© EPA/John Reyes

Politik Ausland
06/06/2021

Blut, Wut, Verzweiflung: Die historische Tragödie Lateinamerikas

Die Stichwahl in Peru gilt als düsteres Zeichen - nicht nur für das Land selbst, sondern für den gesamten Subkontinent, der nicht zur Ruhe kommt.

von Konrad Kramar

Sie sei immerhin das kleinere Übel: Mehr Lob konnte sich Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa nicht abringen. Der inzwischen 84-jährige Schriftsteller aus Peru galt immer als die Stimme des liberalen, westlich orientierten Lateinamerika. Der Sozialismus, egal wo und wie er auf dem Subkontinent politisch Fuß fasste, ist für den greisen Dichterfürsten mehr denn je der Todfeind. An diesem Sonntag aber will mit Pedro Castillo ein deklarierter Sozialist die Präsidentenwahlen gewinnen. Seine Vorbilder sind das Kuba der Castros und sogar das längst in Blutbad und Gewaltherrschaft abgedriftete Venezuela.

Das Castillo mit dieser Vision die Armen des Andenstaates begeistern kann, liegt schlicht an ihrer verzweifelten sozialen Lage, die durch die Pandemie nur noch schlimmer geworden ist.

Peru verzeichnet die höchsten Todesraten der Welt. Das von Vargas Llosa empfohlene kleinere Übel ist Keiko Fujimori, Tochter des Rechtskonservativen Alberto, der das Land in den 1990ern führte: autoritär, geprägt von Korruption und Gewalt. Rechts gegen Links – und dazwischen ein Volk, das von dieser Politik nichts zu erwarten hat und ohnehin nichts mehr erwartet.

Ein Wahlsonntag in Peru, in dem sich die historische Tragödie Lateinamerikas widerspiegelt. Die politische Mitte hat man hier das ganze 20. Jahrhundert über nie gefunden, von wenigen Ausnahmen wie Uruguay einmal abgesehen. Die meist weißen, gesellschaftlichen Eliten haben ihre Privilegien und ihren Reichtum seit dem Ende der Kolonialherrschaft Spaniens und Portugals nie eingebüßt und verteidigen sie, wenn es sein muss, auch mit Waffengewalt.

Ein Blick auf die größten Krisenherde in der Region:

Peru: Das alte Spiel "links gegen rechts"

Die Stichwahl am Sonntag um das Präsidentenamt steht exemplarisch für die Krise Lateinamerikas. Ein Schlagabtausch der politischen Extreme. Der Marxist Pedro Castillo will einen sozialistischen Staat aufbauen, die Medien stärker kontrollieren und das Verfassungsgericht abschaffen. Seine Gegnerin Keiko Fujimori ist die Tochter des einstigen rechten Staatschefs Alberto Fujimori. Dessen Amtszeit war geprägt von Korruption, Entmachtung des Parlaments und brutalen Militäreinsätzen. Seine Tochter will ihn begnadigen und seinen rechten Kurs wieder aufnehmen.

Chile: Der gescheiterte Liberalismus

Eben erst hat Chiles Präsident Sebastián Piñera mit seiner rechten Regierung bei Wahlen eine schwere Niederlage kassiert. Jetzt hat der 71 Jahre alte Milliardär eingestanden, dass er nicht die richtigen Antworten auf die drängenden Fragen der Menschen parat hat. Ende 2019 brachen Massenproteste der Studenten aus, der Anlass waren gestiegene U-Bahn-Tarife, doch bald ging es um den Kampf gegen den von Piñera zurechtgestutzen Sozialstaat und
seine neoliberalen Wirtschaftsreformen. Die haben zwar dem eigentlich ökonomisch starken Chile gute Wirtschaftsdaten verschafft, aber die arme Bevölkerung zurückgelassen.

Venezuela: Sozialismus, Diktatur, Korruption

Seit der Offizier Hugo Chavez 1999 an die Macht kam, steuert Venezuela auf einem sozialistischen Kurs. Tatsächlich wurde ein Teil des immensen Rohstoff-Reichtums des Landes – es hat die größten Ölvorkommen der Welt – für die Armen ausgeben, der Großteil aber floss in die Taschen der Günstlinge des Regimes. Investitionen in Infrastruktur, oder Wirtschaft wurden versäumt. Chavez’ Schüler und Nachfolger Nicolas Maduro ist seit Jahren nur noch mit dem
gewaltsamen Machterhalt beschäftigt und hat Aufstände blutig niedergeschlagen. Das Land ist wirtschaftlich am Ende, Millionen sind geflohen.

Brasilien: Rechtspopulist betreibt Raubbau

Der ehemalige Offizier, Jair Bolsonaro, der mit seinen Attacken gegen Korruption und grassierende Gewalt populär und 2018 zum Staatschef geworden
war, hat in der Corona-Krise einen Gutteil seiner Beliebtheit eingebüßt. Der Rechtspopulist und Trump-Anhänger hat mit seiner Leugnung der medizinischen und sozialen Realität in der Pandemie das Land in eine tiefe Krise gestürzt und politisch versagt. Die Hoffnungen auf einen wirtschaftlichen Aufschwung durch mehr Sicherheit und Stabilität hat er nie erfüllen können, stattdessen setzte Bolsonaro, gestützt von den Großunternehmern des Landes, nur auf forcierte Ausbeutung natürlicher Ressourcen, wie etwa des Regenwaldes in Amazonien.

Kolumbien: Aufstand gegen Armut und soziale Kluft

Als 2016 der Friedensvertrag mit den Guerillakriegern der FARC unterschrieben wurde, gab es ernsthaft Hoffnung auf ein Ende der von Gewalt und politischer Instabilität geprägten Jahrzehnte. Doch die seit Wochen laufenden gewaltsamen Proteste in der Region Cali zeigen, dass die riesigen sozialen Gegensätze zwischen Arm und Reich durch die Corona-Krise nur noch schlimmer geworden sind. Die konservative Regierung hat mit ihren geplanten Reformen des Steuer- und des Gesundheitssystems erneut die Armen und die verschwindende Mittelschicht belastet. Die Reichen des Landes verteidigen ihren Besitz ohnehin seit Jahrzehnten mit Privatarmeen und Söldnern.

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