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Ausgesperrt – und trotzdem weiter auf Tiktok

Australien: Der Kontinent wollte Kinder mit einem der strengsten Social-Media-Gesetze der Welt schützen. Ein halbes Jahr später zeigt sich: Viele Jugendliche sind weiter online, die Risiken bleiben.
Markus Strohmayer aus Melbourne
Teens discuss Australia's social media ban for under-16s, set to take effect December 10, in Sydney

Eine halbe Stunde am Smartphone. Mehr brauchte es vor drei Jahren nicht, um das Leben des australischen Teenagers Mac Holdsworth aus der Bahn zu werfen.

Und es nur wenig später auf tragische Weise zu beenden. Der damals 16-jährige Schüler war auf Snapchat und Instagram unterwegs, als die Nachricht einer – wie Mac glaubte – jungen Frau in sein Postfach flatterte. Rasch entwickelte sich ein Gespräch. Die vermeintlich 18-Jährige machte ihm Komplimente, schickte Fotos von sich, auch explizite. Es sollte nicht lange dauern, ehe sie ihn aufforderte, ihr ebenfalls Nacktfotos zu senden. Mac stimmte zu.

Was danach passierte, ist das, was Ermittler „Sextortion“ nennen: Das Handy des Jugendlichen läutete, am anderen Ende der Leitung nicht die erhoffte Stimme seines Onlineschwarms, sondern die eines 47-jährigen Mannes. „Er forderte 500 Dollar. Andernfalls würde er die Fotos veröffentlichen“, erinnert sich Macs Vater Wayne Holdsworth.

Die Familie bezahlte, doch der Erpresser wollte mehr. Wie aus späteren Polizeiprotokollen hervorgeht, sagte der 47-Jährige an einem Punkt sogar: „Wenn du nicht zahlst, werden alle die Fotos sehen, deine Familie wird dich hassen und du wirst dich umbringen wollen.“ Wenig später veröffentlichte der Mann die Fotos.

Macs Familie stand hinter ihm. Doch mit seiner zweiten Aussage sollte der Kriminelle recht behalten. Es war der 24. Oktober 2023, als Wayne Holdsworth seinen toten Sohn in dessen Zimmer fand. „Hilfe zu holen und seiner 14-jährigen Schwester zu erklären, was passiert war, war der schlimmste Moment meines Lebens.“

Wenn Wayne heute zurückdenkt, gab es Anzeichen. Sein Kind habe nach diesem Erlebnis zwar betont, es sei alles in Ordnung, doch der einst selbstbewusste Kapitän der Schul-Football-Mannschaft veränderte sich: „Er machte keinen Sport mehr, zog sich zurück. Mac konnte niemandem mehr vertrauen.“

3.000 Fälle in Österreich

2.931 Fälle von Erpressung mit intimen Bildern oder Videos wurden 2024 in Österreich angezeigt, die Dunkelziffer dürfte weit höher liegen. „Sextortion“ und vergleichbare Verbrechen sind somit keine fernen Probleme. In Australien hat die Politik reagiert und eines der weltweit strengsten Social-Media-Gesetze für unter 16-Jährige beschlossen. Holdsworth, der sich von seinem Schmerz nicht auffressen lassen wollte, startete eine Initiative zur Suizidprävention und für einen verantwortungsvolleren Umgang mit sozialen Medien. Mit seinem unermüdlichen Einsatz wurde er zu einem der Aushängeschilder auf dem Weg zu diesem Gesetz.

Die international viel beachtete Rechtsvorschrift ist seit einem halben Jahr in Kraft. Sie verpflichtet Plattformen wie Tiktok, Instagram, Facebook oder Youtube, das Alter ihrer Nutzer zu prüfen und Kinder de facto auszusperren. Premierminister Anthony Albanese argumentierte vor allem mit dem Schutz der psychischen Gesundheit Minderjähriger. Verantwortung tragen nicht Kinder oder Eltern, sondern die Plattformen: Ihnen drohen Strafen bis zu 50 Millionen australische Dollar.

Nach Australiens Vorpreschen ziehen Länder in Europa und Asien nach. In Österreich soll Anfang 2027 ein eigenes Social-Media-Gesetz kommen. Details sind noch offen, klar ist aber: Auch hier sollen Plattformbetreiber in die Pflicht genommen werden. „Wir müssen unsere Kinder vor den Algorithmen der Online-Giganten schützen“, hieß es von Vizekanzler und Medienminister Andreas Babler (SPÖ). Im Fokus des Schutzes stehen in Österreich Kinder, diskutiert wird ein Mindestalter von 14 Jahren. Bildungsminister Christoph Wiederkehr (Neos) kündigte zudem an, dass ein reines Verbot nicht reichen werde. Parallel wolle man die digitale Medienkompetenz stärken.

