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13.04.2017

BVB-Anschlag: Festgenommener wohl nicht beteiligt

Festnahme: Der 26-Jährige soll zwar im Irak für den IS gekämpft haben, aber nicht an dem Anschlag auf die Mannschaft des BVB beteiligt gewesen sein.

Nach dem Anschlag auf die Mannschaft des deutschen Fußball-Bundesligisten Borussia Dortmund ( BVB) hat die Bundesanwaltschaft Haftbefehl gegen einen festgenommenen Iraker beantragt - aber nicht wegen Beteiligung an dem Anschlag selbst. Darauf gebe es bisher keine Hinweise, so die Behörde am Donnerstag. Der 26-Jährige soll aber Mitglied der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) sein.

Laut Bundesanwaltschaft soll sich der 26-jährige Abdul Beset A. spätestens Ende 2014 im Irak dem IS angeschlossen haben. Den Erkenntnissen zufolge führte er dort das Kommando über eine Einheit von etwa zehn Personen. Aufgabe seiner Einheit war es demnach, Entführungen, Verschleppungen, Erpressungen und auch Tötungen vorzubereiten. Er soll auch selbst gekämpft haben.

28-jähriger Deutscher als zweiter Verdächtiger

Im März 2015 reiste er laut deutscher Bundesanwaltschaft in die Türkei, von wo er Anfang 2016 wieder nach Deutschland zurückkehrte. Von dort aus unterhielt der Beschuldigte demnach weiterhin Kontakte zu IS-Mitgliedern. Am Donnerstag in der Früh wird er dem Ermittlungsrichter des Bundesgerichtshofs vorgeführt, der über den Erlass eines Haftbefehls und die Anordnung von Untersuchungshaft entscheiden wird. "Die Ermittlungen haben bisher keinen Beleg dafür ergeben, dass der Beschuldigte an dem Anschlag (in Dortmund, Anm.) beteiligt gewesen ist", teilte die Bundesanwaltschaft mit. Bei einem zweiten Verdächtigen handelte es sich um einen 28-jährigen Deutschen aus Fröndenberg im Kreis Unna. Bei beiden waren nach Angaben der Bundesanwaltschaft die Wohnungen durchsucht worden.

Keine 24 Stunden nach dem Anschlag wurde das neu angesetzte Champions-League-Viertelfinal-Hinspiel Mittwochabend gegen AS Monaco angepfiffen. Das Spiel endete mit einer2:3-Niederlage für die deutsche Mannschaft.

Trotz aller Sicherheitskontrollen war man um ein Höchstmaß an Normalität bemüht. Der Kommentator des TV-Senders Sky sagte: "Versuchen wir’s so normal wie's geht. Ich muss Sie nicht immer daran erinnern." Am Dienstag waren kurz vor dem ursprünglich angesetzten Spiel drei Sprengsätze nahe dem BVB-Bus gezündet worden. Dortmunds Abwehrspieler Marc Bartra wurde schwer an Hand und Arm verletzt und operiert. Ein Polizist erlitt ein Knalltrauma und einen Schock. Die Ermittler gehen von einem gezielten Angriff aus.

Für den früheren BVB-Profi Torsten Frings ist die Wiederansetzung nicht einmal 24 Stunden danach "eine absolute Frechheit". "Ich hätte nicht gern gespielt", sagte der Ex-Nationalspieler und nunmehrige Trainer des Bundesliga-Konkurenten SV Darmstadt 98. Auch Trainer Tuchel kritisierte die schnelle Wiederansetzung.

Das Match: Viel Leidenschaft, aber kein Erfolg für Dortmund

Hintergrund: Von München bis Paris - Terror bei großen Sportereignissen

Kurz vor dem Champions-League-Spiel gegen den AS Monaco waren am Dienstagabend gegen 19.15 Uhr drei Sprengsätze in der Nähe des Mannschaftsbusses des BVB explodiert, als dieser vom Hotel im Dortmunder Stadtteil Höchsten zum Stadion abfuhr. Nach Informationen von BVB-Boss Watzke verlief die Operation des bei dem Anschlag verletzten Marc Bartra auch erfolgreich, für ihn dürfte die Saison jedoch gelaufen sein. Dass er 2017 noch einmal zum Einsatz kommt, gilt als unwahrscheinlich (mehr Informationen dazu finden Sie hier).

