Fotos von Opfern im "Genocide Memorial" in Kigali

© AP/Ben Curtis

Politik | Ausland
04/05/2019

Genozid in Ruanda: Die Mörder von nebenan

25 Jahre nach dem bestialischen Völkermord mit 800.000 Toten blicken Täter und Opfer von einst gemeinsam nach vorn.

Marie-Jane Giraneza erinnert sich gut an die Nacht vor 25 Jahren, obwohl sie damals erst 12 Jahre alt war. „Mein Vater zog in einer Gruppe los“, berichtet die vierfache Mutter. „Sie hatten Macheten, Speere und Knüppel dabei.“

Marie-Janes Vater war einer der Hunderttausenden Ruander, die im Frühjahr 1994 binnen 100 Tagen mehr als 800.000 Landsleute niedermetzelten, weil sie einer anderen Ethnie angehörten.

Selbst Kirchen boten keinen Schutz

250.000 der Opfer, die selbst in Kirchen keinen Schutz vor ihren einstigen Nachbarn fanden und nach ihrem Tod meist einfach liegengelassen wurden, haben ihre letzte Ruhe unter großen Steinplatten im Genocide Memorial in Kigali gefunden.

In Ruandas Hauptstadt finden am Sonntag zentrale Gedenkfeiern zum 25. Jahrestag des Beginns der „Apokalypse“ statt, wie der Genozid hier genannt wird.

Durch Bild- und Tonaufnahmen, blutige Kleidungsstücke, Waffen und Porträts erschossener, mit Macheten zerhackter oder lebendig verbrannter Kinder wurde das jährlich von Hunderttausenden In- und Ausländern besuchte Memorial das Symbol für die Aufarbeitung im Land – und die Versöhnung.

Die Täter von 1994, „Génocidaires“ genannt, waren großteils Mitglieder der Hutu-Mehrheit, die Opfer Angehörige der Tutsi-Minderheit, aber auch Hutu, die sich nicht am Morden beteiligen wollten oder es verdammten.

Lange vorbereitet

Der Völkermord begann zwar erst nach dem bis heute ungeklärten Abschuss des Flugzeugs von Präsident Habyarimana, eines Hutu, am 6. April 1994. Er war aber von langer Hand vorbereitet worden – logistisch durch die Bereitstellung von Waffen und Milizentrainings, und propagandistisch, unter anderem durch einen radikalen Radio-Sender. Der entmenschlichte die Tutsi immer mehr und stachelte zur Gewalt an.

Ressentiments gegen die Tutsi hatte es schon lang gegeben – waren diese doch einst von den deutschen und belgischen Kolonialherren aufgrund wirrer Rassentheorien bevorzugt worden. Sie herrschten, bis die Hutu-Mehrheit nach der Unabhängigkeit 1962 die Macht übernahm.

Die auch aufgrund früherer Unruhen in Ruanda stationierten UNO-Truppen schritten 1994 zunächst nicht ein. Erst die von Tutsi-Flüchtlingen in Uganda gegründete Miliz "Patriotische Front Ruandas" (FDR)  unter dem heutigen Präsidenten Paul Kagame beendete das Töten. Am Ende waren drei Viertel der ruandischen Tutsi tot, zwei Millionen Menschen, vor allem Hutu, flohen ins Ausland.

Es war Kagame, der nach der Katastrophe das Land mit harter Hand einte, die Versöhnung massiv vorantrieb und Ruanda einen radikalen Modernisierungskurs verpasste. Seit Jahren boomt die Wirtschaft, Kigali soll zu Afrikas IT- und Dienstleistungszentrum werden, auch in Sachen Umweltschutz und Frauenrechte gilt Ruanda als Vorzeigeland.

Investoren, vor allem aus China, aber auch aus Europa, locken Rechtssicherheit und kaum vorhandene Korruption, über mangelnde Meinungsfreiheit oder Menschenrechtsverletzungen wird hinweggesehen.

Auf juristischer Seite sorgten lokale Laiengerichte, die Verfolgung der Haupttäter durch ein internationales Strafgericht und Projekte wie Versöhnungsdörfer dafür, dass Tutsi und Hutu tatsächlich friedlich Seite an Seite leben und zumindest offiziell nicht mehr zwischen den Ethnien unterschieden wird, auch wenn die Wunden wahrscheinlich nie ganz heilen werden.

Ein Beispiel für diesen großen Erfolg ist Marie-Jane, die junge Mutter. Ihr Mann ist ein Tutsi, der seine Familie im Genozid verloren hat – durch die Familie seiner Frau.