Finnische Soldaten: Das Heer ist gut ausgerüstet

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Politik Ausland
05/13/2022

Finnland und die NATO: Welche Gefahren der Beitritt birgt

Nach dem Beschluss, dem Militärbündnis beizutreten, steigt in Helsinki die Angst vor einer russischen Reaktion.

von Irene Thierjung

Es sind historische Tage für Europa: Am Donnerstag erklärte Finnland, unverzüglich der NATO beitreten zu wollen. In den kommenden Tagen bereits werde die Mitgliedschaft in der Verteidigungsallianz offiziell beantragt, teilten Premierministerin Sanna Marin und Präsident Sauli Niinistö mit. Das benachbarte Schweden dürfte vermutlich demnächst nachziehen.

 

Experten zufolge könnten die zwei Staaten, die jahrzehntelang keinerlei militärische Bündnisse eingegangen waren, damit noch heuer Teil der NATO sein. Das würde die Sicherheitsarchitektur Europas drastisch verändern – und zwar zu Ungunsten Russlands.

 

Massive Drohungen

Moskau droht insbesondere der Regierung in Helsinki seit Monaten mit einer militärischen Reaktion, sollte sie den Schritt in die NATO wagen. Es bezeichnete sogar die Stationierung von Atomwaffen an der Grenze als möglich. Zuletzt stand ein Stopp der Gaslieferungen an Finnland noch heute, Freitag, im Raum.

Doch wie gefährlich ist die Entscheidung für die NATO tatsächlich für Finnland? Lesen Sie hier die wichtigsten Fragen und Antworten zum Thema.

Wie schnell könnte Finnland der NATO beitreten?

Grundsätzlich sieht das Prozedere nach der Beantragung der Mitgliedschaft Verhandlungen am NATO-Hauptsitz in Brüssel vor, etwa über militärische Ressourcen. Diese könnten laut NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg im Falle Finnlands innerhalb eines Tages bewerkstelligt werden, da das Land über ein personell und technisch gut ausgerüstetes Militär verfüge und bereits lange äußerst eng mit der NATO kooperiere.

Einem Beitritt müssen in der Folge alle 30 NATO-Staaten zustimmen, was einige Monate dauern könnte.

Warum hat es Finnland überhaupt so eilig?

Wie auch in Schweden war die militärische Bündnisfreiheit in Finnland jahrzehntelang quasi Teil der gesellschaftlichen und politischen DNA, der größte Teil der Bevölkerung war klar gegen einen NATO-Beitritt. Das änderte sich nach dem russischen Überfall auf die Ukraine dramatisch. In der jüngsten Umfrage waren 76 Prozent der Befragten für einen Beitritt.

Sweden's PM Andersson meets with Finland's PM Marin in Stockholm

Die Angst vor Russland kommt nicht von ungefähr. Finnland war einst Teil des russischen Reiches und wurde im Zweiten Weltkrieg von der Sowjetunion überfallen. In der Folge musste es die östliche Region Karelien an den mächtigen Nachbarn abtreten und verpflichtete sich in einem "Friedensvertrag", sich aus westlichen Militärbündnissen herauszuhalten.

Angesichts der 1.300 Kilometer langen Landgrenze mit Russland setzte Finnland allerdings stets auf eine starke Landesverteidigung.

Wieso ist eine finnische NATO-Mitgliedschaft für Moskau ein rotes Tuch?

Wegen eben dieser 1.300 Kilometer. Ein NATO-Beitritt Finnlands würde die direkte Grenze zwischen Russland und der NATO mit einem Mal verdoppeln. Und auch die Schlagkraft der NATO würde mithilfe des finnischen Militärs deutlich erhöht.

Womit droht Moskau aktuell?

"Eine abermalige Ausweitung der NATO macht unseren Kontinent nicht stabiler und sicherer", sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow am Donnerstag nach der Ankündigung des finnischen NATO-Beitrittsgesuchs. Alles hänge nun davon ab, wie sich die Erweiterung entwickle und welche militärische Infrastruktur an die Grenzen verlegt würde.

Könnte Russland versuchen, den Beitritt militärisch zu verhindern?

Trotz aller Drohungen aus Moskau wird das in der NATO für extrem unwahrscheinlich gehalten. Die russischen Streitkräfte seien durch den Krieg gegen die Ukraine gebunden und zum Teil stark geschwächt, heißt es.

Zudem müsste Präsident Wladimir Putin damit rechnen, dass Finnland im Fall eines russischen Angriffs sofort militärische Unterstützung durch NATO-Staaten erhalten würde. So hat etwa das bedeutende NATO-Mitglied Großbritannien zugesichert, Finnland bei einem Angriff zur Seite zu stehen, selbst wenn es noch nicht offiziell Teil der Allianz sein sollte.

Als EU-Mitglied könnte Finnland darüber hinaus gemäß EU-Vertrag Beistand einfordern.

Welche möglichen Reaktionen sind wahrscheinlicher als ein Angriff?

Die NATO nennt z. B. Cyberangriffe gegen Finnland als mögliche Reaktion. Denkbar seien auch verstärkte Aktivitäten der russischen Luftstreitkräfte an der finnischen Grenze mit dem Ziel, die Bevölkerung zu beunruhigen. Seit Beginn des Ukraine-Kriegs gab es bereits mehrere Vorfälle mit russischen Militärjets.

Manche Experten rechnen zudem damit, dass Russland versuchen könnte, die öffentliche Meinung in Finnland zu beeinflussen, wie es im US-Wahlkampf der Fall war. Eine Möglichkeit dafür seien gefälschte Social-Media-Profile. Auch ein Stopp der Gaslieferungen ist möglich, dürfte Finnland aber vergleichsweise wenig treffen. Gas trägt nur fünf Prozent zum finnischen Energiemix bei.

Wird Schweden nun auch die NATO-Mitgliedschaft beantragen?

Ein alleiniger Beitritt Finnlands zur NATO würde Schweden im Norden Europas militärisch isolieren, immerhin sind auch Dänemark, Norwegen und Island NATO-Mitglieder. In Stockholm war daher immer klar, dass man dem Bündnis ebenfalls beitreten werde, wenn Finnland dies tue.

Am heutigen Freitag wurde eine mit Spannung erwartete Sicherheitsanalyse vorgelegt, die als Grundlage für die Entscheidung der Regierung in Sachen NATO gilt. "Eine schwedische NATO-Mitgliedschaft würde die Schwelle für militärische Konflikte erhöhen und damit einen konfliktpräventiven Effekt in Nordeuropa haben", heißt es in dem Dokument mit Blick auf die Vorteile eines Beitritts. Eine klare Empfehlung für oder gegen diesen Schritt liefert es aber nicht.

Am Sonntag wollen die Sozialdemokraten von Ministerpräsidentin Magdalena Andersson ihre Position öffentlich machen.

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