Chronologie der Ereignisse:

"Sprengstoffangschlag" auf Mannschaftsbus: Bilder aus Dortmund

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Die Polizei eskortierte das Team des BVB umgehend zurück in das Mannschaftshotel.

Zum dem Zwischenfall kam es auf dem Weg ins Dortmunder Stadion.

Bei dem Sprengstoffanschlag wurden die hinteren Fenster des Mannschaftsbusses beschädigt.

Die Spieler von Borussia Dortmund, im Bild unter anderem Pierre-Emerick Aubameyang (li.), wurden umgehend ins Mannschaftshotel zurückgebracht.

Zehn Kilometer vor dem Stadion explodierten drei Sprengsätze. Polizei und Rettungskräfte waren schnell vor Ort.

Die Evakuierung des Stadions verlief ohne Zwischenfälle.

Rund 80.000 Fans mussten das Stadion verlassen - die Tickets für das Champions-League-Viertelfinale behalten ihre Gültigkeit.

Der beschädigte Mannschaftsbus des BVB.

Polizeiaufgebot vor dem Spiel

Polizeiaufgebot vor dem Spiel

BVB-Boss Hans-Joachim Watzke im Signal Iduna Park

Pressestimmen zum Dortmunder Anschlag und zur Neuansetzung des Spiels

Internationale Tageszeitungen kommentieren am Donnerstag den Anschlag auf den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund und die Neuansetzung des Champions-League-Spiels des BVB gegen Monaco einen Tag nach dem Anschlag:

"Corriere della Sera" (Rom):

"Die Dummheit des - möglicherweise islamistischen - Terrorismus hat gestern zu einem glorreichen Fußballfest geführt. Hat die Beziehung zwischen den Deutschen und Franzosen gefestigt. Hat weltweit eine Fratze aufziehen lassen gegen den Obskurantismus derjenigen, die das Leben im Westen ersticken wollen. (...) Eine Sache, die sich der Terrorismus nicht vorstellen vermag, ist, dass seine Attentate Angst hervorrufen, aber vor allem auch Einheit unter den potenziellen Opfern. (...)

Natürlich wurde gestern nicht nur gefeiert. Die Sicherheitskontrollen in den Stationen, in der U-Bahn und in der riesigen Umgebung um das Stadion waren maximal. (...) Aber in dem Moment, in dem mehr als 60.000 Fans das Stadion gefüllt hatten, schien es, als tauten sie auf - auch die schwer bewaffneten Polizisten lächelten nach und nach. (...)

Die Partie endete schließlich mit einem 3:2 für Monaco. Die Spieler der Borussia schienen - vor allem zu Beginn des Matches - wenn nicht unter Schock, dann wenigstens unkonzentriert. Am Ende des Spiels aber ertönte tosender Applaus im Stadion, (...) die Gäste tauschten mit den Deutschen die Schals, trugen teilweise beide, gelb-schwarze und rote. Mehr als ein Flop, dieses Attentat."

"L'Alsace" (Moulhouse):

"Der Umgang mit solchen Vorfällen spiegelt jedoch letzten Endes die wahre Stärke einer Gesellschaft wider. Da spielen Klubfarben, Namen, Nationen, Rivalitäten oder soziale Stellung keine Rolle mehr. Wird der im Sport so oft vergebens verlangte Zusammenhalt so offen gelebt wie am Dienstagabend in Dortmund, sind solche Attacken zum Scheitern verurteilt."

"Frankfurter Allgemeine Zeitung":

"Nicht einmal 24 Stunden nach der Attacke rollt schon wieder der Ball. Zu Recht? Nüchtern betrachtet ist dies nur dem dicht getakteten Zeitplan im Milliardengeschäft Fußball geschuldet. Von den jungen Multimillionären wird auch nach einem solchen Schock erwartet, dass sie funktionieren. Doch tatsächlich ist die trotzige Haltung von Dortmund ein Signal an jene, die unsere Gesellschaft spalten wollen. Die tollen Szenen einer neuen Fanfreundschaft von Dortmund und Monaco und die Solidaritätsbekundungen aus aller Welt zeigen, dass der freie, offene Westen stärker ist als seine engstirnigen Feinde."

