EU-Gesundheitskommissarin Stelle Kyriakides

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Interview
02/14/2021

EU-Kommissarin: "Grenzschließungen halten Virus nicht auf"

Stella Kyriakides will rasche Verfahren bei der Genehmigung neuer Impfstoffe gegen Coronavirus-Mutationen. Grenzschließungen, um das Virus zu stoppen, lehnt sie ab.

von Ingrid Steiner-Gashi

Für die in Europa so schleppend angelaufene Impfkampagne bekommt sie bittere Vorwürfe zu hören: Stella Kyriakides, Kommissarin für Gesundheit in der EU-Kommission. Doch die Zypriotin hält beim Interview mit einer Gruppe internationale Journalisten – darunter der Kurier – fest: Bis Ende des Sommers werden mehr als zwei Drittel der EU-Bürger gegen Corona geimpft sein. Stand heute sind es 19,2 Millionen; 30 Millionen Impfdosen wurden bisher in der EU ausgeliefert.

KURIER: Der Cluster mit der hoch-ansteckenden südafrikanischen Virusvariante in Tirol hat Deutschland dazu veranlasst, die Grenze zu Tirol fast ganz zu schließen. Sind wir jetzt wieder zurück bei den Grenzsperren vom Frühling?

Stella Kyriakides: Das Virus ist überall, aber mit Grenzschließungen werden wir es auch nicht aufhalten. Deutschland hat strenge Maßnahmen gesetzt. Unsere Empfehlungen sind: Nicht notwendige Reisen aus oder in Gebiete mit hohen Infektionszahlen oder wo viele der neuen Virusvarianten vorkommen, sollten möglichst nicht unternommen werden.

Wenn Maßnahmen ergriffen werden, sollten Mitgliedstaaten den Empfehlungen folgen, auf die sich alle geeinigt haben. Grenzüberschreitende Pendler sollen also von Reiseverboten ausgenommen werden. Österreich ja auch innerhalb des Landes Maßnahmen eingeleitet hat, damit sich die südafrikanische Variante nicht weiter verbreitet.

Wie kann speziell auf die Mutationen reagiert werden?

Wir wissen, dass die Maßnahmen wie soziales Distanzieren, Hygiene, Masken dabei helfen, das Virus einzugrenzen. Deshalb müssen wird es weiter so halten und gleichzeitig möglichst viele Menschen möglich rasch impfen. Die andere Frage ist: Wie finden wir die Mutationen? Wir müssen sehr viel mehr sequenzieren. Derzeit wird in der EU im Schnitt nur ein Prozent der gemeldeten Infektionen sequenziert, das ist viel zu wenig. Wir müssen auf eine Rate von mindestens 5 Prozent kommen.

Wie viel Leid eine schwere Krankheit mit sich bringt, weiß die 64-jährige Christdemokratin nur zu gut: Zwei Mal musste die Zypriotin gegen eine Krebserkrankung kämpfen. Den Kampf gegen Krebs in ganz Europa wollte sie daher ins Zentrum ihrer Arbeit in der EU-Kommission stellen – bis Corona kam.

Gesundheitskommissarin
Ende 2019 holte Kommissionschefin Ursula von der Leyen die Kinderpsychologin und frühere zypriotische Parlamentsabgeordnete als Gesundheitskommissarin in ihr Team.  Die verheiratete Mutter hat zwei erwachsene Kinder.

Gesicht der Impfkampagne
Kyrikakides hat für die EU-Kommission bei den Verträgen für die  Corona-Impfstoffe mit den Pharmafirmen mitverhandelt. Entsprechend viel Frust bekommt sie zu spüren.  

Was hat die EU aus den Fehlern der bisherigen Impfstrategie gelernt?

Wir haben es mit einer globalen Pandemie zu tun, wie es sie zu unserer Lebzeit noch nicht gegeben hat. Und trotzdem haben wir es binnen zehn Monaten geschafft, sichere und wirksame Impfstoffe zu entwickeln. Wir haben drei davon zugelassen, weitere sind in der Pipeline.

Jetzt sind wir gerade dabei, den Zulassungsprozess für die Impfstoffe zu verbessern. Neue Regeln sind nötig: Wir müssen für den Fall, dass die Impfstoffe gegen die Mutationen neu ausgerichtet werden müssen, nicht zurück auf Punkt Null, sondern können wie beim Grippeimpfstoff vorgehen. Er ist jedes Jahr ein bisschen anders, aber man geht nicht noch einmal den ganzen Zulassungsprozess durch. Das wird der Europäischen Arzneimittel-Agentur EMA) ermöglichen, schneller zu sein: Die Zulassungen werden schneller kommen.

