John Bolton mit Donald Trump

© REUTERS/LEAH MILLIS

Politik Ausland
06/18/2020

Die Rache des John Bolton an Donald Trump: "Atemberaubend uninformiert" und korrupt

Ignorant, unberechenbar und korrupt - so wird Donald Trump in einem neuen Buch seines früheren Sicherheitsberaters John Bolton beschrieben.

von Dirk Hautkapp

Während Donald Trump das mit Spannung erwartete Enthüllungsbuch seines ehemaligen Nationalen Sicherheitsberaters John Bolton auf dem Klageweg vom Buchhandel fernhalten will, beugt sich Amerika bereits mit Genuss und Befremden über die durchgesickerten Details. Sie rücken den Präsidenten der Vereinigten Staaten in ein katastrophales Licht.

Mehrere führende US-Zeitungen zitieren aus ihnen zur Verfügung gestellten Vorab-Exemplaren des knapp 600 Seiten starken Werks. Das Wall Street Journal druckte sogar ein Kapitel ab. Das Weiße Haus schäumt und strengte am Mittwochabend eine Eilverfügung an, um die Verbreitung der Schrift noch zu verhindern und Bolton in Regress zu nehmen. Titel des Buches: “Der Raum, in dem es geschah” - Memoiren aus dem Weißen Haus”. Mit “der Raum” ist das Oval Office gemeint, die Schaltzentrale des amerikanischen Präsidenten.

"Atemberaubend uninformiert"

Neben dem Befund, dass Trump “erratisch” und “atemberaubend uniformiert” ist (er fragte einmal, ob Finnland zu Russland gehört und war überrascht, als ihm zugetragen wurde, dass Großbritannien die Atombombe besitzt…), wirft Bolton seinem früheren Arbeitgeber massiven Amtsmissbrauch vor.

Danach seien sämtliche Entscheidungen Trumps allein von dessen Wiederwahl-Kalkulationen getrieben gewesen. “Ein Präsident darf die legitime Macht der Regierung nicht missbrauchen, in dem er seine persönlichen Interessen mit den Interessen des Landes gleichsetzt oder durch das Erfinden von Ausreden, um das Verfolgen persönlicher Interessen unter dem Vorwand der Interessen des Landes voranzutreiben”, doziert Bolton dazu an einer Stelle.

Dass Trump der Ukraine dringend gegen Russland benötigte Militärhilfe in dreistelliger Millionenhöhe solange versagen wollte, bis die Regierung in Kiew “Dreck” zutage fördert, der seinen demokratischen Herausforderer Joe Biden beschädigt (Gegenstand des im Winter gescheiterten Amtsenthebungsverfahrens), sei kein Einzelfall gewesen.

Bolton, der als Nationaler Sicherheitsberater wie wenige zwischen April 2018 und seinem Rücktritt September 2019 nahezu täglich engsten Kontakt mit Trump hatte und oft unmittelbarer Augen- und Ohrenzeuge war, beschreibt etwa, wie der Präsident sein chinesisches Gegenüber Xi Jinping 2019 beim G 20-Gipfel im japanischen Osaka bedrängt habe, “seinen Sieg sicherzustellen” bei der US-Wahl in diesem November. 

Wie? Indem Peking massiv Produkte wie Soja und Weizen von US-Landwirten kauft. Das würde seine Chancen, in den betroffenen Bundesstaaten zu siegen und eine zweite Amtszeit zu erringen, entscheidend beeinflussen, zitiert Bolton den Präsidenten sinngemäß.

Die exakten Worte Trumps könne er nicht schreiben, weil der Gegenleser der Regierung (Bolton musste wie üblich in solchen Fällen das Manuskript vorher aushändigen, worüber es aber ungelösten Streit gibt) dies beanstandet habe.

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Uiguren in KZs

Noch erschreckender: Als Xi bei einer Privat-Unterredung Trump erläutert habe, warum Peking die muslimische Minderheit der Uiguren in Konzentrationslager steckt, habe Trump dies gutgeheißen. “Laut unserem Dolmetscher sagte Trump, dass Xi den Bau der Lager vorantreiben solle und dass er denke, das dies genau das Richtige sei”, heißt es in Boltons Buch.

Weil Trump strafrechtliche US-Ermittlungen etwa gegen die türkische "Halkbank" auf direkte Intervention von Präsident Erdogan unterlaufen habe und “Diktatoren, die er mochte, persönliche Gefallen zu tun bereit war”, spricht Bolton Trump ein “Verhaltensmuster” zu, das “nach Behinderung der Justiz als Alltagsgeschäft aussah”. 

Der 71-Jährige, der bereits unter Präsident George W. Bush diente und lange US-Botschafter bei den Vereinten Nationen war, will darüber mehrfach mit Justizminister Bill Barr gesprochen haben.

"Der labert nur Scheiße"

Unvorteilhaft ist das Buch, dessen geplante Auslieferung nächste Woche wegen der gerichtlichen Auseinandersetzung mit Trumps Anwälten fraglich ist, auch für amtierende Kabinettsmitglieder. Etwa Außenminister Mike Pompeo, der gern Trumps größten Fan und bedingungslosen Erfüllungsgehilfen gibt. Während des ersten, substanzlos ausgegangenen Gipfels mit Nordkoreas Diktator Kim Jong 2018 in Singapur habe Pompeo Bolton eine auf Trump gemünzte handschriftliche Notiz zugesteckt. Inhalt wörtlich übersetzt: “Der labert nur Scheiße.” Trumps Versuche, Pjöngjang zur Aufgabe von Atomwaffen zu bewegen, so der US-Chef-Diplomat, hätten “null Wahrscheinlichkeit auf Erfolg”.

Kann nie zuhören

Weitere Goldnuggets aus dem Buch: Geheimdienst-Briefings für Trump waren “Zeitverschwendung”, weil meistens Trump geredet habe anstatt zuzuhören. In Venezuela einzumarschieren wäre “cool”, weil das Land “ja wirklich ein Teil der Vereinigten Staaten ist”, fand Trump.  Zu Xi Jinping sagte Trump, dass er in Amerika bedrängt würde, die Verfassung zu ändern, um mehr als zwei Amtszeiten absolvieren zu können.

Seinen Schwiegersohn Jared Kushner beauftragte Trump mehrfach an allen Verantwortlichen vorbei mit dubiosen diplomatischen Sonder-Missionen, die für großen Unmut sorgten. Hinter Trumps Rücken mokierten sich selbst engste Mitarbeiter regelmäßig über den Präsidenten.

Journalisten hinrichten

Viele Top-Offizielle, etwa der geschasste Stabschef General John Kelly, hätten sehr früh mit Rücktritt geliebäugelt, weil sie es nicht mehr aushielten. Journalisten nannte Trump “Dreckskerle”, die ins Gefängnis gehörten, damit sie ihre Quellen offenbarten. “Diese Leute sollten hingerichtet werden”, sagte Trump einmal laut Bolton wörtlich.

 

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