"Die Welt" (Berlin):

"Ein Angriff auf eine Mannschaft ist gleichzeitig ein Angriff auf den Verein und die Fans - egal, wo sie leben. In Asien, in Amerika und in der arabischen Welt lieben Menschen den FC Barcelona, Bayern München oder eben Borussia Dortmund. Kinder verehren Lionel Messi, sie tragen das Trikot von Robert Lewandowski und freuen sich über einen Champions-League-Sieg vom BVB. Der Angriff von Dortmund trifft sie alle, die Gegner sind für einen Moment andere."

"Münchner Merkur":

"Bei allem Verständnis für Rahmenterminkalender: Weniger, also ein Champions-League-Mittwochabend ohne Dortmunder Beteiligung, wäre mehr gewesen. Denn die Show muss nicht zwangsläufig weitergehen. Kurz innehalten, das sollte gestattet werden - nicht zuletzt den unmittelbar betroffenen Dortmunder Akteuren, die Mittwochabend anderes im Kopf hatten als gegen den Ball zu treten. Eine Verschnaufpause hätte auch genutzt werden können, um den Tätern zuzurufen: You'll walk alone!"

"Der Tagesspiegel" (Berlin):

"Dass die Spieler von Borussia Dortmund nur einen Tag nach diesem Anschlag auf ihr Leben zum Spiel antraten, verdient größten Respekt. Das ist die richtige Antwort an jene, die - ein Zufall? - in der Karwoche ein Blutbad in Deutschland anrichten wollten. Freie und offene Gesellschaften dürfen sich trotz ihrer unvermeidlichen Verwundbarkeit den Einschüchterungsversuchen von Terroristen jeglicher Couleur nicht beugen. (.) Polizei, Geheimdienste und Justiz müssen daher so gut wie möglich ausgestattet und von der Politik unterstützt werden. Dennoch wird sich nicht jeder Anschlag verhindern lassen. Aber jedes verhinderte Attentat und jeder verhinderte Attentäter werden die Überzeugung der Bürger stärken, ihr Staat tue wirklich das ihm im Rahmen des Rechts Mögliche, um ihre Sicherheit zu gewährleisten."

"Nürnberger Nachrichten":

"Der Anschlag lässt Rivalitäten im Fußball vergessen, Sieg und Niederlage zur Nebensache werden. Denn allen ist klar, dass es um mehr geht. Dass es ein Angriff auf uns alle ist. Und dass die einzig wirksame Reaktion auf diesen Terror nur sein kann, weiter zu leben wie bisher. Das ist natürlich gerade für unmittelbar Betroffene alles andere als einfach."

"Stuttgarter Zeitung"

"Dass die Entscheidung, das Spiel am Tag darauf stattfinden zu lassen, so kurz nach dem Anschlag fiel, ist fragwürdig - mit Rücksicht auf die Spieler wie aus prinzipiellen Gründen. So lange die Hintergründe nicht geklärt sind, kann man auch keine vernünftige Gefahrenprognose abgeben. Doch offenbar sind die kommerziellen Interessen für solche Erwägungen zu stark."

"Kölner Stadt-Anzeiger":

"The games must go on", die Spiele müssen weitergehen - so lautete die Botschaft, die Avery Brundage als Präsident des Olympischen Komitees bei der Trauerfeier für die elf von palästinensischen Terroristen ermordeten Mitglieder der israelischen Mannschaft 1972 in München verkündete. 45 Jahre später heißt es schlicht: Das Spiel wird weitergehen. So oder so."

"Neue Osnabrücker Zeitung":

"Der Terror wirkt trotzdem. Zwar ist es ermutigend, wie souverän Fans, Fußballer und Verantwortliche im Verein mit der Situation in Dortmund umgegangen sind. Und es ist beruhigend, wie schnell die Polizei erste Verdächtige festnehmen konnte. Aber der Terror wirkt. Und er hat den Fußball zum Ziel erklärt. Schon heute wirken die Sicherheitsmaßnahmen für einige Fußballspiele fast absurd im Vergleich zu früheren Zeiten. Aber sie werden zumindest im Spitzenfußball noch aufwendiger werden. Das verändert die Stimmung. Auch ein Flugplatz ist nicht mehr ein offenes Tor zu Welt, sondern eine lästige Sicherheitsschleuse. Jeder, der Israel bereist hat, kennt das unsichere Gefühl angesichts der dauernden Präsenz von Sicherheitskräften, die an Terrorgefahr erinnern. Und der in Deutschland wachsende islamistische Terror wird nicht ohne Einfluss auf das Verhältnis zu den Muslimen bleiben. Ein Teufelskreis: Wer pauschal verdächtigt wird, wird wiederum leichter zu einem tatsächlichen Täter."