AUSTRALIA-INTERNET-BAN

Mehr Gespräche

„Kontrollieren wir die sozialen Medien und lassen wir uns nicht von ihnen kontrollieren“: Holdsworth ließ von Anfang an keinen Zweifel daran, dass er das Gesetz unterstützt. Für ihn ist klar: „Hätte Mac nicht dieses Foto von sich verschickt, würde er noch leben.“

Anders als manche andere Politiker behauptete der 57-Jährige aber nie, dass sich ein derart komplexes Problem einfach lösen lässt: „Das Gesetz ist nur der Anfang. Entscheidend ist Aufklärung.“ Holdsworth schlägt damit in dieselbe Kerbe wie mehr als 100 Forscher und Experten, die im Vorfeld der „Verbannung“ von Kindern aus den sozialen Medien einen differenzierten Zugang forderten.

Einer, der vor allem Bedenken bezüglich der technischen Umsetzung hatte, war Cybersecurity-Forscher Shaanan Cohney von der University of Melbourne. Und tatsächlich zeigen aktuelle Studien ernüchternde Ergebnisse: 75 Prozent der 14- und 15-Jährigen in Australien konsumieren weiterhin Social Media.

Im Gespräch mit den eigentlichen Betroffenen, den australischen Jugendlichen, bestätigt sich die Experteneinschätzung rasch: „Wir sind alle noch online“, erzählt der 15-jährige Jake. Als seine Mutter nachfragt, ob er die Apps austricksen musste, weicht er aus.

Mehr Kontrolle?

Auch Mutter Diana wirkt verlegen: „Vermutlich hätten wir strenger kontrollieren sollen.“ Mit diesem Gefühl ist sie nicht allein: Viele Eltern erleben, dass die Verantwortung trotz Gesetz bei ihnen bleibt.

Oberstufenschülerin Caroline hat ebenfalls nach wie vor vollen Zugriff. Zwar sei sie von Snapchat kurzzeitig ausgesperrt gewesen. Eine Neuinstallation habe dieses „Problem“ aber behoben. Dadurch, dass nicht all ihre Freunde zurückgekommen sind, werde „Snap“ allerdings weniger genützt. „Wir reden jetzt mehr miteinander und weniger über Likes und Follower“, beschreibt das Mädchen ihre Erfahrungen mit dem neuen Gesetz.

Ein positiver Nebeneffekt, doch die Praxis zeigt, wie leicht die Alterskontrollen der Plattformen zu umgehen sind. Es ginge besser, aber „verlässlichere Zugangssperren gehen Hand in Hand mit Überwachung und massiven Eingriffen in die Privatsphäre“, warnt Cohney (mehr dazu im Interview.)

Ein Umstand, der auch österreichische Datenschützer beschäftigt. „Es wäre illusorisch zu glauben, dass wir nur über Kinder reden“, sagt Thomas Lohninger von der Datenschutzorganisation „Epicenter Works“. Alterskontrollen könnten alle treffen – und sensible Daten ausgerechnet bei jenen Konzernen landen, denen viele schon jetzt nicht trauen.

Schule, Hausübung, Fußballtraining, Familie – und trotzdem drei bis fünf Stunden täglich auf Tiktok und Snapchat. Für die 13-jährige Mia aus Wien Realität. Für sie sind soziale Netzwerke mehr als Zeitvertreib. „Die Apps sind wichtig, um mit Freunden zu kommunizieren. Und ich finde dort Tutorials und Ratschläge.“

Mia weiß, dass ihre Handyzeit sie manchmal vom Lernen ablenkt. Verzichten möchte sie dennoch nicht. Entsprechend naiv wäre es, anzunehmen, dass ein Verbot die heimischen Kids lückenloser fernhalten würde als australische Altersgenossen.

Caroline Thain von der Jugendorganisation „Headspace“ beobachtet eine unerwünschte Nebenwirkung des Verbots: Manche Jugendliche geben sich jetzt als älter aus. „Viele bekommen so noch unpassenderen Content ausgespielt.“ Auch Schülerinnen und Schüler in Melbourne erzählen von verstörenden Videos: Amokläufe, Krieg, sexuell explizite Inhalte.

Zügelloser Algorithmus

Das Problem, glaubt Thain, ist nicht der Zugang, sondern wie die Plattformen funktionieren: Algorithmen, endloses Scrollen, kein sicheres Design. Wieso Betreiber hier so zaghaft vorgehen, liegt für Kritiker auf der Hand: „Am Ende geht es ums Geld“, sagt Matthias Jax von der österreichischen Initiative „Safer Internet“.

