mit Migration ist problematisch: Man will in die Jugend in Afrika investieren, in die Schaffung von Jobs, doch der Jobmangel ist nicht das eine Problem, obwohl er natürlich eine große Hürde ist.

Problematisch ist auch ein politisches und soziales Umfeld, das es nicht schafft, junge Menschen ausreichend zu bilden und dafür zu sorgen, dass sie sich in dem Umfeld sicher fühlen. Für viele Frauen ist es etwa gefährlich, sich abends allein zu bewegen, was einen Job unmöglich macht.

Problem Nummer eins ist allerdings die Regierungsführung. Es gibt viel Korruption und Politiker, die nicht halten, was sie versprechen. Zu wenige junge Menschen sind in die Politik eingebunden, obwohl diese bei weitem die Mehrheit der Bevölkerung bilden. Hier ist die Arbeitslosigkeit sehr hoch. Ein beliebter Witz ist: Wenn du reich werden willst, musst du Politiker werden.

Welche Möglichkeiten sehen Sie, Menschen von Migration abzuhalten?

Die einzige Möglichkeit, Menschen zu überzeugen, in ihrer Heimat zu bleiben, ist, ihr Leben zu verbessern. Ein Teil von Afrikas Zukunft liegt darin, selbst Lösungen zu finden.

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