"Westfälische Nachrichten" (Münster):

"Anschläge sollen Aufmerksamkeit erzeugen und vor allem Angst. Aufmerksamkeit, ja, die haben die Täter bekommen. Aber keine Angst. Fußballfreunde, oft als biertrinkende Minderintelligenzler verunglimpft, stehen zusammen und lassen sich nicht vereinzeln. Sie verstecken sich nicht im Keller und zittern. Sie stehen zusammen auf den Tribünen und schreien. You'll never walk alone, dieser sentimentale Song aus einem amerikanischen Kitsch-Musical, millionenfach gegrölt in so vielen Stadien, er schweißt zusammen und lässt die erzittern, die uns Angst machen wollen. Wer meine Mannschaft angreift, greift mich an. Das erzeugt keine Furcht, sondern Solidarität und Kraft. Die Attentäter, was immer sie wollten, haben sich mit der Fußballfamilie das falsche Ziel ausgesucht."

CDU-Innenexperte fordert neues Sicherheitskonzept

Der Vorsitzende des Innenausschusses im Deutschen Bundestag, Ansgar Heveling (CDU), hat als Konsequenz aus dem Sprengstoffanschlag in Dortmund ein neues Sicherheitskonzept für große Fußballspiele gefordert. "Angesichts des Anschlags von Dortmund werden die Sicherheitsbehörden ihren Fokus für den Schutz großer Fußballspiele weiter fassen müssen", sagte Heveling der "Rheinischen Post" (Donnerstag).

Bisher stünden eher die Menschenmengen im Stadion im Zentrum der Aufmerksamkeit. Offensichtlich müssten aber auch die Routen der Spieler und das gesamte Umfeld stärker in die Sicherheit einbezogen werden, sagte der Innenexperte. "Wenn es sich bewahrheiten sollte, dass in Dortmund ein islamistischer Anschlag verübt wurde, dann stehen wir vor einer neuen Qualität des Terrors, weil mit der BVB-Mannschaft eine konkrete Gruppe das Anschlagsziel war", sagte Heveling.

Auch für den Vizevorsitzenden des Bundes Deutscher Kriminalbeamter, Sebastian Fiedler, greift die Debatte über schärfere Einlasskontrollen in Fußballstadien nach dem Anschlag auf den Mannschaftbus von Borussia Dortmund zu kurz. Fiedler sagte am Donnerstag im ZDF-Morgenmagazin, die Politik müsse Sicherheitsbehörden und -dienste stärken. "Privatorganisationen wie Vereine im Fußball sind natürlich auch gefragt", betonte Fiedler. "Wir werden in den nächsten Jahren damit leben müssen, dass wir es innerhalb der Gesellschaft mit einer höheren Bedrohungssituation zu tun haben."

Kurz vor dem Champions-League-Spiel von Borussia Dortmund gegen den AS Monaco waren am Dienstagabend drei Sprengsätze in der Nähe des BVB-Mannschaftsbusses explodiert, als dieser vom Hotel im Dortmunder Stadtteil Höchsten zum Stadion losfuhr. Dabei wurden der Innenverteidiger Marc Bartra und ein Polizist verletzt.

Die ersten Ermittlungen nach dem Sprengstoffanschlag auf den BVB-Mannschaftsbus deuten auf einen islamistischen Hintergrund der Tat hin. Laut Bundesanwaltschaft wurden zwei Verdächtige aus dem islamistischen Spektrum ins Visier genommen, von denen einer vorläufig festgenommen wurde. Laut Bundesanwaltschaft lagen im Bereich des Anschlagorts drei Bekennerschreiben. Diesen zufolge sei ein islamistischer Hintergrund des Anschlags "möglich". Die Schreiben werden noch ausgewertet.