Die australische Aktivistin Mia Bannister stimmt zu. Nach sechs Monaten mit dem neuen Gesetz ist für sie klar: Die Regierung muss die angekündigten Millionenstrafen nun auch verhängen.

Bannister teilt ein Schicksal mit Wayne Holdsworth. „Ich kam nach Hause und fand meinen toten Sohn. Dieses Bild werde ich nie vergessen“, sagt sie und streicht über ein Amulett mit der Asche ihres Sohnes Ollie, der sich im Alter von nur 14 Jahren das Leben nahm. Sie ist überzeugt: Ohne den negativen Einfluss sozialer Medien würde er noch leben.

Die 52-Jährige räumt ein, dass die Probleme ihres Kindes vielschichtig waren. „Er hatte eine Essstörung. Social Media war nicht die Ursache, aber es machte alles schlimmer.“ Ihr Sohn begann jedes Reiskorn abzuwiegen, sein Algorithmus sei voll von Fitness- und Ernährungsinhalten gewesen.

Der Teenager verlor massiv Gewicht und musste im Spital behandelt werden. Dazu kamen Mobbing-Attacken, vor allem online. „Zwei Gleichaltrige schrieben ihm auf Snapchat, er solle sich umbringen. Die Tragweite war ihnen nicht klar“, sagt Bannister mehr als zwei Jahre nach dem Suizid ihres einzigen Kindes. Dass sie ihm damals ein Smartphone gekauft habe, bereue sie bis heute: „Ich wollte ihm Anschluss geben, aber was er bekam, war eine Waffe.“

Wie Holdsworth hat Bannister eine Initiative gegründet. „Ich habe Kinder mit Suizidgedanken getroffen, die mir gesagt haben: ,Nach Ihrem Vortrag mache ich es nicht.‘“ Auch Holdsworth berichtet von solchen Momenten. Prävention ist möglich, wenn sie früh ansetzt.

Gespräche statt Strafen

Bannister unterstützt das Gesetz, sieht die Umsetzung aber differenziert. Perfekt sei diese nicht, doch das Gesetz habe eine breite Debatte ausgelöst. Eltern rät sie, nicht mit Strafe zu reagieren. „Erziehung in der digitalen Welt ist, als würde man einen Zaun um einen Wirbelsturm bauen. Es geht darum, zu sagen: nicht nie, aber noch nicht.“

Dass Fälle wie der von Ollie keine Einzelschicksale am anderen Ende der Welt sind, bestätigt Kathrin Sevecke, Direktorin der Innsbrucker Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie: „Ständige Vergleiche bei Aussehen oder Körperbildern können Essstörungen und psychische Belastungen verstärken.“

Ein Gesicht mit jugendtypischer Akne mit KI-generierter oder via Filter optimierter Normschönheit zu vergleichen, erhöhe das Risiko für depressive Symptome. „Ich sehe kein grundsätzliches Problem in einer Einschränkung sozialer Medien, wenn sie Kinder schützt“, konkretisiert die Ärztin. „Die Algorithmen aktivieren ständig Dopamin-Reize, das fördert Abhängigkeit.“

Radikalisierung

In Österreich kommt ein weiteres Motiv hinzu: Radikalisierung. Nach dem Messerangriff in Villach und dem Amoklauf in Graz wurde die Rolle des Internets als Raum der Rekrutierung politisch besonders betont.

Doch egal, ob medizinisch oder politisch motiviert – an dieser Stelle schließt sich der Kreis: Wie schon in Australien geraten die Plattformen in den Fokus. Sie spielen Jugendlichen Gewaltvideos, Kriegsbilder oder extremistische Positionen algorithmisch verstärkt aus – häufig, ohne dass diese danach suchen.

Österreich steht heute dort, wo Australien vor einem Jahr stand: Der politische Wille ist da, die Umsetzung bleibt offen. Denn viele Plattformen unterliegen europäischem Recht, und nationale Alleingänge sind nur eingeschränkt möglich. Zudem ist mittlerweile klar: Alterskontrollen sind leicht zu umgehen oder greifen tief in die Privatsphäre ein. Funktionieren sie, können sie Jugendliche in weniger regulierte Räume treiben.

Australien zeigt: Das Verbot war der leichte Teil. Nun geht es darum, die Tech-Riesen in die Verantwortung zu zwingen. Denn anders als Altersgrenzen haben sie die Macht, digitale Räume tatsächlich sicherer zu machen.

Der Autor war einige Jahre Chronik-Redakteur des KURIER und lebt zurzeit in Australien. Dieser Text wurde mit einem Anerkennungspreis im Rahmen des nö. Journalismuspreises ausgezeichnet.

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