70 Prozent der EU-Bürger sollen laut Kommission bis Herbst geimpft sein. Hält dieser Zeitplan ?

Im ersten Quartal werden wir rund 100 Millionen Impfdosen ausgeliefert haben. Das ist wegen der Lieferschwierigkeiten bei Astra Zeneca weniger als geplant. Aber im zweiten Quartal werden es 300 Millionen Dosen sein – von Biontech/Pfizer, Moderna und Astra Zeneca. Für das dritte Quartal haben wir weitere 300 Millionen Dosen bestellt.

Selbst ohne zu wissen, wie sich die Lage bei Astra Zeneca entwickelt, werden wir also bis Ende September mindestens 700 Millionen Dosen ausliefern, wenn die vereinbarten Liefermengen eingehalten werden. Das reicht für mehr als 70 Prozent der EU-Bürger. Wenn auch noch das Vakzin von Johnson & Johnson zugelassen wird, kommt bis Herbst noch mehr dazu.

Können Staaten selber Impfstoffe dazukaufen?

Können Sie sich vorstellen, wie 27 Staaten parallel mit den Pharmafirmen verhandelt hätten? Ich glaube nicht, dass kleine und große Staaten dann zur selben Zeit Zugang zu den Impfstoffen bekommen hätten. Ein Land kann mit einer der Pharmafirmen bilateral verhandeln. Aber dann muss es aus dem gemeinsamen EU-Vertrag mit dieser Firma aussteigen.

Werden sich angesichts der langsamen Lieferungen nach Ungarn auch andere EU-Länder dem russischen Impfstoff zuwenden?

Bei der EMA wurde noch kein Zulassungsantrag für „Sputnik V“ gestellt. Wenn ein EU-Staat seine Bürger mit einem nicht von der EMA zugelassenen Vakzin impfen will, darf er das tun. Er muss aber bei Problemen die Haftung übernehmen.

Die Länder des Westbalkans oder in Afrika haben bisher noch keine einzige Impfdosis aus der EU erhalten. Werden sie warten müssen, bis Europa selbst genug hat?

Es ging nie um ein „Europa zuerst“. Wir beteiligen uns an der weltweiten Impfplattform COVAX (unter Führung der WHO, Anmkg.). Erste Lieferungen sehen 100 Mio. Dosen für Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen außerhalb der EU vor. Priorität dabei haben auch Westbalkanländer und europäische Nachbarländer. Die EU hat den Westbalkanländern außerdem 70 Millionen Euro zur Verfügung gestellt, um Impfstoffe zu kaufen. Bisher konnten wir jedoch wegen der Engpässe bei der Produktion noch keine Länder außerhalb der EU mit diesen Impfdosen unterstützen.

Wird es einen europäischen Impfpass geben?

Wir brauchen ein gemeinsames europäisches Impfzertifikat, aber ich spreche nicht von einem Pass. Jedes Zertifikat liefert die notwendigen Aufzeichnungen und den medizinischen Überblick über unser Impfgeschehen.

Mit den Mitgliedsstaaten diskutieren wir derzeit intensiv über solch ein gemeinsames Zertifikat. Es soll ein Werkzeug der Gesundheitspolitik sein.

Wenn das aber anders gehandhabt wird, so ist das eine politische Entscheidung. Das müsste dann in der EU überall gleich anwendbar sein.

Wird die überall zunehmende Covid-Müdigkeit zum Problem, die Pandemie zu bekämpfen?

Das Leben von jedem von uns hat sich in den vergangenen zehn Monaten verändert. Ich verstehe die Erschöpfung und die Müdigkeit, die uns allen zu schaffen macht. Aber wir sind nicht mehr beim Punkt Null. Es gibt Licht am Ende des Tunnels

Hat die EU zu wenig Geld in die Forschung und Entwicklung der Impfstoffe gesteckt?

Im Gegensatz zur EU hatten die USA bereits die Behörden-Strukturen innerhalb ihres Gesundheitssystems, um sofort loslegen zu können.

Wir hingegen müssen diese Strukturen nun erst noch schaffen. Am Mittwoch werden wir dazu ein Programm vorstellen, das es uns erlauben wird, künftig bei Pandemien schnell und besser vorbereitet zu sein. Dieses „Bio-Abwehrbereitschafts-Programm“ soll bereits beim Kampf gegen die Corona-Mutationen nützlich sein.

Heute in einem Jahr: Werden wir die Pandemie hinter uns haben?

Ich habe gelernt, solchen Szenarien zu misstrauen. Wenn wir jetzt ein Jahr zurückschauen, dann hätten wir uns damals auch nicht vorstellen können, wo wir heute sind.

Ich kann nur sagen: Wir werden jeden Stein drei Mal umdrehen und tun, was immer nötig ist, um so schnell wie möglich aus dieser Pandemie heraus zu kommen.

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